Unwetter

Fernsehturm wegen „Niklas“ geschlossen - Nottreppe kam zum Einsatz

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Wegen technischer Probleme durch orkanartige Böen mussten am Dienstagabend die Fahrstühle des Fernsehturms gesperrt werden. Das Berliner Wahrzeichen bleibt bis Donnerstag geschlossen.

Sturmtief „Niklas“ hat auch den Berliner Fernsehturm erwischt. Wegen technischer Probleme durch orkanartige Böen mussten am Dienstagabend die Fahrstühle gesperrt werden. Besucher des Restaurants und der Aussichts-Plattform in mehr als 200 Meter Höhe wurden über die Nottreppen mit 986 Stufen ins Freie gebracht, wie ein Sprecher am Mittwoch mitteilte.

Wegen der Reparaturen müsse das knapp 370 Meter hohe Berliner Wahrzeichen am Alexanderplatz zunächst geschlossen bleiben. Er rechne damit, dass die Aufzüge bis zum Donnerstag wieder fahren, so der Sprecher.

Feuerwehr rückte zu 1127 Einsätzen aus

Mit Sturmböen, Regen und Graupelschauern hat Sturmtief „Niklas“ Berlin und Brandenburg kräftig durchgeschüttelt. In der Hauptstadt rief die Feuerwehr den Ausnahmezustand aus. Nach Angaben eines Sprechers gab es vier Verletzte und mehr als 1127 wetterbedingte Einsätze in der Zeit des Ausnahmezustands. Die Polizei zählte 2100 Einsätze.

Die Deutsche Bahn sperrte mehrere Fernverkehrsstrecken sowie den gesamten Regionalverkehr. Auch bei der S-Bahn und im Flugverkehr kam es zu Behinderungen. In der Nacht hob die Feuerwehr den Ausnahmezustand auf.

In Brandenburg wurde laut Polizei niemand unmittelbar durch das Unwetter verletzt. Die Witterung führte aber zu mehr als 300 Einsätzen mit Schwerpunkt Westbrandenburg. Auf den Sturm waren 56 Verkehrsunfälle zurückzuführen, es gab elf Verletzte.

Die Berliner S-Bahn fuhr am Mittwochmorgen seit Betriebsbeginn wieder. Es komme aber nach wie vor zu vereinzelten Zugausfällen oder Verspätungen, teilte das Unternehmen am frühen Mittwochmorgen via Twitter mit. “Es läuft gut“, hieß es dort am Morgen. Auch der Regionalverkehr in Brandenburg wurde nach Mitternacht wieder aufgenommen. Am Tag werde es noch zu Verspätungen kommen, hieß es.

Müller dankt Helfern

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat am Mittwochvormittag allen Helfern gedankt. Neben Polizisten, Feuerwehrleuten, Rettungssanitätern, Ärzten und Krankenschwestern erwähnte er besonders die ehrenamtlich engagierten Helfer etwa bei Freiwilligen Feuerwehren und Rettungsdiensten.

Berlin sei nach der ersten Bilanz anscheinend glimpflich davon gekommen, teilte Müller mit. Er hoffe, dass der durch einen umstürzenden Baum lebensgefährlich verletzte Mann durchkomme und wünsche allen anderen Verletzten gute Genesung.

Die Bilanz des Sturmtiefs in Berlin

Ein Mann wurde am Platz der Vereinten Nationen in Friedrichshain von einem umstürzenden Baum getroffen, wie der Feuerwehrsprecher sagte. Laut Augenzeugen wurde er schwer am Kopf verletzt. Sein Zustand war zunächst unbekannt.

In Charlottenburg wurde eine Frau am Reichweindamm ebenfalls von einem Baum getroffen und an der Schulter verletzt. Am Ernst-Reuter-Platz verletzte sich eine ältere Frau leicht, als sie von einer Windböe umgestoßen wurde.

Auch in der Seestraße in Wedding kippte ein Baum um. Dabei erlitt ein Fußgänger leichte Verletzungen.

