Messerattacke

14 Jahre Haft für Mann – Ex-Frau ein Leben lang gelähmt

Yasemin D. wollte sich von ihrem Mann Hüdayi G. trennen. Er fühlte sich in seiner Ehre verletzt und griff sie auf der Straße mit einem Messer an. Seitdem ist sie gelähmt, kämpft um ein neues Leben.

Foto: Marion Hunger/ZGBZGH

Es geht alles sehr schnell. Richter Ralph Ehestädt kann sich kurzfassen: 14 Jahre Freiheitsstrafe für den 41-jährigen Hüdayi G. wegen versuchten Mordes. Die Beweislage ist klar. Der Angeklagte hat die Tat gestanden. Wenig später wird Hüdayi G. aus dem Saal 500 des Moabiter Kriminalgerichts in seine Zelle geführt. Er ist gesund, wird sich gedanklich einrichten mit dieser Strafe. Bei guter Führung kann er in acht Jahren entlassen werden.

Das Opfer muss einige Stunden später erst einmal tief durchatmen, bevor es von seiner Betreuerin, der Anwältin Jessica Eggert, das Strafmaß hören will. Yasemin D. (Name geändert) sitzt in einem Rollstuhl in einem Einzelzimmer eines Pflegeheimes in Wedding. Hier leben fast ausnahmslos sehr betagte, demenzkranke Patienten. Yasemin D. aber ist 39 Jahre alt – und seit dem Messerangriff ihres Ehemannes Hüdayi G. von der Hüfte ab gelähmt. Sie presst die Lippen zusammen, als ihr Anwältin Eggert erläutert, dass 14 Jahre fast die Höchststrafe seien. Da ist kein Triumph, eher Nachdenklichkeit.

Oft steht der Täter im Mittelpunkt

Die Geschichte dieser starken, bei allem Leid immer noch optimistischen Frau ist an Tragik kaum zu überbieten. Schicksale wie ihres bleiben sonst fast immer verborgen, weil im Strafprozess der Täter im Mittelpunkt steht. Um ihn geht es, wenn über Therapien gesprochen wird und um Möglichkeiten, ihn wieder an die Gesellschaft heranzuführen. Yasemin D. haben die Richter nie gesehen. Eine Zeugenaussage wurde ihr erspart.

Yasemin D. und Hüdayi G. kannten sich schon aus der Türkei. In der kurdischen Kleinstadt Pazarcik hatten sie nach islamischen Recht geheiratet. In Pazarcik wurde auch die erste Tochter geboren. Anfang 1997 zog Hüdayi G. dauerhaft nach Berlin. Fünf Jahre später folgte ihm Yasemin D. 2006 wurde die zweite Tochter geboren. Aber auch das konnte die Beziehung nicht retten. Yasemin D. hatte schon in Pazarcik erfahren, dass Hüdayi G. in Berlin noch eine andere Frau und zwei weitere Kinder hatte. Sie vertraute darauf, dass er sich für sie entscheiden würde, wenn sie erst in Berlin sei. Doch es kam anders.

Er wollte sich nicht hineinreden lassen in sein Leben, war schnell gereizt, wurde schon bei Nichtigkeiten gewalttätig. Hinzu kamen finanzielle Probleme. Hüdayi G. hatte, wenn überhaupt, immer nur Gelegenheitsjobs. Vor Gericht sagten Zeugen, dass die Beziehung seit 2012 zunehmend problematisch geworden sei. Immer wieder habe es Streit gegeben. Hüdayi G. zog auch mehrfach für einige Tage aus. Irgendwann war es Yasemin D. zu viel. Doch Hüdayi G. wollte eine Trennung nicht akzeptieren. 2014 erklärte sie ihm in ihrer Verzweiflung, dass es einen anderen Mann gebe und er sie endlich in Ruhe lassen solle. Das war nur ausgedacht. Yasemin D. hoffte, ihn so abzuschütteln zu können. Doch das Gegenteil war der Fall. Hüdayi G. fühlte sich in seiner Ehre tief gekränkt. "Wenn du mir nicht verzeihst, werde ich dich töten", drohte er. Schon damals hatte er bei Auseinandersetzungen ein Messer dabei. Yasemin D. musste mehrfach die Polizei rufen. Im März 2014 erwirkte sie beim Amtsgericht ein Verfügung, die es Hüdayi G. untersagte, mit seiner Frau in irgendeiner Form Verbindung aufzunehmen oder sich ihr weniger als 50 Meter zu nähern. Hüdayi G. zeigte sich davon jedoch wenig beeindruckt. Am 4. August 2014 lauerte er vor Yasemin D.s Wohnung in der Voltastraße in Wedding. Sie kam vom Einkaufen, an der Hand ihre damals sieben Jahre alte Tochter. Das verzweifelt um Hilfe schreiende Kind sah, wie der Vater unvermittelt ein Küchenmesser aus einer Bauchtasche zog und immer wieder auf die Mutter einstach.

