Prozess

Junge aus Berlin sollte zwangsverheiratet werden

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Regina Köhler

Foto: Amelie Loisier / www.amelielosier.com

Nasser ist schwul. Seine Eltern können das nicht akzeptieren. Sie wollen ihn in den Libanon entführen und zur Heirat zwingen. Doch Nasser flieht und zeigt seine Eltern an. Der Prozess beginnt im März.

Nasser ist 18 Jahre alt. Seine Eltern sind im Libanon geboren, er in Neukölln. Inzwischen hat er die deutsche Staatsbürgerschaft, aber keine Familie mehr. Er ist von zu Hause weggelaufen, als er 15 war. „Damals haben meine Eltern erfahren, dass ich schwul bin“, sagt er. Im Islam sei das eine Todsünde, hätten sie zu ihm gesagt. Der Vater habe angekündigt, ihn umzubringen.

„Sie haben mich misshandelt, mit kochendem Wasser verbrüht, mit Benzin übergossen.“ Nasser wirkt erstaunlich gefasst, als er beschreibt, was seine Eltern ihm angetan haben. Nur seine Augen verraten, wie sehr ihn diese Geschichte jedes Mal wieder mitnimmt, wenn er sie erzählt. Ein Onkel sagt ihm dann, dass er verlobt sei. Im Libanon würde ein schönes Mädchen auf ihn warten. Das ist zu viel für Nasser, er flieht.

„Ich stand auf der Straße und wusste nicht, wohin“, erinnert er sich. Den Eltern seiner Freunde kann er nicht trauen, sie würden bestimmt seine Familie informieren. Zurück will er auf keinen Fall. Er hat einfach Angst. Eine Woche irrt er durch Berlin, bis er sich endlich zum Neuköllner Jugendamt traut.

Das alles ist drei Jahre her. Doch Nasser hat nichts vergessen. Am Dienstag sitzt er im Büro von Monika Herrmann (Grüne), der Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg. Er hat sich dafür entschieden, seine Geschichte öffentlich zu machen. Er will anderen damit Mut machen, denen es ähnlich geht. Auch der Prozess gegen seine Eltern wird öffentlich sein, das hat Nasser durchgesetzt. Er hat sie angezeigt, weil sie ihn zwangsverheiraten wollten und sogar versucht haben, ihn in den Libanon zu entführen.

Mehr Jungen zwangsverheiratet

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann hat auch ein Anliegen. „Wir brauchen dringend Hilfsangebote für Jungen und junge Männer“, sagt sie der Berliner Morgenpost. Die Geschichte von Nasser zeige, wie groß der Handlungsbedarf ist. Für Mädchen und junge Frauen in Not gebe es sie seit Langem: Angebote wie Papatya, eine Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen, oder die Beratung Wildwasser e.V., die jungen Mädchen und Frauen hilft, die sexuelle Gewalt erfahren haben oder davon bedroht sind. „Für Jungen gibt es keine Anlaufstelle, sie sind auf sich selbst gestellt“, sagt Herrmann. Dabei gebe es immer mehr Jungen und junge Männer, die von Zwangsheirat bedroht sind.

Wie groß das Problem ist, zeigen neue Zahlen, die der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung erhoben hat. Demnach gab es 2013 berlinweit 460 Fälle, die bekannt geworden sind. Das sind 18Prozent mehr als bei der Befragung 2007. Die Leiterin des Arbeitskreises Zwangsverheiratung, Petra Koch-Knöbel, die auch Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg ist, sagt, dass die meisten der Betroffenen Mädchen oder junge Frauen waren. Gleichzeitig habe die Zahl zwangsverheirateter Jungen deutlich zugenommen. Sie sei von 12 Fällen 2007 auf 29 im Jahr 2013 gestiegen.

„Zwangsverheiratung ist aber nicht nur ein Problem in muslimischen Familien“, sagt Koch-Knöbel. Es seien patriarchale tradierte Familienstrukturen, in denen Zwangsverheiratung ein Thema ist. „Das kommt genauso in christlichen oder hinduistischen Familien vor.“ Die Umfrage des Arbeitskreises Zwangsverheiratung ergab, dass die Altersgruppe der 18- bis 21-Jährigen mit 38 Prozent am stärksten betroffen ist. Die zweitgrößte Gruppe sei die der 16- und 17-Jährigen, heißt es.

Nasser will aufrütteln

Doch zurück zu Nasser. Er wird vom Jugendamt in Obhut genommen, nachdem er sich dort gemeldet hat. Seinen Eltern wird das Sorgerecht entzogen. Zehn Tage später geht der damals 15-Jährige trotzdem wieder nach Hause zurück. „Die Sehnsucht nach meiner Mutter und meinen Geschwistern war zu groß“, sagt er. Doch zu Hause warten schon mehrere Onkel und der Vater auf den Jungen. Sie versuchen, ihn in den Libanon zu entführen. Zum Glück bemerkt das Jugendamt, dass Nasser verschwunden ist. Er hatte die Auflage, sich täglich dort zu melden. Der Plan der Familie fliegt auf, an der Grenze zu Rumänien wird das Auto gestoppt, in dem Nasser entführt werden soll. Die Familie wird gestellt, Nasser kommt zurück nach Berlin.

Petra Koch-Knöbel kennt etliche solcher Fälle. „Wenn die Eltern der Meinung sind, dass sie mit ihren Kindern nicht mehr klarkommen, verschleppen sie diese in ihre Herkunftsländer. Dort werden sie dann zwangsverheiratet.“ Seit einigen Jahren gebe es in Deutschland zwar ein Gesetz gegen Zwangsverheiratung, doch das greife nur, wenn die jungen Menschen ihre Eltern anzeigen. „Diesen Schritt können aber viele nicht gehen, weil sie wissen, dass der Kontakt zur Familie damit endgültig zerstört ist.“

Nasser hat diesen Schritt gemacht. „Ich will nicht vortäuschen müssen, jemand zu sein, der ich nicht bin“, sagt er. Er hat seine Eltern angezeigt, wegen Misshandlung, Zwangsverheiratung, Verschleppung. Doch nur Letztes wird Gegenstand des Prozesses sein, der im März beginnt. Alles andere kann er nicht nachweisen. „Es geht mir nicht um Rache, ich will den Menschen die Augen öffnen, sie wachrütteln“, sagt Nasser.

Er lebt heute in einem Wohnprojekt. Auf dem zweiten Bildungsweg will er seinen mittleren Schulabschluss machen. Später möchte er Flugbegleiter werden.