400 Reisende saßen sechs Stunden in Zug fest

Der Zugverkehr in und um Berlin wurde durch Sturmtief „Niklas“ stark beeinträchtigt. Zahlreiche Oberleitungen wurden beschädigt, Äste blockierten die Gleise. „Es war ziemlich heftig“, sagte ein S-Bahn-Sprecher der Berliner Morgenpost.

Gegen 21 Uhr mussten am Dienstagabend zwei S-Bahn-Züge evakuiert werden – auf der S1 in Hohen Neuendorf sowie der S45 am Grünauer Kreuz. „Die Fahrgäste wurden zu Fuß zum nächsten Bahnhof geleitet, dies verlief sehr schnell und problemlos“, sagte der Sprecher.

In Grunewald wurden gegen 23 Uhr außerdem zwei Regionalzüge evakuiert. „Einer davon befand sich mitten auf freier Strecke, deshalb mussten wir die rund 400 Fahrgästen mit einem Dieseltriebwagen zum S-Bahnhof Grunewald fahren“, so der Sprecher.

Um 21.30 Uhr vermeldete die S-Bahn in sieben Stellen im Netz Einschränkungen, auf zahlreichen Linien kam es zu Verzögerungen. Teilweise wurden Ersatzbusse eingesetzt. Die S-Bahn senkte das Tempo bei allen Zügen auf 60 Kilometer pro Stunde.

Insgesamt fünf S-Bahn-Züge wurden beschädigt, dazu neun Regionalzüge. Den Schaden, der durch „Niklas“ entstanden ist, kann das Unternehmen noch nicht beziffern.

30 Flüge am Flughafen Tegel gestrichen

Am Flughafen Tegel wirbelte der Sturm den Flugplan kräftig durcheinander. Nach Angaben eines Sprechers wurden 30 Verbindungen gestrichen, weitere 60 waren verspätet. Zudem war die Abfertigung eingeschränkt. Am Flughafen Schönefeld gab es dem Sprecher zufolge nur minimale Auswirkungen durch den Sturm. Mit einer absoluten Beruhigung rechne man erst am Mittwochvormittag, sagte er.

Am Vormittag gab es noch Beeinträchtigungen auf der ICE-Strecke Berlin-Hannover. Die Oberleitungen seien aber mittlerweile fast überall repariert. In den Werkstätten kümmere sich das Personal um einige beschädigte Züge, auch der Berliner S-Bahn. Auf der Linie der RB51 der Ostdeutschen Eisenbahn zwischen Rathenow und Pritzerbe (Havelland) fuhren vorerst ersatzweise Busse.

Schäden durch Sturmtief „Niklas“

In Unterspreewald (Landkreis Dahme-Spreewald) wurde das Dach einer Kindertagesstätte abgedeckt, wobei niemand verletzt wurde. In Teilen von Cottbus fiel zwischenzeitlich der Strom aus. Das für Mittwoch angesetzte Halbfinale des Fußball-Landespokals zwischen dem SV Babelsberg 03 und dem FC Energie Cottbus wurde abgesagt. „Die hohen Windgeschwindigkeiten machen ein Ausfahren der Flutlichtmasten unmöglich“, teilte der Potsdamer Verein mit.

Kleinere Dachteile der Stasi-Opfer-Gedenkstätte in Hohenschönhausen flogen durch die Luft, wie eine Sprecherin berichtete. Der frühere Stasi-Dienstsitz wurde geschlossen. Ebenfalls für Besucher gesperrt wurden die Gärten und Parks der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, darunter Schloss Sanssouci in Potsdam.

Die Zahl der Notrufe ließ nach Angaben des Feuerwehrsprechers in Berlin nach Einbruch der Dunkelheit stark nach. Der Ausnahmezustand dauerte in der Nacht allerdings an, während die Feuerwehr die letzten Einsätze abarbeitete. Am Morgen werde es sicher noch mehr zu tun geben, sagte der Sprecher.

