Wachstum

„Wir sind nicht mehr die Schmuddelkinder“

Woher sollen in den kommenden Jahren die Mitarbeiter der boomenden Berliner Firmen kommen? IHK-Präsident Eric Schweitzer und Stephan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer, im Interview.

Berlin boomt. Die Stadt zieht seit Jahren Menschen aus dem Ausland an. Und das Wachstum wird weitergehen, wie die Präsidenten der Handwerkskammer, Stephan Schwarz, und der Industrie- und Handelskammer, Eric Schweitzer, im Interview sagen. Ein Gespräch in der Bibliothek des Waldorf-Astoria über Flüchtlinge, die Chancen der Zuwanderung und Wünsche an den neuen Senat.

Berliner Morgenpost: Herr Schwarz, Herr Schweitzer, seit gut zehn Jahren prägen Sie einen auch bundesweit einmaligen partnerschaftlichen Stil. Handwerkskammer und IHK treten bei wichtigen Themen gemeinsam auf. Im Sommer gab es leichte Verwerfungen zwischen Ihnen beiden. Wie geht es weiter?

Eric Schweitzer: Es geht erfolgreich weiter wie bisher, was Sie ja schon allein daran sehen, dass wir den Neujahrsempfang gemeinsam machen. Und wir sind weiterhin befreundet. Dass die beiden Kammern zusammenarbeiten, liegt ja nicht daran, dass Herr Schwarz und ich uns gut verstehen, sondern dass das aus Mitgliedersicht die beste Möglichkeit ist, das Interesse der Wirtschaft durchzusetzen und Arbeitsplätze zu schaffen.

Stephan Schwarz: Wir haben eine Kooperationsvereinbarung mit einer tiefen institutionellen Verflechtung auch bei inhaltlichen Themen, etwa Arbeitsmarkt und Industriepolitik. Wir haben hier eine Vorreiterrolle in Deutschland.

Können Sie fusionieren?

Schwarz: Es geht schon gesetzlich nicht. Der Gesetzgeber hat sich für ein zweigliedriges Kammersystem entscheiden. Entscheidend ist ja, wie man pragmatisch mit einzelnen Fragestellungen umgeht – dass man so den engen Schulterschluss hat.

Manche Unternehmen liegen von Art und Größe auf der Grenze zwischen den Kammern. Bei Ihrem Unternehmen GRG ist das so, Herr Schwarz. Warum sind Sie nicht bei der IHK?

Schwarz: Klar vermischen sich die Dinge. Ich glaube, genau deshalb ist es auch wichtig, dass wir uns nicht gegeneinander abgrenzen, sondern eng zusammenarbeiten, beispielsweise bei Fragen der Beitragserhebung. Es gibt Unternehmen, die in beiden Kammerbereichen tätig sind, etwa die Kfz-Branche. Da haben sie den handwerklichen Teil der Reparatur und den Handelsbereich. Und wenn die Kammern sich nicht gut verstehen würden, muss sich der Betrieb Gedanken machen, wie die Beiträge aufgeteilt werden. Das machen wir in Berlin alles sehr kooperativ. So hat der Betrieb keine Nachteile.

Um die IHK-Beitragsüberschüsse 2013 gab es eine Debatte.

Schweitzer: Ja – eine sehr partnerschaftliche und produktive Debatte. Aber zunächst einmal: Wir haben die Beiträge in den vergangenen fünf Jahren halbiert. Die Ausbildungsgebühren ebenfalls. Jetzt waren durch die gute Wirtschaftsentwicklung der Stadt Überschüsse da. Und da die IHK keine Gewinne erzielen darf, hat die Vollversammlung entschieden, das Thema Bildung in Berlin zu stärken: beim für viele schwierigen Übergang von Schule in Ausbildung und im Bereich der Forschung. In der Summe geht es um circa 15 Millionen Euro für Projekte in diesen Bereichen. Die Vollversammlung hat Kriterien festgelegt, nach denen das Geld vergeben wird. Die Nachfrage ist sehr groß und bestärkt uns in unserem Vorhaben.

Von knapp 300 Anträgen hörten wir.

Schweitzer: Richtig. Da hat unsere Jury – der Lenkungskreis – ordentlich zu arbeiten. Ich finde das Konzept sehr gut, weil die Wirtschaft damit einen weiteren beachtlichen Beitrag dafür leistet, dass junge Menschen gefördert werden. Das tut auch der Stadt gut.

Wo steht Berlin wirtschaftlich gerade?

