Sprachmittler

Finanzierung der Berliner Integrationslotsen ungewiss

In Berlin arbeiten 88 Integrationslotsen als Sprach- und Kulturmittler. Doch das Lotsen-Hilfsprogramm des Landes läuft zum Jahresende aus. Die Zukunft ist noch nicht gesichert.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Das Ehepaar Murat* möchte umziehen, die Wohnung ist zu klein. Die Murats kommen aus Bulgarien und sind türkischstämmig. Seit drei Jahren leben sie in Deutschland, mittlerweile in Spandau, aber noch ist ihnen die Sprache ihrer neuen Heimat fremd. Und wie man es anstellt, in Berlin eine Wohnung zu finden, wissen sie auch nicht. Aber sie bekommen Hilfe. Bei der gemeinnützigen Gesellschaft für interkulturelles Zusammenleben e.V. (GIZ e.V.) können sie mit einer Integrationslotsin reden.

Dilek Kirak ist seit Dezember 2013 bei der GIZ als Lotsin angestellt. Bezahlt wird sie für 35 Wochenstunden, doch im Alltag sind ihre Arbeitstage oft länger. Sie betreut die türkischsprachigen Klienten des Vereins, rund 100 sind es derzeit. Integrationslotsin ist Dilek Kirat, vor 34 Jahren in Spandau geboren und zweisprachig aufgewachsen, eigentlich schon seit ihrer Kindheit. Sie begleitete als Dolmetscherin Verwandte und Nachbarn zu Ärzten und Behörden. Später arbeitete sie als Arzthelferin, auch dort war sie ständig als Übersetzerin gefragt. Vor knapp eineinhalb Jahren schließlich bot Britta Marschke, Geschäftsführerin des Vereins, ihr an, aus ihrem sozialen Engagement einen Beruf zu machen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Integrationslotsen sind keine Berater, sondern Sprachmittler. Dilek Kirak und ihre vier Spandauer Kollegen begleiten ihre Klienten zum Jobcenter, zum Arzt oder aufs Jugendamt. Sie kommen als Übersetzer mit zum Elternabend oder reden mit Eltern, wenn die Schule ein Anliegen hat. Sie sprechen Türkisch, Arabisch, Polnisch, Russisch sowie Spanisch und übersetzen Briefe und Formulare – oder zeigen am Computer, wo es überall Wohnungsbaugesellschaften gibt, was diese anbieten und wann man dort in die Sprechstunde kommen kann. Bei der Wohnungssuche will Dilek Kirak die Murats allerdings nicht begleiten, die Klienten sollen selbst aktiv werden und sich auch etwas trauen, das sei ihr wichtig, erzählt sie. Und dass das Ehepaar aus Bulgarien nun auch einen Integrationskursus besucht. „Hilfe zur Selbsthilfe“, nennt sie das Prinzip.

Anders als in einigen anderen Bezirken suchen die Integrationslotsen in Spandau ihre Klienten auch nicht zu Hause auf, sondern empfangen sie in ihren Büros am Reformationsplatz mittenin der Spandauer Altstadt. Zusätzlich zu diesen fünf Integrationslotsen kümmern sich noch drei weitere ausschließlich um Flüchtlinge. Sie haben ihre Büros direkt in Asylbewerberunterkünften. Diese Flüchtlingslotsen gibt es sonst nur noch in Reinickendorf, Tempelhof-Schöneberg und Lichtenberg.

88 Integrationslotsen in Berlin tätig

In Berlin sind insgesamt 88 Integrationslotsen im Rahmen eines von der Senatsverwaltung für Integration geförderten Landesprogramms tätig. Sie unterstützen neu zugewanderte und bereits länger in Deutschland lebende Migranten. Das Landesprogramm startete am 1. Oktober 2013, zunächst mit 69 Lotsen. Erstmals wurden für sie in allen Berliner Bezirken tariflich bezahlte Stellen bei freien Trägern eingerichtet. Ingesamt gibt es zwölf freie Träger. Caritas und Diakonie sind dabei, aber auch gemeinnützige Vereine und GmbHs. Daneben arbeiten bereits seit mehreren Jahren Integrations- und Kiezlotsen sowie Stadtteilmütter in unterschiedlichen Projekten und bei unterschiedlichen Trägern. Deren Arbeit wurde und wird vor allem über Jobcenter finanziert, wie lange noch, ist aber unklar.

