Kältehilfe in Berlin

In diesem Winter gab es so viele Hilfesuchende wie noch nie

Im Winter 2014/15 haben so viele Menschen die Notschlafplätze der Kältehilfe genutzt wie noch nie. Die Berliner Initiative registrierte fast 82.000 Übernachtungen.

Die Zahl der Menschen, die in den zurückliegenden Wintermonaten Schutz vor Kälte in Notunterkünften gesucht haben, ist erneut gestiegen. Wie die Berliner Kältehilfe zum Abschluss der Saison am Montag mitteilte, wurden 81.872 Übernachtungen gezählt. Das sind 8934 mehr als im Jahr zuvor. Damit steigt die Zahl der Menschen in Not seit Jahren an. „Auch in diesem Jahr ist es uns gelungen, Menschen vor dem Kältetod zu bewahren“, sagte Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

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Auch wenn der Winter mild war, wollten mehr Menschen in Notunterkünften übernachten, als an Plätzen verfügbar war. Mit Shuttlebussen zwischen Einrichtungen und einer teilweisen Überbelegung um bis zu zehn Prozent gelang es aber, alle Menschen aufzunehmen. Erstmals seit Bestehen der Kältehilfe nahm die Nachfrage nach Plätzen im März mit steigenden Temperaturen nicht ab. Barbara Eschen vom Diakonischen Werk erkennt darin eine Zunahme hilfsbedürftiger Menschen in Berlin, die über den Schutz von Kälte hinaus auf Unterstützung angewiesen seien.

Schwer kranke Menschen überfordern die Kältehilfe

In die Einrichtungen kommen schon jetzt auffällig viele schwer kranke Personen, auch geistig Behinderte und Menschen im Rollstuhl. „Die Kältehilfe ist damit überfordert“, sagte Eschen. Es sei ein Skandal, dass Krankenhäuser offenbar diese Menschen abweisen würden anstatt medizinische Nothilfe zu gewähren. Berlin brauche eine Einrichtung, die sich ganzjährig an Wohnungslose ohne Krankenversicherung wende, so Direktorin Barbara Eschen.

Mitarbeiter der insgesamt 29 Kälte-Hilfseinrichtungen im Stadtgebiet berichten zudem, dass vermehrt Familien mit Kindern in den Einrichtungen auftauchen – darunter Migranten aus EU-Ländern, die keinen Status als Flüchtling haben, also keinen Anspruch auf eine Unterbringung in Wohnheimen haben. Teilweise sind es Familien, die als Saisonarbeiter nach Berlin gekommen sind und mittellos dastehen. Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin, sieht darin eine große Gefahr für Kinder: „Ich möchte nicht, dass ein zehnjähriges Kind eines Tages einen Drogentoten auf der Toilette findet.“

Kinder können bisher nur separat untergebracht werden

Bei einer akuten Gefährdung des Kindeswohles sei es bisher nur möglich, die Kinder getrennt von ihren Eltern in Obhut nehmen zu lassen. „Berlin braucht Konzepte, um mit der Flüchtlingsproblematik und dem immer stärkeren Zustrom aus Staaten insbesondere Südeuropas umzugehen“, sagte Kostka. Sie forderte vom Senat, mehr Mittel für Hilfsangebote bereit zu stellen.

Mehr als 200 Ehrenamtliche arbeiten für die Berliner Kältehilfe. Der Senat bezuschusst die Projekte mit 15 Euro pro Person und Übernachtung - das decke aber nur Kosten für den Schlafplatz, rechnet Ulrich Neugebauer von der Stadtmission Berlin vor. Würden die Kältehilfe in kleinen, überschaubaren Einrichtungen mit ausgebildetem Personal arbeiten, eine Übernachtung würde mindestens 36 Euro kosten.