Ausstand

Warum die Charité-Mitarbeiter in den Warnstreik treten wollen

Am Montag und Dienstag legen Hunderte Charité-Mitarbeiter die Arbeit nieder. Krankenschwester Grit Wolf und Carsten Becker, Vorsitzender der Verdi-Betriebsgruppe an der Charité, sagen, warum.

Foto: Jakob Hoff

Grit Wolf fühlt sich verantwortlich. Verantwortlich für die Patienten, die sie als Krankenschwester auf einer neurologischen Station des Charité-Klinikums Rudolf Virchow in Wedding pflegt. Doch es fällt der 36-Jährigen zunehmend schwer, den eigenen Ansprüchen an ihre Arbeit gerecht zu werden. Zu sehr habe die Belastung zugenommen. „Wir haben keine Zeit mehr für wirklich gute Pflege“, sagte sie am Freitag vor Journalisten. Aus diesem Grund wird sie sich am Warnstreik beteiligen, zu dem die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ihre Mitarbeiter an der Charité aufgerufen hat.

Gestreikt wird Montag und Dienstag kommender Woche an allen drei Standorten des Universitätsklinikums – Mitte, Wedding und Steglitz. Nicht für höhere Gehälter, sondern für mehr Mitarbeiter. Verdi spricht von einem Pflegenotstand, was die Charité entschieden zurückweist. Die Gewerkschaft fordert tarifvertraglich festgelegte, verbindliche Regelungen zur personellen Mindestbesetzung auf allen Stationen, konkret einen Personalschlüssel von einer Pflegekraft für fünf Patienten bei der normalen Pflege.

Auf Intensivstationen solle der Schlüssel mindestens eins zu zwei betragen, zudem sollten im Nachtdienst immer mindestens zwei Pflegefachkräfte pro Station eingeteilt sein. Schließlich fordert die Gewerkschaft eine Gesundheitskommission, die Empfehlungen für „gute und gesunde Arbeit“ gibt, sowie einen Fonds, mit dem die Umsetzung dieser Empfehlungen finanziert wird.

Täglich Aufnahme von Patienten

Die Verweildauer der Patienten an der Charité sei in den vergangenen Jahren verkürzt worden, daher gebe es eine höhere Fluktuation, tägliche Aufnahmen und Entlassungen von Patienten, berichtete Grit Wolf, die ihre Ausbildung am Universitätsklinikum absolvierte und seit 2006 dort beschäftigt ist. Die Zunahme der Management- und Verwaltungsaufgaben sowie der größere Patientendurchlauf hätten dazu geführt, dass sie und ihre Kollegen die Patienten nicht so intensiv beobachten und betreuen könnten, wie es nötig wäre. Im Nachtdienst seien zwar zwei Pflegekräfte auf der Station, diese müssten sich allerdings um 38 Patienten kümmern, sagte Wolf. Mindestens drei Schwestern wären ihrer Überzeugung nach erforderlich. Zudem müsse eine Kollegin im Notfall und für Pausenzeiten auf der Nachbarstation aushelfen, wenn dort nur eine Mitarbeiterin eingeteilt ist. Dann aber sei auf der Neurologie nur noch eine Schwester.

„Dieser Zustand ist untragbar und eigentlich nicht mehr zu verantworten“, kritisierte Grit Wolf. Die Patienten bekämen nur noch die vorgeschriebenen Pflegeleistungen. Es sei etwa nicht mehr möglich, deren Fragen zu Behandlungen und Medikamenten eingehend zu beantworten. Von Zuwendung ganz zu schweigen. Darunter hätten Kranke und Mitarbeiter zu leiden. Oft sei sie so übermüdet und gestresst, dass sie sich auch in ihrer Freizeit nicht erholen könne, sagte die Krankenschwester. Und immer begleite sie die Angst, einen Fehler gemacht oder etwas Wichtiges in der Patientendokumentation vergessen zu haben.

