Stolpersteine

Familie Levy aus Halensee wird nicht vergessen

Unsere Autorin wohnt in Halensee. In ihrem Haus lebten einst Juden, die in Auschwitz ermordet wurden. Nun sollen Stolpersteine an sie erinnern. Wer waren sie? Eine lange Spurensuche in den Archiven.

Foto: Privat

Das Haus, in dem ich lebe, ist ein unauffälliger Altbau aus der Gründerzeit in Halensee. Ende der 1930er-Jahre lebten hier Kaufmänner, Angestellte, ein Amtsrat, ein Bäcker, eine Lehrerin und ein Feuerwehrmann. Auch Julius Levy wohnte in dem Haus. Zusammen mit seiner Frau Käte und seinem Sohn Werner wurde er am 26. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert und später ermordet. Sie waren nicht die Einzigen. Am kommenden Dienstag verlegen Bewohner und Freunde des Hauses vor der Tür Stolpersteine für die Levys und sieben weitere jüdische Nachbarn, die von dort verschleppt worden waren. Mit den zehn Steinen sollen sie ihre Namen zurückbekommen. Ein Akt des Erinnerns, dem eine lange Geschichte vorausgeht.

Man kann nicht durch Charlottenburg-Wilmersdorf laufen, ohne Stolpersteine zu entdecken. Auf den Gehwegen vor vielen Häusern erinnern die zehn mal zehn Zentimeter großen Steine mit in Messingplättchen eingestanzten Namen an Opfer des Nazi-Terrors, meist jüdische Bürger, die von dort in die Vernichtungslager verschleppt wurden. 2656 dieser Namensplättchen liegen im Bezirk, in ganz Berlin sind es 6200. Und es werden mehr. Die Berliner Stolperstein-Initiativen können die Nachfrage kaum bewältigen. Auch 70 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager ist die Geschichte nicht aufgearbeitet. Nicht nur Historiker und Hinterbliebene forschen weiter, auch Berliner Bürger stellen sich diesem düsteren Kapitel.

Der Schrecken im eigenen Haus

Beeindruckt von dem Gedenkprojekt, das der Bildhauer Gunter Demnig 1996 initiiert hat, hatte mein Nachbar 2013 eine gemeinsame Recherche für unser Haus angeregt. Wie viel mehr hinter einer Stolpersteinverlegung steckt als das so wichtige Gedenken, verstanden wir erst, als wir uns dann auf die Suche machten. Es ist eine lange und oft schmerzhafte Konfrontation mit der deutschen Geschichte, die mit ihren Schrecken auch ins eigene Zuhause einbricht.

Rückblick: Eine erste Anfrage bei der bezirklichen Stolperstein-Initiative nimmt uns zunächst einmal die Luft. Koordinator Helmut Lölhöffel schickt eine Liste mit gleich zwölf Namen von Opfern, die bis zur Volkszählung 1939 in unserem Haus lebten. Neun von ihnen wurden nach Sobibor, Minsk, Theresienstadt oder Auschwitz deportiert, drei nahmen sich kurz davor in ihren Wohnungen das Leben. Das muss erst einmal sacken. Zwölf Namen, ein paar Daten und eine Liste möglicher Quellen. Wer waren Betty Mendelsohn, Sophie Roschanski und Else Blumenthal? Hoffte das Ehepaar Stenger noch auf Rettung, als die Holländers den Freitod wählten? Und wie war es den Levys ergangen, bevor sie mit ihrem 16-jährigen Sohn in den Tod geschickt wurden? Wie viel Verzweiflung füllte unsere Räume? Wir werden es nie genau wissen, sondern allenfalls Bruchstücke finden, die wir zumindest teilweise zusammensetzen wollen.