Schweitzer: Vor zehn Jahren hatte die Stadt wirtschaftlich kein Selbstbewusstsein. Wir standen in Deutschland ganz hinten. Inzwischen hat sich das geändert. Berlin ist in einem Aufholprozess. Uns ist schon eine Menge gelungen, wenn wir uns die letzten acht Jahre anschauen. Die Wirtschaftsleistung ist deutlich stärker gewachsen als im Bund. Woran liegt das? Die Politik hat vor Jahren einiges richtig entschieden. Zum Beispiel, dass Berlin sehr stark in die Wissenschaft investiert, etwa 1,7 Milliarden Euro sind es von Bund und Land jährlich. Bezogen auf die Einwohnerzahl gibt es das in keinem Bundesland so stark.

Warum ist das wichtig?

Schweitzer: Wirtschaft in Deutschland braucht eine sehr starke Wissensbasierung. Es macht keinen Sinn, zu sagen, wir können Massenware billiger produzieren als in anderen Ländern. Wachstum geht auch in Berlin nur über Wissen, über Wissenstransfer und da über innovative Wirtschaft verknüpft mit Internationalisierung. Der Tourismus und die Kreativen tuen für die Stadt ein übriges. Berlin ist inzwischen ein Ort in der Welt, zu dem man hin will. Und wenn sie Rückenwind haben, kommt einiges von selbst dazu.

Ist das schon ausgereizt?

Schweitzer: Klar ist da noch mehr drin. Da muss auch mehr drin sein. Wir brauchen mehr Investoren. Und die brauchen an einem Standort wie Berlin gute Beispiele, damit sie investieren. Ins Silicon Valley gehen Investoren, weil es viele erfolgreiche Modelle gab. Berlin ist noch lange nicht das Silicon Valley, aber wir kommen auf die Investorenkarte. Auch unter anderem durch Rocket Internet...

... die Firmenmaschine, die die Samwer-Brüder gerade an die Börse gebracht haben...

Schweitzer: ...oder durch Zalando.

Der Internethändler ging ebenfalls gerade erfolgreich an die Börse.

Schweitzer: Das ist gut für Berlin. Weil es dazu führt, dass wir zusätzlich Kapital in die Stadt bekommen. Vor allem für die zweite Finanzierungsrunde bei jungen Unternehmen, in der dann auch größere Beträge gefragt sind. Da sind die Rahmenbedingungen in Deutschland bisher nicht optimal – zum Beispiel bei der Verlustverrechnung: Von zehn Start-ups funktioniert eins. Investoren kalkulieren, dass sie mit dem einen mehr verdienen müssen, als sie bei den anderen neun verlieren. In Deutschland können sie die Verluste nur eingeschränkt mit dem Gewinn verrechnen und müssen den Saldo voll versteuern. Und dann halten sich natürlich viele zurück. Die Bundesregierung will das jetzt ändern. Davon würde Berlin überproportional profitieren, weil wir die Start-up-Hauptstadt in Deutschland sind.

Was hat das Handwerk davon? Man redet immer von Start-ups, die an tollen Internetsachen basteln. Und das Handwerk kommt gar nicht vor, oder?

Schwarz: Das ist die große Überraschung gewesen, dass Berlin plötzlich zu einem der Hotspots der Start-up-Szene geworden ist. Darüber freut sich auch das Handwerk. Weil Handwerk auch immer Zulieferer für jedes Start-up ist. Und wir haben auch eine vitale Gründerszene im Handwerk. Was Handwerk vom klassischen Start-up unterscheidet, ist die Nachhaltigkeit. Von zehn Gründungen im Handwerk werden fast alle die nächsten fünf bis zehn Jahre überleben, weil solide und erprobte Geschäftsmodelle dahinterstehen.

Die Anforderungen sind auch deutlich höher.

Schwarz: Klar. Sie müssen in vielen Fällen einen Meisterbrief haben. Deshalb ist das eine nicht gegen das andere auszuspielen. Ein Start-up ist genauso wichtig, auch wenn es nach einem halben Jahr scheitert. Aber die Summe der Start-ups bietet, wenn einige davon reüssieren, Chancen. Und das ist genauso wichtig wie jede Existenzgründung im Handwerk.

Für das Wachstum brauchen die Unternehmen auch Mitarbeiter. Wo sollen die alle herkommen?

Schwarz: Berlin hat die Chance, besser als jede andere Region in Deutschland, international Talente anzuziehen. Und wir brauchen internationale Talente, um Wachstum sicherzustellen. Wer heute ein Unternehmen gründet und Talente im harten Standortwettbewerb anziehen will, für den ist Berlin erste Wahl. Das betrifft vor allem den Highend-Bereich. Aber insgesamt nutzen wir in der Berliner Wirtschaft nicht alle Potenziale des Fachkräftemarktes. Denken Sie an Jugendliche mit Migrationshintergrund, an alleinerziehende Mütter und Väter. Da hoffe ich, dass man durch gute und flexible Kinderbetreuungsangebote und Ganztagsschulen das Potenzial besser heben kann.