Diese Schilderung gebe keinen Einzelfall wieder, sondern spiegele den Normalzustand, betonte Carsten Becker, Vorsitzender der Verdi-Betriebsgruppe an der Charité. Dieser Normalzustand gefährde die Patienten – nicht der Streik. Im Nachtdienst seien häufig Mitarbeiter alleine für bis zu 30 Patienten zuständig. Auf Intensivstationen sei nachts ein Personalschlüssel von eins zu 3,3 die Regel, habe eine Erhebung der Gewerkschaft ergeben. Viele Mitarbeiter in der Pflege würden sich „in die Teilzeitarbeit flüchten“, um dem Druck noch standhalten zu können.

Jede zweite Pflegekraft an der Charité arbeite nicht in Vollzeit. „Kaum einer kann sich vorstellen, das bis zur Rente im Dreischichtsystem durchzuhalten“, sagte der gelernte Kinderkrankenpfleger. Der 49-Jährige kam 1996 ans „Virchow“, heute ist er als Mitglied des Personalrats freigestellt. Den Personalrat hätten in den vergangenen Monaten 450 Gefährdungsanzeigen von Mitarbeitern erreicht, erzählte er. Beim Warnstreik gehe es nicht nur um die Belange der Mitarbeiter, sondern um die Qualität der Patientenversorgung, so der Verdi-Betriebsgruppenchef. Daher der Slogan: „Mehr von uns ist besser für alle“.

„Kein Patient bleibt alleine“

Die Streikbereitschaft an der Charité sei in allen Bereichen sehr groß, erklärte Becker. „Auch dort, wo nicht unmittelbar Patienten medizinisch betreut werden, also etwa in der Verwaltung oder bei den Reinigungskräften, sei die Arbeitsbelastung stark gestiegen. „Ginge es nach der tatsächlichen Streikbereitschaft, müssten am Montag und Dienstag eigentlich alle drei Charité-Standorte vom Netz genommen werden“, sagte der Verdi-Vertreter. Das aber werde nicht geschehen – aus Verantwortung den Patienten gegenüber. „Kein Patient an der Charité wird am Montag und Dienstag alleine gelassen“, betonte Becker. Nun betreffe der Warnstreik knapp 25 Prozent aller Charité-Betten.

Auf 68 Stationen werde der Betrieb eingeschränkt, drei kardiologische Stationen, zwei im Klinikum Virchow in Wedding und eine im Klinikum Benjamin Franklin in Steglitz, würden komplett geschlossen. Ursprünglich war von zehn geschlossenen Bereichen die Rede, dies sei aber, so Verdi, nach Verhandlungen mit der Leitung des Universitätsklinikums reduziert worden. Vom Streik seien auch Abteilungen der Intensivmedizin betroffen. Alle Notfalloperationen seien aber gewährleistet, sagte Verdi-Verhandlungsführerin Meike Jäger. Wie berichtet, hatte die Charité 400 planbare Operationen für die beiden Tage abgesagt. Verdi erwartet indes Probleme in den Ambulanzen.

Die Gewerkschaft verhandele mit dem Universitätsklinikum seit zwei Jahren über in einem Tarifvertrag festgelegte Personalquoten, sagte Jäger. Man habe den Warnstreik ausgerufen, weil sich die Verhandlungen im Kreis drehten. Zwar biete die Arbeitgeberseite inzwischen personelle Mindeststandards an, allerdings nur für die Bereiche der Intensivmedizin. Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité, hatte am Donnerstag das Angebot bestätigt. Dafür wären 50 bis 60 zusätzliche Pflegekräfte erforderlich, so Frei. Die Forderungen von Verdi liefen auf 600 zusätzliche Pflegekräfte und damit jährliche Mehrkosten von 30 bis 36 Millionen Euro hinaus. Das sei nicht zu finanzieren, erklärte der Ärztliche Direktor. Verdi lehnt die Offerte der Arbeitgeber ab. Sie sei unzureichend, zudem wolle man die Belegschaft nicht spalten.

Die Gewerkschaft fordert zudem von der Bundespolitik, die Personalbemessung in der Pflege gesetzlich zu regeln. Und die Berliner Landespolitik solle die Quoten in den neuen Krankenhausplan aufnehmen, der Mitte des Jahres vorgestellt wird. Das ist auch vorgesehen. „Wir werden im künftigen Krankenhausplan alle uns zur Verfügung stehenden Mittel ausschöpfen, um Qualitätskriterien und damit verbundene rechtssichere Personalschlüssel aufzunehmen“, sagte Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) am Freitag.