Die Puzzleteile lagern zum Teil sehr gut erhalten in einer ganzen Reihe von Archiven. Einige sind frei im Internet zugänglich, andere nur nach vorheriger Anfrage einsehbar. Für eine Stolpersteinverlegung maßgeblich ist der letzte freiwillige Wohnsitz eines vom Nazi-Terror Verfolgten, denn danach wurden die jüdischen Bewohner oft aus ihren vorherigen Wohnung verdrängt und in andere Häuser auf engem Raum zwangseingewiesen. Unser Haus war so ein „Judenhaus“, stellen wir schon im Berliner Adressbuch fest, das wir im Internet studieren. Bis in die 40er-Jahre ist es nach Straßen und Hausnummern geordnet. Betty Mendelsohn finden wir dort ab 1934, andere später, einige nicht, weitere Namen tauchen auf. Wir ziehen das Berliner Gedenkbuch und das Gedenkbuch im Bundesarchiv hinzu und gleichen ab. Auch das Holocaust-Archiv von Yad Vashem in Jerusalem ist online verfügbar. Hier haben überlebende Verwandte sogenannte „Pages of Testimony“ für ihre vermissten Angehörigen abgelegt. Diese Zeugenblätter können die letzte Adresse bestätigen, die Berufe und die Namen der Eltern der Opfer nennen und den Verwandtschaftsgrad und eventuell eine Adresse des Hinterbliebenen. Das macht Hoffnung, vielleicht ist ja noch einer von ihnen zu finden.

Bürokratie des Schreckens

Der nächste Weg führt auf den Windmühlenberg in Potsdam. Dort hatte bisher das Brandenburgische Landeshauptarchiv seinen Sitz, in dem die Akten des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg lagern. Das Archiv zieht jetzt nach Golm um. Die Akten offenbaren, wie akribisch die Nazi-Bürokratie die „Vermögensverwertung“ der Juden wie ganz normale Vorgänge abarbeitete. Es ist eine Bürokratie des Schreckens. Wir brauchen eine Anmeldung, ein Aktenzeichen und einen Termin, um in den schlichten Würfelbau zu gelangen. Zwei Archivare sitzen in einem schmucklosen verglasten Büro mit Blick auf den kleinen Leseraum, in dem die Akten eingesehen werden können. Alle verfügbaren Dossiers zu unseren Namen liegen bereit. In einem weiteren Glasraum stehen Lesegeräte für Mikrofiches. Für das Ehepaar Stenger gibt es nur so einen Mikrofiche mit den bekannten Eckdaten.

Die Dossiers der anderen Opfer sind harte Kost. Zwischen abgegriffenen Aktendeckeln lagern ihre Vermögenserklärungen, wie sie alle Juden vor ihrer Deportation abgeben mussten und mit denen sie ihr Eigentum praktisch an die Nazis überschrieben. Auf Vordrucken listeten sie den gesamten Hausstand auf, von der Einrichtung über Küchenutensilien bis zur Wäsche, wenn vorhanden auch ihr Geldvermögen und die letzten Kilo Kartoffeln oder Kohlen im Keller. Schmuck, Silber, Radios oder Fahrräder kommen nicht vor, all das mussten sie schon seit 1939 abliefern. Seit 1942 auch Pelze und Wollsachen.

Es ist bedrückend, ein Leben auf diese Dinge reduziert zu sehen, und doch geben auch sie Aufschluss über ihre Besitzer und ihre Räuber. Grete Holländer etwa hat vor ihrem Selbstmord noch detailliert ihr Geldvermögen aufgelistet, über dessen Herausgabe sich später der Oberfinanzpräsident mit der Deutschen Bank streitet. Tausende Reichsmark Judenvermögensabgabe und Reichsfluchtsteuer war den wohlhabenderen Familien bereits vorher abgenommen worden. Das Hausinventar wurde taxiert und weit unter Wert an Händler weitergeleitet. Die Quittungen liegen in den Akten. Akribisch vermerkt ist auch, ob Miete, Bewag und Gasag bezahlt sind. Und dass dem Hausverwalter wegen zwischenzeitlichen Leerstands Mietausfall erstattet wird.

