Neue Studie

Warum immer mehr deutsche Rentner im Ruhestand arbeiten

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Andreas Abel

Foto: Massimo Rodari

Weitermachen, weil es Spaß macht: Viele Senioren haben keine Lust aufs Nichtstun - und arbeiten auch im hohen Alter. Vor allem ältere Deutsche mit gutem Auskommen sind noch erwerbstätig.

Heide Meyer steckt voller Energie. Mit Engagement und Begeisterung begleitet sie Unternehmerinnen und Existenzgründerinnen – vor allem Frauen, die sich im Handel, in der Textil- oder Dessousbranche selbstständig machen wollen. „Durch Wissen zum Erfolg“ heißt ihr Beratungskonzept. Das Besondere: Heide Meyer ist 71 Jahre alt.

Als sie sich aufmachte, ihr Wissen im Rahmen einer Coaching-Agentur weiterzugeben, war sie 67. Mit Ruhestand im klassischen Sinn kann die Frau aus Wilmersdorf nichts anfangen. Dazu ist sie zu agil – und zu neugierig, wie sie selbst sagt.

Bis 2010 führte Heide Meyer ein Dessousfachgeschäft, „Lady M“ an der Westfälischen Straße. Eine Institution, nicht nur in Halensee. 38 Jahre lang war sie dort Chefin, mehr als ein halbes Jahrhundert stand sie „hinterm Ladentisch“. Sie wurde zur Einzelhandelsexpertin und natürlich zur Expertin für Dessous. Sie hat Kundinnen beraten, deren Mütter und Großmütter schon bei ihr gekauft hatten. Vor gut zwei Jahren stellte sie ihre Erfahrungen und Erlebnisse zwischen BHs und Tangas als Buch vor. Der Titel: „Mutter Corsage“.

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„Der Handel ist mein Leben“

„Erst konnte ich damit wenig anfangen“, verrät sie im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Heute gefalle ihr der Titel gut, erinnert er doch an Mutter Courage. Courage hat sie jahrzehntelang unter Beweis gestellt und tut es heute noch. Bei ihrer Beratung geht es nicht darum, Businesspläne für Gründerinnen zu erstellen. „Das könnte ich auch, will ich aber nicht“, sagt sie. Ihre Arbeit ziele auf das Praktische, auf die „Umsetzung des Traums“, wie sie es nennt.

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Wo könnte der Laden passen? Wie hoch darf die Miete sein? Welche Waren gehören ins Sortiment? Wie führe ich meine Mitarbeiter? „Der Handel ist mein Leben“, sagt Meyer. Da könne ihr schwerlich jemand etwas vormachen.

Als ob das alles nicht genug wäre für eine 71-Jährige, engagiert sich Heide Meyer auch noch ehrenamtlich. Für den Senior-Experten-Service begleitet sie junge Menschen in ihrer Ausbildung. Und demnächst fährt sie im Auftrag der Organisation für drei Wochen nach Weißrussland, um dort einer Firma auf die Füße zu helfen. Warum sie das alles tut? „Ich will mich immer wieder ausprobieren“, erklärt die Berlinerin.

Finanzielle Not kein Grund für Erwerbstätigkeit

Weitermachen, weil es Spaß macht. Immer mehr Deutsche arbeiten im Ruhestand – längst nicht alle aus Not, weil die Rente nicht reicht, wie manche Sozialverbände und Gewerkschaften befürchten. Jeder, der im Alter wegen nicht ausreichender Rente weiterarbeiten müsse, sei „einer zu viel“, erklärte der Deutsche Gewerkschaftsbund und forderte die Politik auf, das Rentenniveau langfristig zu sichern.

Aber niedrige Renten und geringer Vermögensbesitz sind einer neuen Studie zufolge nicht die Hauptgründe für die Erwerbstätigkeit von Rentnern. Ein solcher Zusammenhang lasse sich nicht belegen, sagte Christian Pfarr, Wissenschaftler an der Universität Bayreuth, bei der Vorstellung der Studie, die vom Deutschen Institut für Altersvorsorge in Auftrag gegeben wurde.

Für die Untersuchung werteten Forscher Daten aus dem sozio-ökonomischen Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus. „Die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit ist unabhängig von der Rentenhöhe gleich groß“, erklärten die Studienautoren. „Fortgesetzte Erwerbstätigkeit nach Rentenbeginn wird also nicht primär von finanziellen Notwendigkeiten getrieben.“

Berufseinstieg spielt eine Rolle

Im Gegenteil: Je größer das Einkommen und das Vermögen, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit nach Rentenbeginn. Laut Studie weist die Gruppe der Menschen mit einem Haushaltsnettovermögen von mehr als 250.000 Euro die mit Abstand höchste Erwerbsbeteiligungsquote aus. Auch die Auswertung des Einkommens aus der Gesetzlichen Rentenversicherung liefere keinen Hinweis darauf, dass Männer und Frauen mit einer sehr geringen Rente sich stärker am Arbeitsmarkt engagierten als Menschen mit einem höheren Renteneinkommen.

Bildung sei dagegen durchaus ein Faktor. So steige mit dem Bildungsgrad die Wahrscheinlichkeit für eine fortgesetzte Erwerbstätigkeit. Dies liege auch daran, dass Menschen mit höherem Bildungsabschluss seltener Berufe mit starker körperlicher Belastung ergriffen und größere Wahlmöglichkeiten für eine verlängerte Erwerbstätigkeit hätten. Auch der Zeitpunkt des Berufseinstiegs habe Auswirkungen. Je früher etwa der Berufseinstieg bei Männern sei, desto größer sei die Tendenz, im Rentenalter nicht mehr zu arbeiten. Ebenfalls spielen persönliche Gründe eine Rolle: Mit dem Alter des Partners sinkt die Wahrscheinlichkeit, als Rentner arbeiten zu gehen.

Anteil erwerbstätiger Ruheständler stark gestiegen

Zurückgegangen sei unterdessen der Umfang der Beschäftigung. Seien Männer vor zehn Jahren noch überwiegend in Vollzeit tätig gewesen, seien inzwischen gut 50 Prozent von ihnen geringfügig beschäftigt. Nur 20 Prozent arbeiteten noch Vollzeit – einen hohen Anteil machen Selbstständige und Freiberufler aus. Die Studie bestätigt, dass der Anteil der erwerbstätigen Ruheständler seit 1995 stark gestiegen ist und im Jahr 2012 ein neues Allzeithoch erreicht hat.

Dennoch ist die Quote der arbeitenden 65-Jährigen mit acht Prozent bei den Männern und fünf Prozent bei den Frauen gering. Im Alter von 70 Jahren sind immer noch sechs Prozent der Männer und drei Prozent der Frauen trotz Rentenbezugs erwerbstätig. Dabei ist die Erwerbsbeteiligung in Westdeutschland höher als in Ostdeutschland – obwohl im Osten die Renten niedriger sind.