Gedächtniskirche

Das runderneuerte Berliner Wahrzeichen

Seit 2012 wurde an und in der Ruine der historischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gewerkelt. Jetzt ist die Konservierung des Turms, die nur durch Sponsoren möglich wurde, offiziell beendet.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Sie ist eines der bekanntesten Wahrzeichen Berlins, Touristenmagnet zu jeder Jahreszeit und eines der zentralen deutschen Mahnmale gegen den Krieg. Seit 2012 wurde an und in der Ruine der historischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gewerkelt, repariert, ausgetauscht und erneuert. Mehrfach schien ein Ende der Arbeiten greifbar und rückte doch wieder in weitere Ferne.

Seit Donnerstagnachmittag ist die restauratorische Konservierung des alten Turms der Gedächtniskirche nun offiziell beendet. Geehrt wurden bei einem Festakt am Breitscheidplatz auch Unterstützer und Spender, die mit ihrer finanziellen Hilfe den Kraftakt erst möglich gemacht hatten. Zu den Hauptsponsoren gehörte auch die Berliner Morgenpost, die bereits Ende 2007 eine Spendenkampagne für das Berliner Wahrzeichen gestartet hatte. Stellvertretend für alle 1454 sogenannten Fugenpaten, deren Namen auf einer ins Mauerwerk eingelassenen Schriftrolle verewigt werden, wurde eine bronzene Ehrentafel mit 80 Spendernamen am Turm montiert.

Beim Festakt erinnerte der für die Sanierung des alten Turms verantwortliche Architekt Gerhard Schlotter daran, dass für die Kirche keine Baudokumente mehr vorlagen und das Aufmaß sowie die Bestandserfassung völlig neu gemacht werden mussten. Dies geschah mit einer 3-D-Laserscan-Bearbeitung des Bauwerks. So wurde vermieden, allein für diese Arbeiten ein aufwendiges Gerüst aufzustellen. Daher konnte auch das Gerüst für die Restaurierungsarbeiten so perfekt in die Ruine eingepasst werden, dass die Handwerker unabhängig vom Betrieb auf dem Breitscheidplatz tätig sein konnten.

Dank an die Spender

Schlotter erinnerte auch an das „temporäre Hochhaus“, also die Plattenkonstruktion, die statt Planen über viele Monate das Gerüst verdeckte und die Silhouette der Kirche bestimmte – zur Verwirrung so mancher Berlin-Besucher, die schon befürchteten, die Turmruine sei durch ein neues Geschäftshaus ersetzt worden. Schließlich präsentierte der Architekt einige beeindruckende Zahlen: So seien 1000 Quadratmeter Natursteinflächen mit einem Gewicht von zehn Tonnen ersetzt worden. An circa 7500 Stellen habe man eine Ersatzmasse auf Natursteine auftragen müssen, um diese zu schließen. 15.300 Meter Fassadenfugen seien erneuert worden. Und um die Zeiger der Turmuhr wieder leuchten zu lassen, seien 11.750 Blatt 24-karätiges Gold aufgetragen worden.

Pfarrer Martin Germer bedankte sich in seiner Ansprache vor rund 200 Gästen bei den vielen Spendern und den Hauptsponsoren, die die Aktion „Rettet den Turm“ entwickelt und ermöglicht hatten. Dabei gedachte er auch zweier bedeutender Akteure der Spendenkampagne, Angelo Ertel von der Agentur „Kaiserwetter“ und Frank Gilly von der Berliner Bank, die verstorben sind.

Aufgefallen war die Baufälligkeit des 1895 fertiggestellten, neuromanischen Kirchenbaus, von dem seit einem Bombenangriff im Jahre 1943 im Wesentlichen nur der Turm mit dem abgebrochenen Dach übrig geblieben war, im Jahr 2007. Ein Architekt hatte Schäden an der 5300 Quadratmeter umfassenden Natursteinfassade entdeckt, die so gravierend waren, dass ohne umfassende Sanierung sogar eine Gefährdung von Passanten durch herabstürzende Gesteinsbrocken befürchtet werden musste. Fassadensteine waren rissig, die Fugen bröckelten. Dort, wo nach der Zerstörung des eigentlichen Kirchenschiffes die inneren Ziegelsteinwände bloß lagen, hatten Regenwasser und Kälte den nur für einen geschlossenen Raum gedachten Mauern besonders zugesetzt. Erschütterungen durch den Straßenverkehr und die nahe U-Bahn sowie aggressiver Taubenkot taten ein Übriges.

