Verkehr in Berlin

Gefahrenstellen für Radfahrer - Senat verzögert Beseitigung

Vor einem Jahr veröffentlichte der Senat 30 Gefahrenstellen für Radfahrer - als Ergebnis einer Umfrage, an der 27.000 Berliner teilnahmen. Versprochen war eine rasche Lösung. Doch passiert ist nichts.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Knapp ein Jahr nach der Veröffentlichung hat der Senat noch keine einzige der 30 schlimmsten Gefahrenstellen für Radfahrer im Berliner Straßenverkehr entschärft. „Die Umsetzung infrastruktureller Maßnahmen war und ist kurzfristig naturgemäß nicht möglich“, teilte die Verkehrsentwicklung jetzt mit.

„Wir sind immer noch in Prüfung, ob und wie die Hinweise umgesetzt werden könnten, zum Teil sind Vorhaben aber auch schon definiert.“

Vor einem Jahr hatte Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler noch eine „zeitnahe“ Lösung versprochen. Für die zehn am häufigsten genannten Kreuzungen sollten in wenigen Monaten Lösungen erarbeitet werden.

Davon ist heute nicht mehr die Rede. „Die Auswertung wird keinen Abschluss haben, sondern als Prozess die Arbeit der Verkehrsverwaltung auf lange Zeit begleiten“, heißt es in einer Antwort auf die Fragen dieser Zeitung. Anders gesagt: Die Verwaltung arbeitet und arbeitet und arbeitet. Nur für die Radfahrer gibt es keine Verbesserungen.

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Berliner wiesen auf 5000 Gefahrenstellen hin

27.000 Berliner hatten sich an der vom Senat gestarteten Umfrage beteiligt und auf Gefahrenstellen für den Radverkehr hingewiesen und gleichzeitig Lösungsvorschläge unterbreitet. 11.000 Teilnehmer besuchten die Homepage mehrmals. Insgesamt wurde auf etwa 5000 Gefahrenstellen hingewiesen.

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Laut Umfrage ist die Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg die größte Gefahrenstelle für Radfahrer. Große Sicherheitsrisiken bestehen auch Unter den Linden und in der Linienstraße in Mitte. Der gefährlichste Ballungsraum liegt der Umfrage zufolge zwischen Hermannplatz und Kottbusser Tor. An einigen der genannten Gefahrenstellen wie dem Kottbusser Tor waren bereits vor der Umfrage Veränderungen geplant. Ein gründlicher Umbau des Hermannplatzes ist für 2016 vorgesehen.

Etwas überraschend auf Rang zwei der am meisten genannten Gefahrenpunkte steht die Kreuzung Unter den Linden/Wilhelmstraße. Dort beklagen Radfahrer unsinnig lange Rotphasen an Ampeln. Doch die vom Staatssekretär zügig in Aussicht gestellte Änderung ist bis heute nicht erfolgt. Am Potsdamer Platz sind es die Touristen, die achtlos auf den Radweg treten und als besonderer Gefahrenherd identifiziert wurden. In der Frankfurter Allee in Friedrichshain kritisieren Radler die Verkehrsführung des Radweges, der an mehreren Stellen zu Konflikten mit Fußgängern führt, die die U-Bahnhöfe betreten oder verlassen. Radfahrer in Marzahn-Hellersdorf kritisieren, dass die als Fahrradstraße ausgewiesene Alberichstraße morgens von Eltern dafür genutzt wird, ihre Kinder mit dem Auto zur Schule zu fahren. Die Straße sei dann zugeparkt.

Kompetenzgerangel zwischen Polizei und Ordnungsämtern

Neun von zehn genannten Gefahrenstellen stimmen mit den von der Polizei registrierten Unfallschwerpunkten überein. Für einige der Gefahrenschwerpunkte plant die Verwaltung die Einführung von Modellprojekten. So sollte geprüft werden, ob an der Stralauer Allee/Warschauer Straße in Friedrichshain Blinklichter oder Spiegel angebracht werden, um die Gefahr für Verkehrsteilnehmer zu entschärfen.

Neben den benannten Gefahrenstellen meldeten Radfahrer auch allgemeine Ärgernisse. So gab es viele Beschwerden über zugeparkte Radstreifen und die fehlenden Konsequenzen. Bislang scheiterte eine wirksame Kontrolle des Halteverbots auf Radstreifen an einem Kompetenzstreit zwischen Polizei und Ordnungsämtern. Die Polizei ist für den rollenden, die Ordnungsämter sind für den stehenden Verkehr zuständig.

Unklar ist, wer für die in der Regel kurz haltenden Fahrzeuge zuständig ist. Im vergangenen Jahr kam es dann immerhin zu einer Schwerpunktkontrolle auf den sogenannten Angebotsstreifen für Radfahrer. Eine spürbare Besserung der Situation ist aber bislang nicht eingetreten.

Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr bei 15 Prozent

Vier Gefahrenstellen der Top-30-Liste sollen nach Angaben der Verkehrsverwaltung in diesem Jahr „terminiert“ werden. So soll die Ampelschaltung für Radfahrer vor der britischen Botschaft geändert werden. Allerdings ist der „Umsetzungszeitraum möglicher Änderungen noch offen“. An der Stromstraße soll der Radverkehr vom Autoverkehr durch einen Schutzstreifen getrennt werden. Der Moritzplatz in Kreuzberg soll umgestaltet und eine Veloroute in Südende entstehen.

Das Radfahren in Berlin boomt seit Jahren. Betrug der Anteil der Fahrradfahrer am Gesamtverkehr Mitte der 90er-Jahre noch sechs Prozent, so sind es heute mindestens 15 Prozent – Tendenz steigend.