Die Betreuung durch die Integrationslotsen im Landesprogramm gilt als hochwertig, die Lotsen wurden qualifiziert und können auch während ihrer Tätigkeit an Coachings und Supervision teilnehmen. Allerdings gibt es auch hier ein zentrales Problem: Das Programm läuft Ende 2015 aus, die Fortführung und weitere Finanzierung ist noch nicht gesichert. Zwar besteht nach Informationen der Berliner Morgenpost bei beiden Koalitionsfraktionen Bereitschaft, für die Arbeit der Integrationslotsen auch im Berliner Doppelhaushalt 2016/17 Geld bereitzustellen, der Haushalt wird aber voraussichtlich erst im Dezember verabschiedet. Das ist für die Integrationslotsen ein ernsthaftes Problem. Ihre Zeitverträge enden am 31. Dezember, und sie wissen nicht, ob und wie es weitergeht. „Diese Unsicherheit setzt die Kollegen schon unter Stress“, sagte Britta Marschke. Sie lebten von ihrem Gehalt undmüssten sich eigentlich spätestens im Herbst nach einem anderen Job umsehen, wenn es bis dahin keine Zusage gibt, das Landesprogramm fortzuführen.

Die CDU Spandau hat in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) beantragt, das Integrationslotsenprogramm des Landes Berlin über das Jahresende hinaus zu verlängern und auch auszuweiten. „Fünf Integrationslotsen für Spandau sowie drei für Flüchtlingseinrichtungen im Bezirk sind zu wenig“, sagte Thorsten Schatz, integrationspolitischer Sprecher der Spandauer CDU-Bezirksverordneten. Zudem sollten vertragliche und finanzielle Übergangsregelungen getroffen werden, damit die jetzigen Lotsen weiterarbeiten können.

Gut ausgebildet, gut eingearbeitet

Der Wissensverlust wäre immens, wenn sie ihre Arbeit nicht fortsetzen könnten, argumentiert die Union, sie seien schließlich bereits ausgebildet und gut eingearbeitet. Der CDU-Antrag wurde in der BVV einmütig angenommen, nun soll sich das Bezirksamt beim Senat für das Anliegen einsetzen. Auch die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus hatte sich auf ihrer Klausurtagung im Januar bereits dafür ausgesprochen, die Arbeit der Integrationslotsen dauerhaft zu finanzieren. Ein Sprecher von Senatorin Dilek Kolat (SPD) dazuteilte mit, man habe das Problem erkannt und arbeite an einer Lösung.

Dilek Kirak hofft ebenfalls, dass sie ihre Arbeit fortsetzen kann - und künftig neue Kollegen bekommt. „Fünf sind zu wenig für Spandau, der Bedarf ist sehr groß“, sagt auch die Mutter dreier Kinder. Noch ist sie die einzige, die in Spandau türkisch- und kurdischsprachige Klienten betreut. Ihre vier Kollegen decken jeweils eine weitere Sprache ab: Arabisch, Polnisch, Russisch und Spanisch. Die drei Flüchtlingslotsen sprechen Serbokroatisch, Farsi oder Arabisch.

GIZ-Leiterin Britta Marschke wünscht sich von Senat und Koalition ein Bekenntnis, dass die jetzigen Integrationslotsen ihre Arbeit fortsetzen können. Das hätten nicht nur die Mitarbeiter verdient, deren Arbeit spare auch Geld. Abdel Gaffar Mohamed etwa, der arabischsprachige Spandauer Integrationslotse, betreut 160 Klienten. Seine Kollegen und er haben im vergangenen Jahr ein Netzwerk aufgebaut, damit sie zum Beispiel bei einem Besuch im Jobcenter Beratungsgespräche mit mehreren ihrer Schützlinge erledigen können. Nur so sei die Arbeit überhaupt einigermaßen zu schaffen, bekannte Mohamed.

Ende Juni findet eine Tagung aller Berliner Integrationslotsen im Roten Rathaus statt. Das wäre ein guter Zeitpunkt, die Fortsetzung des Landesprogramms zu verkünden. Und vielleicht kann dann der Senat auch die Ausstattung der freien Träger mit Sachmitteln verbessern. Die fünf Spandauer Integrationslotsen müssen sich zwei PCs teilen, die drei Flüchtlingslotsen einen Laptop. Also müssen sie die vorgeschriebene Dokumentation ihrer Arbeit erst handschriftlich auf Papier verfassen und anschließend in den Computer tippen – absurd. Immerhin hat man ihnen Diensthandys und BVG-Monatskarten bewilligt. Aber auch erst nach einem harten Kampf, stöhnte Britta Marschke.

* Name geändert