Bürgertag

Andrang bei Ausstellung in früherer Stasi-Zentrale

Im Stasi-Museum zeigt eine neue Dauerausstellung die Tätigkeit der Staatssicherheit in der DDR. Der Bürgertag erinnert an die Erstürmung der Zentrale im Januar 1990.

Wer den Eingang zur neuen Ausstellung in der einstigen Stasi-Zentrale Minuten zu früh geöffnet hat, geht im Gedränge unter. „Die Bürger nehmen sich das Hauptquartier – in guter Tradition, hier wird nicht gewartet“, sagt Roland Jahn verblüfft und lacht. „Willkommen“, ruft der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen und einstige Oppositionelle der Menge noch nach.

Ein Hauch von damals liegt am Sonnabend in der Luft. Vor 25 Jahren, am 15. Januar 1990, hatten aufgebrachte Demonstranten den riesigen Stasi-Komplex an der Normannenstraße gestürmt. Massenhaft wurden dadurch Akten vor der Vernichtung gerettet. Daran wird nun mit einem Bürgertag erinnert. Und die Menschen stürmen ohne offizielle Eröffnungsrede in das Haus 1, wo einst Stasi-Minister Erich Mielke residierte.

Das Mielke-Büro mit blauen Sesseln, Holzschreibtisch, gemusterten Gardinen und Telefonen ist weitgehend original erhalten und gehört zu der Ausstellung, die das Wirken des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) beleuchtet. Die Besuchermasse kommt nur langsam schiebend voran.

„Wir sind heute noch betroffen vom MfS“

Kopfschüttelnd bleibt ein Mann mit Jeansjacke und Schiebermütze stehen. Er wisse von einem brandenburgischen Schützenverein mit alten Stasi-Leuten, die würden noch immer die Fäden ziehen. „Wir sind heute noch betroffen vom MfS“, sagt der 47-jährige Arbeitslose.

Dort, wo einst bis zu 7000 Stasi-Leute als „Schild und Schwert“ der SED residierten, schauen sich viele Ältere, aber auch Familien und junge Pärchen um, hören Vorträge, sehen Filme an, diskutieren. Bei Rundgängen bestaunt das Publikum das gigantische Archiv mit den Stasi-Akten. Viele tragen Beutel mit Broschüren und Flyern. Laut Bundesbehörde kommen bis zum Nachmittag mehrere Tausend Menschen.

„Es interessiert mich“, ist immer wieder zu hören. Eine Berliner Rentnerin hat gerade beantragt, einen Blick in Unterlagen zu werfen, die die Stasi möglicherweise über sie angelegt hat. „Das wollte ich schon lange machen. Nun ist das ein guter Anlass“, sagt die 71-Jährige. Sie hoffe, dass es keine bösen Überraschungen gebe.

Gelände wird Campus für Demokratie

Die Behörde berät in noch immer etwas muffig riechenden Räumen im Haus 7 des riesigen, einst hermetisch abgeriegelten Beton-Komplexes. Roland Jahn, einst gegen seinen Willen auf Anweisung von Mielke in den Westen abgeschoben, verteidigt indes seine Pläne, aus dem Gelände einen Campus für Demokratie zu entwickeln.

Nach seinen Vorstellungen könnte das ehemalige Offiziers-Casino (Haus 22) zum Informationszentrum mit Bibliothek zur SED-Diktatur, Buchladen, Seminarräumen und einem Lesecafé mit Terrasse werden. Damit würden Stasi-Museum und Archiv komplettiert. „Wir können an dem authentischen Ort aus der Vergangenheit für die Demokratie lernen“, ist sein Anliegen.

Wie soll es überhaupt weitergehen mit der Stasi-Unterlagen-Behörde und den Akten? Thomas Krüger, Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung, ist bei einer Diskussion sehr direkt. Mit einer Abschaffung der Behörde könne eine Menge Geld gespart werden, sagt er. Viele Aufarbeitungsinitiativen seien jahrelang zu kurz gekommen, sie müssten gestärkt werden. Die Hinterlassenschaft des MfS könnte das Bundesarchiv verwalten. Ex-Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe widerspricht. Eine Schließung der Stasi-Unterlagen-Behörde wäre das falsche Signal für die Aufarbeitung. „Das ist nicht erledigt.“

Stasi-Museum Berlin, Ruschestraße 103, Haus 1, 10365 Berlin

Öffnungszeiten: Mo-Fr: 10 - 18 Uhr, Sa, So: 12 - 18 Uhr, Feiertage: 12 - 18Uhr