Matratzen und Decken liegen dichtgedrängt auf dem Boden, so eng gepackt, dass man kaum Schritte in die engen Zwischenräume setzen kann. Der Staub, der durch jeden Schritt erneut in die Luft gewirbelt wird, füllt den Raum. Es ist heiß und stickig. Kaum ein Laut ist zu hören. Verängstigte, erschöpfte oder gar traumatisierte Gesichter schauen schweigend ins Nichts. Ihre Augen spiegeln die Qualen wider, die sie erlebt haben. Das einzige Anzeichen von Leben kommt von den Kindern, die am Treppengeländer herumspringen. Solche und ähnliche Szenen spielen sich derzeit in einigen Flüchtlingslagern im Irak ab, erzählt Unicef-Mitarbeiter Philipp Kalpaxis, 36, in einem Telefoninterview. Der gebürtige Berliner arbeitet im globalen Versorgungszentrum der Unicef in Kopenhagen und war schon häufig in Krisengebieten. Nach Zahlen des Kinderhilfswerks sind derzeit rund 50 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, etwa die Hälfte von ihnen sind Minderjährige.

Um das Leben in solchen Gebieten zu verbessern und Flüchtlingen zu helfen, reisen Unicef-Mitarbeiter wie Philipp Kalpaxis in verschiedene Länder, darunter Syrien, Irak, Libanon und die Türkei, um diese zu unterstützen. Viele Länder brauchen Hilfe, besonders dramatisch ist es derzeit auch im Irak und Syrien. Wegen der Anschläge der Terrororganisation „Islamischer Staat“ sind allein im Irak Hunderttausende auf der Flucht und leben in täglicher Furcht. Der IS verfolgt das Ziel der Errichtung eines grenzübergreifenden islamischen Staates, die Gründung eines Kalifats. Um ihre Ziele durchzusetzen, schreckt die Organisation auch vor der Anwendung der schlimmsten Formen von Gewalt nicht zurück. Kaltblütig werden alle umgebracht, die sich den Zielen des IS entgegenstellen.

Kürzlich verbrachte Philipp Kalpaxis mit dem sogenannten ‚Surge Team’ von Unicef über drei Monate im Irak. Ziel des Einsatzes: die Lebensverhältnisse der Menschen in den Krisengebieten zu verbessern. Hilfspakete wurden verteilt, Impfungen durchgeführt, warme Unterkünfte und Schulen für Flüchtlingskinder aufgebaut oder wiederhergestellt. Doch der Mangel an sicheren Unterkünften und die Kontrolle der IS über einige Gebiete des Iraks, die für Unicef unzugänglich sind, mindern die Effektivität der Einsätze. Von den 1.8 Millionen Flüchtlingen werden die Mehrheit in Flüchtlingslagern oder Notunterkünften im Irak oder den umliegenden Regionen untergebracht. Einige jedoch sind auch in entferntere Länder geflohen wie zum Beispiel nach Deutschland.

„Was mich während der ganzen Zeit am meisten schockiert hat, war die Atmosphäre in einem der Flüchtlingslager, in denen wir waren. Eine Weile lang wussten wir nicht, was anders war. Doch dann fiel es uns auf. In allen anderen Flüchtlingslagern hatten die Kinder gespielt. Die Erwachsenen waren überall bedrückt und verängstigt und zum Teil traumatisiert, doch immer gab es Kinder, die spielten. Kinder sind extrem anpassungsfähig, sie leben im Moment, und sie können vergessen. Doch in diesem Lager war es anders. Die Kinder waren so traumatisiert, dass sie nicht mehr spielten. Sie müssen Dinge erlebt haben, die sie nicht für einen Augenblick vergessen konnten – selbst sie saßen schweigend da“, erzählt Philipp Kalpaxis. Was hat er im Irak gelernt? „Vieles. Das Wichtigste: Ich habe wieder einmal gesehen, dass Flüchtlinge, die – nachdem sie kilometerweit gelaufen sind und dreckig und halb verdurstet vor einem stehen – zunächst sehr einfach das Gefühl erwecken können, dass sie ganz anders sind als man selbst. Aber wenn man sich dann mit ihnen unterhält, erfährt man, dass sie ganz normale Leben hatten, ganz normale Berufe, Hoffnungen und Pläne. Sie waren Ingenieure, Lehrer, Professoren. Und dann versteht man, dass das Wort ‚Flüchtling’ eine Situation beschreibt, nicht einen Menschen. Jeder kann zum Flüchtling werden. Zwei Wochen vorher hatten sie noch ihre ganz normalen Leben, und auf einmal haben sie alles verloren. Es ist nicht so, dass diese Menschen fliehen wollen, sie wollen in ihrer Heimat bleiben, sie waren mit ihrem Leben zufrieden, bevor der Krieg begann. Sie wollen nicht in ein anderes Land mit einer neuen Sprache, einer anderen Kultur, doch sie sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.“

Was wäre, wenn wir eines Tages zu den vermeintlich Anderen werden würden, die wir bisher nur aus der Ferne betrachtet haben? Auch wenn wir Glück haben und Europa friedlich bleiben sollte, ist doch die Frage: Wer wollen wir sein? Wollen wir unsere Augen verschließen, uns auf unserem gemütlichen Sofa zurücklehnen und weiter unser Leben in Sicherheit führen, ohne zu bedenken, wie es Menschen um uns herum ergeht? Oder wollen wir offener sein den Menschen gegenüber, die kein sicheres Zuhause und kein Sofa haben und unsere Hilfe benötigen?

„Die Welt ist ein gefährlicher Ort. Nicht wegen denen, die Böses tun, sondern wegen denen, die dabei zusehen und nichts tun, um es zu verhindern.“ Dieser Satz ist von Albert Einstein – und er trifft die Situation sehr genau.

Lucia Carai, Klasse 8c, Berlin International School, Dahlem