Muss die Wirtschaft insgesamt offener werden, auch Leute zu nehmen, die mehr Betreuung brauchen?

Schwarz: Absolut. Wir müssen uns auch stärker um die schwächeren Bewerber bemühen.

Schweitzer: Früher hatten wir mehr Jugendliche als Ausbildungsplätze. Das hat sich dramatisch gedreht und wird sich weiter dramatisch ändern. Deutschland wird demografiebedingt immer weniger Schulabgänger haben. Da muss es unser Ziel sein, dass jeder junge Mensch eine Chance auf eine Ausbildung hat. Wenn beispielsweise Asylbewerber in Deutschland eine duale Ausbildung beginnen und der Asylantrag später abgelehnt wird, werden sie abgeschoben. Ein Problem.

Ist bei Flüchtlingen grundsätzlich Potenzial?

Schwarz: Die Handwerkskammer hat gerade gemeinsam mit der Arbeitsverwaltung ein Projekt in Berlin gestartet. Wir sprechen gezielt junge Flüchtlinge an und geben ihnen eine Möglichkeit, sich handwerklich auszuprobieren. Das läuft monatsweise jeweils mit einer Innung gemeinsam. Kfz- oder Baugewerksinnung oder Heizung Klima Sanitär, all jene Bereiche, in denen wir händeringend Nachwuchs suchen. Die Flüchtlinge lernen ein Gewerk kennen und haben die Möglichkeit, sofort in eine Einstiegsqualifizierung oder sogar eine Ausbildung zu gehen.

Und?

Schwarz: Ich habe einige dieser Flüchtlinge kennengelernt. Das sind hoch motivierte Leute. Die nehmen einen weiten Weg auf sich, haben Tausende Kilometer hinter sich, sind aus furchtbaren Bürgerkriegssituationen entflohen und wollen hier in Deutschland ihren Weg machen. Die sind sehr ehrgeizig. Das sind genau die Leute, die wir brauchen. Ich denke, wir sollten auch gesellschaftlich deutlich machen, dass sie uns herzlich willkommen sind. Und wir sollten alles dafür tun, dass wir sie integrieren können.

Schweitzer: Jeder, der hier in Frieden lebt, sollte dankbar sein und sagen: Wenn Menschen aus anderen Ländern, aus schrecklichen Zuständen und oft gegen ihre Lebensplanung kommen, sind wir als Teil Europas auch dazu verpflichtet, zu helfen. Die Flüchtlinge, die nach Deutschland, nach Berlin kommen, sollten wir als Chance und nicht als Risiko verstehen – auch für die Wirtschaft. Da haben wir noch Handlungsbedarf: Eine Ausbildung sollte ein Grund sein, eine Abschiebung auszusetzen. Ich fände es sogar gut, wenn eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung Grund für ein Bleiberecht wäre.

Da sind wir bei einer sehr grundlegenden Debatte über das Asylrecht in Deutschland.

Schwarz: Die müssen wir in Deutschland führen. Wie organisieren wir Einwanderung? Heute werden Armutsflüchtlinge in unserer Gesellschaft häufig diffamiert. Ist es denn wirklich so schlimm, wenn ich aus dem Umfeld, in dem ich für mich selbst keine Entwicklungsperspektive sehe, in ein anderes Land gehe, um dort zu arbeiten, mich einzubringen, Sozialversicherung und Steuern zu zahlen?

Das setzt voraus, dass Stellen nicht besetzt werden können.

Schwarz: Was wir nicht wollen, ist eine Einwanderung in die Sozialsysteme. Doch der überwiegende Teil der Menschen, die hier herkommen, will arbeiten. Und wie wir mit denen umgehen, muss gesellschaftlich und politisch gelöst werden. Der Zustand, den wir jetzt haben, ist unbefriedigend. Hier geht ein klares Signal von der Wirtschaft aus, dass die, die was lernen wollen, hochwillkommen sind, und dass sie, wenn sie eine Ausbildung anfangen, auch eine Perspektive bekommen müssen.

Zu einem völlig anderen Thema. Wir haben einen neuen Stadtentwicklungssenator, einen neuen Finanzsenator, einen neuen Regierenden Bürgermeister. Was erwarten Sie?