Turm 2010 eingerüstet

Im September 2010 wurde mit der Einrüstung des alten Turms begonnen. Mit 71 Meter Höhe mussten die Gerüste bis zur Spitze des abgebrochenen Turms reichen – eine Überraschung selbst für Pfarrer Germer. Bis zur Ausmessung der Kirche per Laserverfahren war man von 68 Meter verbliebener Turmhöhe ausgegangen. Der Gerüstbau dauerte bis zum Frühjahr 2011 und verschlang allein eine halbe Million Euro. Ein weiteres Jahr dauerte die detaillierte Materialprüfung und Planung der Sanierungsanforderungen. Am Ende beliefen sich die veranschlagten Kosten auf 4,2 Millionen Euro – eine Summe, die die Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nicht aufzubringen vermochte.

Bereits im November 2007 hatte diese eine Spendenkampagne ausgelöst, die die Berliner Morgenpost unterstützte. Weil das Herauslösen und Ersetzen des Mörtels in zusammen rund 15 Kilometer maroden Fassadenfugen als eines der ganz großen Probleme galt, wurden Fugen-Patenschaften vergeben. Bis 2013 kamen so insgesamt knapp 440.000 Euro zusammen, von denen nun die höchstdotierten „Gold-“ und „Platinfugen-Patenschaften“ auf der Ehrentafel aufgeführt werden. Dazu kamen Spenden von Berliner Firmen sowie jeweils eine Million Euro vom Bund, vom Land Berlin und der Berliner Lotto-Stiftung und 400.000 Euro von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Viele Spenden von Einzelpersonen

Einzelpersonen rund um den Erdball fühlten sich für das Schicksal des „Hohlen Zahns“ verantwortlich. So schickte ein ehemaliger Soldat aus London 500 britische Pfund als Wiedergutmachung für Luftangriffe auf Berlin, obwohl er gar nicht mehr sicher war, ob er selbst auch bei der Bombardierung der Gedächtniskirche dabei gewesen war. Aus Japan kam ein Brief bei der Stiftung an, dem ein dort tätiger Herzchirurg 10.000 Euro beigefügt hatte.

Obwohl viele Schäden erst im Verlauf der Sanierung entdeckt wurden, blieb das Sanierungsvorhaben weitgehend im Kostenrahmen. Lediglich um vier Prozent, das entspricht etwa 170.000 Euro, wurde er überschritten. Verglichen mit anderen Bauprojekten eine geradezu vorbildliche Ausgabendisziplin. Das Schwierigste sei gewesen, sagte im September 2013 der damalige Projektleiter und Architekt Raphael Abrell vom Berliner Architekturbüro „BASD – Gerhard Schlotter“ gegenüber der Morgenpost, „die Ruine so zu sanieren, dass sie genauso ruinös und kaputt wie vorher aussieht“. Weil es um Konservierung statt um eine Reparatur ging, sollte nichts hinzugefügt oder ergänzt werden.

Schutz für die Zukunft

Immerhin wurden technische Teile wie die Blitzschutzanlage auf einen modernen Stand gebracht. Tragende oder für die Sicherheit relevante Metallelemente wie die Stahlstruktur unter der Glockenstube oder die Geländer an Treppen und in der Glockenstube wurden gegen Rost behandelt und mit einem Schutzanstrich versehen. Auch die Regenentwässerung wurde optimiert, außerdem ein Taubenschutz angebracht. Verhindert werden soll so, dass allzu schnell erneute Schäden am Gotteshaus auftreten.

Ganz abgeschlossen ist die Sanierung des Berliner Wahrzeichens auch mit dem Ende der Arbeiten am alten Turm noch nicht. Denn auch der Neubau von Egon Eiermann aus den 60er-Jahren wird derzeit grundsaniert.

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