Notoperation am Herz

Anschließend fuhr Hüdayi G. mit der U-Bahn Richtung Gesundbrunnen. Dort ging er zu einem Gruppenfahrzeug der Polizei und stellte sich.

Als in der Voltastraße der Rettungswagen eintraf, war Yasemin D. dem Tod näher als dem Leben. Sie musste von einem Notarzt reanimiert werden, später noch mehrmals im Berliner Herzzentrum. Nach einer Operation, bei der das durch einen Messerstich verletzte Herz genäht wurde, gab es massive Probleme: Nierenversagen, Herzschwäche, Kreislaufzusammenbrüche. Das scheint inzwischen überstanden. Geblieben ist die von Ärzten als irreversibel eingeschätzte Lähmung. Yasemin D. will von dieser Prognose nichts wissen. Sie ist überzeugt, aus dem Rollstuhl wieder herauszukommen. Dafür will sie kämpfen. Schon und vor allem wegen ihrer Töchter.

Anwältin Eggert übernahm im September 2014 für Yasemin D. die Betreuung. Es ist ihr bislang "aufwendigster, menschlich schwierigster Fall". Auch weil sie gern viel mehr helfen würde, aber immer wieder auf Widerstände und bürokratische Hürden stößt. Ihre Mandantin besitze bislang noch nicht einmal einen Behindertenausweis. Ein kippsicherer Gehwagen wurde von der Krankenkasse abgelehnt; mit der Begründung, er wäre für Yasemin D. nicht notwendig. Seit wenigen Tagen hat Yasemin D. jetzt zumindest die Zusage, für Transporte einen Fahrdienst in Anspruch nehmen zu dürfen.

Ungeklärt ist immer noch, wovon die für den Rest ihres Lebens körperlich stark behinderte Yasemin D. leben soll. Die Anträge hat Anwältin Eggert schon im Oktober 2014 beim Versorgungsamt gestellt. Grundlage ist das Opferentschädigungsgesetz. Dort liegen sie jedoch erst einmal, weil es noch kein rechtskräftiges Urteil gibt. "Dabei ist dieser Fall völlig klar", sagt Anwältin Jessica Eggert. "Dieses Warten ist für meine Mandantin, die ja ohnehin in einem seelischen Tief ist, absolut kontraproduktiv."

Eggert plädiert dafür, "für solche dramatischen Fälle im Versorgungsamt eine Task Force einzurichten, die auch direkt mit der Krankenkasse zusammenarbeitet. Es muss eine Möglichkeit gefunden werden, schnell und unbürokratisch zu helfen".

Das größte Problem ist für Yasemin D. ihr Zwangsaufenthalt in dem Pflegeheim. Es gibt kein Zurück in die alte Wohnung in der Voltastraße. Sie befindet sich im zweiten Stock, ist mit dem Rollstuhl nicht zu erreichen. Die einzige Alternative wäre eine behindertengerechte Wohnung. Dort könnte sie dann auch mit ihren beiden acht und 17 Jahre alten Töchtern wieder zusammenleben, das hofft sie zumindest. Die beiden sind seit neun Monaten in einer sozialen Einrichtung untergebracht. "Meine Mandantin war vor dem schrecklichen Überfall keinen einzigen Tag von der jüngeren Tochter getrennt", sagt Eggert. Und auch zur älteren Tochter habe es ein enges Verhältnis gegeben.

Von den Kindern getrennt

Die Anwältin und ihre Mitarbeiterinnen haben in der zurückliegenden Zeit schon "fast alles Menschenmögliche unternommen", um für Yasemin D. eine behindertengerechte Drei-Zimmer-Wohnung zu finden. "Meine Mandantin stellt keine Ansprüche, aber in Wedding, Mitte oder Tiergarten sollte die Wohnung schon sein, damit sie nicht total aus ihrem sozialen Umfeld herausgerissen wird. Und weil so natürlich auch die Schulen der Töchter in der Nähe wären", sagt Eggert. Vor allem das sei ihr wichtig.

"Sie hat große Angst, die Bindung zu den Kindern zu verlieren", sagt Jessica Eggert. Zwar werde noch täglich telefoniert, und die Kinder kämen auch regelmäßig in das Pflegeheim. Aber neun Monate können eine lange Zeit sein. Yasemin D. spürt das, fühlt sich, gefesselt an den Rollstuhl, unfähig zu handeln. Sie möchte in ihr Leben zurück, in ein Leben mit ihren Kindern.

Hilfe für Yasemin

Der gemeinnützige Verein der Berliner Morgenpost, Berliner helfen e.V., unterstützt in Einzelfällen Menschen, die durch ein Verbrechen unverschuldet in Not geraten sind, wie Yasemin. Die junge Frau braucht unter anderem finanzielle Hilfe für den Umzug in eine barrierefreie Wohnung. Wenn Sie spenden möchten:

Berliner helfen e.V., Konto 3307100, BLZ 100 205 00, Bank für Sozialwirtschaft, IBAN DE69 1002 0500 0003 3071 00, Stichwort: Yasemin

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.