Schwarz: Aus Wirtschaftssicht ist es zunächst einmal wichtig, dass die Bemühungen, den Haushalt zu konsolidieren, fortgesetzt werden. Wenn wir uns die vergangenen zehn Jahre ansehen: Da gab es einen Mentalitätswechsel, der mit Klaus Wowereit angefangen hat. Eine klare Ausrichtung auf Sparen. Das hat Vertrauen in den Wirtschaftsstandort Berlin geschaffen. Sicherlich muss heute an der einen oder anderen Stelle auch investiert werden. Das ist aber die Kunst guter Finanzpolitik, Sparen und Investieren ausgewogen hinzubekommen.

Und sonst?

Schwarz: Berlin hat sich zum Ziel gesetzt, 2050 klimaneutrale Stadt zu sein. Wir sind kein bisschen vorangekommen. Hier erwarte ich, dass der neue Regierende Bürgermeister die Chancen erkennt, die in einer proaktiven Begleitung der Energiewende stecken.

Wie kann Berlin sich da positionieren?

Schwarz: Berlin muss das Thema Energieeffizienz an oberste Stelle setzen. Es ist eine Chance, weil auch weltweit Technologien zur Energieeffizienz gefragt sind. Berlin könnte hier Vorreiter sein. Wir haben einen sehr hohen Sanierungsbedarf im öffentlichen Gebäudebestand. Hier könnte man zumindest mal mit ein paar Pilotprojekten anfangen, um über eine intelligente Gebäudesteuerung Energie zu sparen.

Haben die Berliner sich zu sehr verkämpft in der Netzkonzessionsfrage? Es sagen ja viele, um die Energiewende in Berlin voranzubringen, brauchen wir als Stadt oder städtisches Unternehmen die Kontrolle über die Netze.

Schwarz: Das ist genau der falsche Gedanke. Beim Netzthema können Sie relativ wenig gestalten, weil es über die Regulierungsbehörde eingegrenzt ist.

Schweitzer: Das Netz hat mit der Energiewende objektiv nichts zu tun. Es geht nur um die Frage, wem das Netz physisch gehört, durch das Energie geleitet wird. Der Netzeigentümer muss neutral sein. Deswegen hat die EU ja Netz und Erzeugung getrennt – um Unabhängigkeit zu haben.

Weitere Wünsche an den neuen Senat?

Schweitzer: Berlin ist eine hochattraktive Stadt. Jetzt ist die Zeit, dass wir uns eine Idee davon machen müssen, wie wir mit dem weiteren Wachstum umgehen. Diese Stadt wird 2014 wieder um rund 50.000 Einwohner gewachsen sein – viele gut qualifizierte, gut verdienende Menschen. Wir unterstellen, das passiert in den nächsten zehn Jahren in der gleichen Dynamik.

Dann haben wir 2025 eine halbe Million Menschen mehr in Berlin.

Schweitzer: Das sind anderthalb Bezirke. Das wird diese Stadt verändern. Womit wir uns beschäftigen müssen, ist die gesamte Infrastruktur, sind Flächen für und das Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten. Wie schaffen wir es, insgesamt zusätzlichen Wohnraum zur Verfügung zu stellen, auch bezahlbaren Wohnraum? Das heißt nicht, dass jeder einen Rechtsanspruch hat, in Mitte wohnen zu dürfen. Aber wir wollen auch keine Verhältnisse wie in Paris bekommen.

Dort können sich nur sehr gut verdienende Menschen größere Wohnungen im Zentrum leisten.

Schweitzer: Wie stellen wir Berlin auf und wie nehmen wir den Menschen die Ängste vor Wachstum? Der Senat muss dieser Stadt Orientierung geben. Da ist das Stadtentwicklungskonzept 2030 von Michael Müller aus seiner Zeit als Stadtentwicklungssenator eine gute Grundlage. Nun muss der Senat in den Dialog gehen und die Menschen auch einbinden.

Noch eine Frage in eigener Sache, Herr Schweitzer. Sie sind dreifach belastet: als Unternehmer, als DIHK-Präsident und als Berliner IHK-Präsident. Bleibt letzteres so?

Schweitzer: Ich wohne in Berlin, bin hier aufgewachsen und habe ein besonderes emotionales Verhältnis zu meiner Heimat. Außerdem bin ich IHK-Präsident seit zehn Jahren, und ich mache das gerne. Ich bin bis 2017 gewählt, sodass sich die Frage im Moment auch nicht stellt.

Schwarz: Das ist doch für Berlin ein großes Glück. Wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass 80 andere IHK-Präsidenten einen Berliner an die Spitze wählen, um die Deutsche Wirtschaft zu vertreten. Das passt doch in die sehr positive wirtschaftliche Entwicklung von Berlin. Wir sind nicht mehr die Schmuddelkinder.