Neun Tote in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Während des Sturmtiefs „Niklas“ sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz mindestens neun Menschen ums Leben gekommen. „Niklas“ war einer der stärksten Stürme der vergangenen Jahre. Mit Böen von bis zu 192 Stundenkilometern entwurzelte er am Dienstag vielerorts Bäume, er beschädigte Autos, Häuser und Stromleitungen.

In Bayern und Rheinland-Pfalz wurden eine Frau und zwei Männer erschlagen, als Bäume auf ihre Autos stürzten. In Sachsen-Anhalt tötete eine umgewehte Mauer einen Mann. Auch in Österreich und der Schweiz gab es zwei Unwettertote. Außerdem gab es mindestens drei Tote bei wetterbedingten Unfällen: Im baden-württembergischen Ostalbkreis starben zwei Männer auf einer schneebedeckten Straße. In Bayern wurde ein Mann bei starkem Hagel auf der Autobahn 95 getötet.

Vielerorts gab es Verletzte: In Weimar kippte ein Baum auf eine Mutter und ihre zwei Töchter, die auf einem Gehweg liefen. Eines der Mädchen im Alter von neun Jahren wurde dabei am Dienstag schwer verletzt.

Der Sturm brachte auch den Straßen-, Schiffs- und Flugverkehr durcheinander. Bundesweit waren Polizisten und Feuerwehrleute im Dauereinsatz. Auf Straßen und Autobahnen blockierten umgekippte Lastwagen und Anhänger den Verkehr. Am Flughafen in Frankfurt am Main fielen mehr als 180 Starts und Landungen aus. Angesichts der Wetterlage müsse auch für Mittwoch mit Einschränkungen im Flugbetrieb gerechnet werden, sagte ein Sprecher. In Hamburg waren 63 Flüge betroffen.

Hochwasser in Hamburg niedriger als erwartet

Ein für das Hamburger Elbegebiet erwartete Hochwasser fiel in der Nacht niedriger aus als befürchtet. Das Wasser am Fischmarkt in St. Pauli schwappte bis zum frühen Mittwochmorgen nicht wie erwartet über die Kaikante. Zuletzt hatten im Januar die Sturmtiefs „Elon“ und „Felix“ für mehrere Sturmfluten an der Nordseeküste und im Elbegebiet gesorgt.

In der Nacht seien viele Oberleitungen der Deutschen Bahn repariert worden, erklärte ein Sprecher. Gesperrt seien vor allem noch die Strecken zwischen Bremen und Hannover sowie zwischen München, Rosenheim und Salzburg. Für diese Verbindungen habe die Bahn auch noch keine Prognose, wann sie wieder befahrbar seien.

Im schwer von „Niklas“ getroffenen Nordrhein-Westfalen sagte eine Bahn-Sprecherin am Morgen: „Alle Hauptstrecken sind wieder befahrbar.“ Einzelne Verbindungen fielen aber noch aus oder seien verspätet. Nicht alle Züge stünden am richtigen Einsatzort.

Das Orkantief hatte von Westdeutschland aus im Laufe des Dienstags auf den Osten der Republik übergegriffen. Auf der Schiene ging vielerorts nichts mehr. In Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-vorpommern, Brandenburg und Berlin ruhte der Regionalverkehr teilweise seit dem Vormittag ganz. In Deutschlands größtem Bundesland Bayern wurde der Fernverkehr am Nachmittag komplett eingestellt. Anderswo rollte der Verkehr stark gedrosselt.

„Der Orkan Niklas hat die Bahn mit voller Wucht getroffen“, sagte Bahn-Sprecher Achim Stauß. „Wichtig ist, dass wir zum Osterreiseverkehr ab Donnerstag wieder alles in Schuss haben.“

Doch die Bahn ist mit schweren Sturmfolgen konfrontiert: „Die Sturmschäden vor allem an den Oberleitungen sind so großflächig und erheblich, dass es noch mehrere Tage dauern kann, bis wieder alle Linien bedient werden können“, teilte die Bahn am späten Dienstagabend mit.

„Niklas“ im Minutenprotokoll

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( BM )