Zwangsheirat

Aliyah und Dimi kämpfen um ein selbstbestimmtes Leben

Das neue Buch der Journalistin Güner Balcı erzählt vom Neuköllner Mädchen Aliyah, das sich von seiner Familie losgesagt hat. Die Autorin setzt sich gegen Zwangsheirat und für Gleichberechtigung ein.

Foto: Amin Akhtar

Eigentlich wollen Aliyah und Dimi einfach nur ihr Leben zusammen verbringen, so, wie es sich die meisten Teenagerpärchen erträumen. Doch Aliyahs Familie hat andere Pläne für die Tochter, und in denen kommt Dimi nicht vor.

Das bekommt das junge Paar mit solcher Brutalität zu spüren, dass Aliyah vor der Familie flüchtet und in einer neuen Stadt, mit neuem Aussehen und neuem Namen ein neues Leben beginnt. Doch die Familie gibt die Suche nach ihr bis heute nicht auf.

Eingeschränktes Leben vieler Mädchen

Das ist der Plot von Güner Balcıs neuem Buch „Aliyahs Flucht“, doch mitnichten handelt es sich hier um einen besonders dramatischen Coming-of-Age-Roman einer jungen Neuköllner Deutschkurdin. Aliyahs Geschichte ist eine wahre und nach den Erfahrungen der Autorin kein Einzelfall.

„Aliyahs Weggang – so etwas machen die wenigsten. Aber ihr Schicksal ist repräsentativ für viele Mädchen in Neukölln, die ein sehr stark eingeschränktes Leben führen“, sagt Güner Balcı. „Aliyahs Flucht“ ist nach „ArabBoy“ und „ArabQueen“ das dritte Buch der Berliner Journalistin.

Ein heikles Themengebiet hat sich Balcı ausgesucht, für ihre Arbeit im Allgemeinen wie auch für ihr neues Buch. 2012 geriet sie in die Kritik, weil sie mit Thilo Sarrazin im Rahmen eines Dokumentarfilmes einen „Spaziergang“ durch Kreuzberg unternahm. In einschlägigen TV-Talkrunden streitet sie vehement für ein generelles Kopftuchverbot.

Kritik von beiden Seiten

Balcı weiß, dass sie sich mit solchen Forderungen Feinde macht – auf der einen wie auf der anderen Seite. Sowohl konservative Muslime wie auch die, wie Balcı sie nennt, „linken Kulturrelativisten“ werfen ihr Rassismus oder Islamophobie vor.

Doch das ist zu einfach gedacht. Balcı stellt Fragen, die man überhören möchte: Wird Gleichberechtigung verhandelbar, wenn ich als Klassenlehrerin Burkinis kaufe, um einigen Mädchen die Teilnahme am Schwimmunterricht zu ermöglichen?

Oder das Kopftuch: „Die ganze Debatte übers freiwillige Kopftuch können wir führen, wenn wir ausschließen können, dass Mädchen oder Frauen dazu gezwungen werden“, so Balcı, die aus einem liberalen türkisch-kurdischen Elternhaus stammt. „Aber davon sind wir noch hundert Jahre entfernt.“

Sie hat wohl recht mit der Behauptung, dass bei jeder leisen Kritik an Ungerechtigkeiten in religiösen oder kulturellen Minderheitenmilieus sofort Relativierungseinsprüche erhoben werden. Meist aus, wie Balcı sie nennt, „bürgerlichen Salons, deren Publikum gern einmal auf einen intellektuellen Ritt ins wilde Kurdistan geht und deren einziger Kontakt zur muslimischen Lebenswelt der Kauf von Knoblauchcremepaste ist.“

Erfahrung aus Neuköllner Mädchentreff

Neuköllns Hipster klammert sie da nicht aus. Natürlich sei es wichtig, nicht zu generalisieren, doch handele es sich zum Beispiel um Berichte über Kindesmisshandlungen, würden auch nicht sofort all die Kinder aufgeführt, die eine glückliche Kindheit verleben. „Es ist diskriminierend, Migranten nicht zu kritisieren, weil sie Migranten sind“, meint Balcı.

Ihre Thesen untermauert die in Neukölln aufgewachsene Journalistin mit einem reichen Erfahrungsschatz: 12 Jahre arbeitete sie in einem Neuköllner Mädchentreff. Dort lernte sie Aliyah kennen, die wie fast alle Protagonisten des Buches anders heißt.

Und wie die meisten muslimischen Mädchen im Bezirk habe auch Aliyah unter einem stark eingeschränkten Bewegungsradius gelitten. Mädchen unterstünden der Kontrolle der Familie und seien für die Aufrechterhaltung von deren Ehre verantwortlich.

„All das, was das Leben eines durchschnittlichen europäischen Teenagers ausmacht – Herzschmerz oder rumknutschen – findet im Verborgenen statt, und das macht die Mädchen erpressbar.“

Beste Freundin verrät Aliyah

So erging es auch Aliyah. Als Teenager verliebt sich das aus einer strenggläubigen kurdisch-türkischen Familie stammende Mädchen in Dimi, einen Griechen, und führt über Jahre eine geheime Beziehung mit ihm. Ihre damals beste Freundin verrät sie an die Eltern, und so beginnt Aliyahs und Dimis Fluchtgeschichte, ihre Familie ist dem Paar beständig auf den Fersen.

Balcı thematisiert nicht nur die Zwänge, denen Kinder wie Aliyah durch eine streng konservative Auffassung des Glaubens vonseiten der Familie unterliegen. Auch die für die Betroffenen lebensbedrohliche Nachlässigkeiten im deutschen Behördensystem kritisiert sie.

So war es für Aliyahs Bruder ein Leichtes, trotz eines dicken, roten Sperrvermerks im Melderegister an die neue Anschrift des Pärchens zu gelangen. Wieder Sachen packen, neue Stadt, neue Namen, neues Aussehen. Das geschah erst vor wenigen Monaten.

„Aliyahs Familie sucht immer noch nach den beiden“, sagt Balcı, ein gutes Informantennetzwerk in der Neuköllner Community hat sie. Genaueres darf sie nicht sagen, nur, dass es dem Paar heute gut geht: „Aliyah und Dimi haben eine sehr gute Beziehung. Ich hätte nicht gedacht, dass sie das durchhalten.“

Zwangsehen sind keine Einzelfälle

Balcı vertritt die These, dass sich wenige muslimische Männer und die wenigsten muslimischen Frauen frei für einen Ehepartner entscheiden könnten und dass Zwangsehen als Einzelfälle marginalisiert werden.

Bei aller Authentizität von Balcıs Erzählung stößt es einem bei der Lektüre manchmal auf, dass den zumeist intoleranten, vorurteilsbeladenen Muslimen im Buch die beinah flächendeckend als hilfsbereite Gutmenschen agierenden Deutschen gegenüberstehen.

Balcı ist vor sechs Jahren mit Mann und Kindern von Neukölln nach Mitte gezogen. „Mitte ist natürlich auch eine Parallelwelt“, räumt sie ein. „Aber wenn man von Neukölln nach Mitte zieht, erfährt man, was eine getrennte Gesellschaft ist.“