U-Bahnlinie 5

Tunnelbohrer startklar für zweite Röhre der U-Bahn-Linie 5

Nach Ostern beginnt der Bau der zweiten Tunnelröhre für die neue Teilstrecke der U5. Tunnelbohrer „Bärlinde“ wird sich vom Roten Rathaus zum Brandenburger Tor graben.

Foto: dpa

Von ihrem Arbeitsplatz im Berliner Dom hat Charlotte Hopf die Baugrube am Roten Rathaus bestens im Blick. Über die Fortschritte des neuen U-Bahntunnels der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ist sie also stets im Bilde, und das gehört auch zum Nebenjob. Die Dombaumeisterin ist Tunnelpatin beim Lückenschluss der U-Bahnlinie 5. Am gestrigen Donnerstag sind ihre Dienste wieder gefragt. Zusammen mit BVG-Chefin Sigrid Nikutta gibt Hopf den Startschuss für den Bau der zweiten Tunnelröhre, „Charlotte II“ genannt. Einen roten Kopf drücken, ein fröhliches „Glück auf“ wünschen, außerdem die Bestellung der Arbeiter aufnehmen: eine Ladung Schrippen mit Zwiebelmett. Das Anforderungsprofil einer Tunnelpatin ist vielfältig.

Mit Beistand von Barbara

Die Taufe ist der Auftakt für die nächste Phase des Millionenprojekts: die Verbindung von U5 und U55 sowie die Eröffnung von drei neuen Bahnhöfen. Nach Ostern wird Tunnelbohrer „Bärlinde“ seine Motoren anwerfen und sich erneut bis zum Brandenburger Tor vorarbeiten. Der feierlichen Zeremonie, die die BVG im gediegenen Ambiente inklusive klassischem Streichquartett abhält, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. „Die Tunneltaufe ist eine uralte Bergmannstradition“, sagt Technikchef Jörg Seegers. Und Bergleute sind abergläubisch. So darf sich Tunnelpatin Hopf neben der Ehre ihres Amts über eine Statue der heiligen Barbara freuen, die Schutzpatronin der Bergleute. Sie soll einen Ehrenplatz im Wohnzimmer bekommen.

Allein auf Beistand von oben wollen sich die Verantwortlichen aber nicht verlassen. Bevor es in zwei Wochen auf die 1,6 Kilometer lange Strecke geht, werden noch einige Vorkehrungen getroffen. „Bärlinde“ muss „eingehaust“ werden. „Wir bauen eine Art Käfig als Schallschutz um die Maschine herum“, sagt Jörg Löffler von der ausführenden Baufirma Bilfinger Construction. Denn als erste Amtshandlung muss der Bohrer eine fünf Meter dicke, sogenannte Schlitzwand aus Beton in der Baugrube durchstoßen. Mehr Krach als etwa 50 Dezibel darf zum Schutz der Anwohner nicht nach außen dringen. Zuletzt hatte sich eine Dame zudem über die Beleuchtung der Baustelle beschwert, sie könne sogar nachts Zeitung lesen. „Das Problem haben wir inzwischen gelöst“, so Löffler. Als weitere Maßnahme werden die Betten von Spree und Spreekanal mit Ballast beschwert, damit der Druck von unten keine Schäden verursacht. Bis zu 24 Meter dringt „Bärlinde“ in diesem Abschnitt ins Erdreich vor.

Mehr als acht Meter pro Tag

Es gilt, sich gegen die Unwägbarkeiten unter Tage so gut wie möglich zu wappnen. Schon beim Bau der ersten Röhre, „Charlotte I“, hatte es Probleme mit dem Grundwasser gegeben. „Unsere größte Sorge sind aber Findlinge“, sagt Technikchef Seegers. Die Granitblöcke aus der Eiszeit sind im Berliner Untergrund keine Seltenheit, bereits im Juni 2013 sorgte einer dieser Brocken für Verzögerungen. Im Bereich des Humboldt-Forums wird „Bärlinde“ zunächst auf eher schwer zu durchdringenden Geschiebemergel stoßen, anschließend geht es durch Sand. „Wir hoffen, dass wir dann mehr als die durchschnittlichen acht Meter pro Tag schaffen“, sagt Seegers. Die Ankunft am Brandenburger Tor ist für Ende des Jahres terminiert.

Dort prüft ein Gutachter aus Aachen derzeit immer noch, wie es zu dem Erdeinbruch im August kommen konnte. Mit Hilfe des sogenannten selbstständigen Beweisverfahrens soll auch geklärt werden, wer für die Mehrkosten der Panne aufkommen muss: Bilfinger oder die BVG. Wie hoch diese insgesamt sind, ist nicht bekannt. Fest steht: Da die alte Antriebsmaschine von „Bärlinde“ noch immer am Brandenburger Tor feststeckt, musste eine neue bestellt werden.

Schon jetzt hat sich das mit ursprünglich 433 Millionen Euro veranschlagte Projekt um rund 90 Millionen Euro verteuert, es liegt rund ein halbes Jahr hinter dem Zeitplan. Die Laune von Sigrid Nikutta kann das bei der Taufe nicht verderben. „Alles ordnungsgemäß kaputt gegangen“, konstatiert die BVG-Chefin zufrieden, nachdem eine Flasche Sekt ordnungsgemäß an der Tunnelwand zersplittert ist.