Das Archiv der Entschädigungsbehörde gehört zum Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten am Fehrbelliner Platz 1. Auch dort helfen die Archivare bei der Suche nach Akten, die man mit Termin studieren kann. Die Unterlagen liegen in Holzfächern im Sekretariat des Archivs bereit, das man über endlos lange Flure im Erdgeschoss des Gebäudes erreicht. Der Lesesaal wie ein Klassenzimmer. Hier liegen in teils sehr umfangreichen Dossiers, in losen Papiersammlungen, Dokumenten und Briefen die Anträge der Hinterbliebenen auf Wiedergutmachung. Geschwister, Nichten, Cousins und Kinder berichten über die Familienverhältnisse und die Lebenssituation vor dem Krieg. Banken und Versicherungen nehmen Stellung, rechnen ungefähre Verluste auf und um. Namen lebender Personen sind hier aus Datenschutzgründen nicht zu finden. Und doch gibt es Anhaltspunkte, die weiterhelfen könnten. Betty Mendelsohn etwa könnte noch einen Enkel in New York haben, Marga Levy, verheiratete Forester, noch in Philadelphia/USA leben.

Wartezeiten bis zu zwei Jahren

Wir stellen fest, dass zwei Namen auf unserer Namensliste zu anderen Adressen gehören, und stellen für zehn Personen einen Antrag auf Stolpersteinverlegung. Vielleicht im Herbst, heißt es, aber daraus wird nichts, wir werden auf 2015 vertröstet. Wartezeiten bis zu zwei Jahren sind inzwischen die Regel. Die Recherche läuft mit Unterbrechungen weiter, wir lesen Zeitzeugenberichte, um ein besseres Bild zu bekommen. Eine Frage führt zur nächsten. Wir suchen weiter nach Hinterbliebenen.

Im Februar dann die Nachricht: Am 28. April werden die Steine verlegt. Unsere Recherche bekommt neuen Schwung. Die Suche nach dem Mendelsohn-Enkel läuft ins Leere. Marga Forester, geborene Levy, haben wir verpasst. Sie ist 2014 mit 90 Jahren in Philadelphia verstorben. Sie hat eine Tochter, eine Enkelin und einen Urenkel hinterlassen. Ein Nachruf in einer Lokalzeitung bringt uns auf die Spur ihrer Tochter Carole. Endlich bekommt unsere Geschichte ein Gesicht. Carole Parker kennt Deutschland nicht, an den Nachlass ihrer Mutter hat sich die 70-Jährige noch nicht herangewagt. Und doch ist sie froh über die Stolpersteine. Sie schickt uns Fotos und die Erinnerungen ihrer Mutter. Zumindest von einer Familie haben wir jetzt ein besseres Bild.

Tochter Marga überlebte als Einzige

Am Ende können wir das Puzzle für unsere Hausbewohner nicht komplett zusammensetzen. Es ist eine Collage geworden mit viel Raum für Ergänzungen. Julius Levy war ein erfolgreicher Textilkaufmann aus Ludwigshafen. Als er seine Firma 1936 verkaufen musste, zog er mit seiner Frau Käte und seinen Kindern Marga und Werner nach Berlin. Seinem Beruf durfte er nicht mehr nachgehen. In der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde er verhaftet und für sechs Wochen im KZ Sachsenhausen festgehalten, eine traumatische Erfahrung. Eher wollte er sich umbringen als noch einmal in ein KZ zu gehen. Eine Emigration gelang der einst wohlhabenden Familie nicht, nur die 15-jährige Marga konnten sie 1939 mit einem der letzten Kindertransporte nach England schicken. Sie überlebte als Einzige ihrer Familie den Holocaust. Julius, Käte und Werner mussten, wie unsere anderen jüdischen Nachbarn, in Berliner Betrieben Zwangsarbeit leisten. Am 26. Februar 1943 wurden sie nach Auschwitz deportiert. Sie waren damals 51, 52 und 16 Jahre alt. Unsere verschwundenen Nachbarn sollen nicht vergessen werden.

Stolpersteine wurden 1996 von dem Bildhauer Gunter Demnig erfunden. Sein Projekt ist ein dezentrales Denkmal, das die Erinnerung an die Opfer des Nazi-Terrors zu den Orten zurückbringt, wo sie zuletzt freiwillig gelebt hatten. Etwa 47.000 Stolpersteine liegen inzwischen in Deutschland und 18 weiteren europäischen Ländern, 6250 davon in Berlin. Die meisten von ihnen in Charlottenburg-Wilmersdorf (2656), Mitte (1138) und Schöneberg (735).

Foto: Initiative Stolpersteine Charlottenburg-Wilmersdorf / initiative stolpersteine Charlottenburg-Wilmersdorf

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