Charité

Studenten warnen Schüler vor dem Rauchen

Studenten der Charité gehen in Berliner Schulen, um Kinder vor den Gefahren des Tabakkonsums zu warnen. Sie seien keine Fanatiker, sagen sie.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Tharusan Thevathasan ist kein Fanatiker. "Das ist wichtig", sagt der Charité-Student. Er möchte kein Nichtraucher-Aktivist sein, niemand, der sofort zum Missionar wird, wenn er irgendwo eine Zigarette glühen sieht. "Alles, was wir wollen, ist, über die Risiken des Tabakkonsums aufzuklären." Also auf wissenschaftlicher Basis Kindern klarmachen, was das Rauchen ihren Körpern antue. Das ist der Kern des Projekts, dem Thevathasan in Berlin vorsitzt.

"Aufklärung gegen Tabak – Charité Berlin", nennt sich die Gruppe aus inzwischen über 40 Studierenden, die Schulklassen vor den Gefahren warnen, die im Qualm lauern. Die Berliner Studenten haben sich im Oktober 2013 zusammengetan und ihre Schulbesuche im vergangenen Jahr gestartet. Inzwischen haben Thevathasan und seine Mitstreiter etliche Vorträge gehalten und knapp 1000 Schüler erreicht. Das sind beeindruckend viele, bedenkt man, dass sich die Berliner Studenten erst im Oktober 2013 zusammentaten und ihre ersten Schulbesuche im Jahr 2014 machten.

Außerhalb der Hauptstadt existiert die Idee studentischer Tabak-Aufklärungsarbeit aber schon länger. "Wir gehören zu einem bundesweiten Netzwerk", erklärt Leonard Kozarzewski, der für die Finanzen der Berliner Aufklärer zuständig ist. Geboren wurde die Idee 2012 in Gießen. Inzwischen haben sich über 500 Studenten und 20 verschiedene Universitäten dem Projekt angeschlossen. Das blieb nicht unbemerkt. 2014 verlieh Bundeskanzlerin Angela Merkel im Zuge des Startsocial-Wettbewerbs dem Projekt einen Preis.

Nummer 1 und den vermeidbaren Todesursachen

Studenten, die vor Schulklassen über Tabak und die Sucht danach reden – das gab es in Deutschland in dieser Form noch nicht. "Für mich war das einer der Gründe, mich der Sache anzuschließen", sagt Tharusan Thevathasan. "Es gab, als ich vor zwei Jahren anfing zu studieren, alle möglichen AGs an der Charité. Nur keine, die sich mit Anti-Tabak-Programmen beschäftigte." Erstaunlich, wo doch das Rauchen nach wie vor die Nummer eins unter den vermeidbaren Todesursachen in Deutschland sei, stellt der Student fest. "144.000 Menschen sterben jährlich an den Folgen des Rauchens", ergänzt Kozarzewski. Es sind Zahlen wie diese, die Schüler während des Vortrags der Studenten zu hören bekommen. "144.000", wiederholt Thevathasan und benutzt eines der plastischen Beispiele aus den Schulpräventionen, "das sind 3600 Busse voller Menschen."

Früh aufzuklären, also präventiv zu arbeiten, dass ist ein Konzept, dass nicht nur die Arbeit der Berliner Studenten prägt. Ob in Deutschland oder der gesamten EU, mit der Einführung von Warntexten und abschreckenden Bildern auf Zigarettenpackungen, mit dem teilweisen Verbot von Tabakwerbung und Programmen wie dem der Charité – rechtzeitig vor den Gefahren des Rauchens zu warnen, ist der Schlüssel im Kampf gegen den Tabak. "Gerade bei Kindern zwischen 11 und 13 Jahren ist das besonders wichtig", sagt Thevathasan. "Wer in diesem Alter anfängt, läuft am häufigsten Gefahr, später zu denen zu gehören, die ein, wenn nicht zwei Packungen am Tag rauchen." Deswegen befinden sich die Schüler, die in Berlin von dem Präventionsprogramm profitieren, auch in den Jahrgangsstufen sechs bis acht.

"Wir haben ein Lungenmodell dabei"

Jeweils zu zweit treten die Studenten auf. Sie bemühen sich, locker mit den Schülern umzugehen. "Allein unser Alter gibt uns dabei einen Vorteil", sagt Magdalena Kaufhold, die die Besuche koordiniert. "Eltern oder Lehrern hören die Schüler bei so einem Thema sicherlich weniger gerne zu als uns, die wir noch studieren." Außerdem geben sich die Studenten Mühe, den Vortrag so unterhaltsam wie möglich zu machen. Während es bei der Erklärung der Inhalts- und Zusatzstoffe von Zigaretten noch relativ trocken zugeht, erhalten die Schüler, wenn es um die Folgen des Tabakkonsums geht, sehr gegenständliches Anschauungsmaterial. "Wir haben ein Lungenmodell dabei", sagt Kozarzewski, "und Urinkatheter und Beatmungsmasken, um den Schülern klarzumachen, wie ernst die Folgen sein können." Ist das nicht ein bisschen drastisch? "Auf keinen Fall", meint Thevathasan. "Das ist kein abstraktes Thema, da geht es um echtes Leid, um echte Krankheit."

Monoton darf so ein Vortrag nicht werden, also versuchen die Studenten, die Schüler in das Programm einzubinden. Bei der Strohhalmübung müssen die Kinder nach einem Lauf auf der Stelle durch einem Halm atmen, um sich vorzustellen, wie sich die begrenzte Sauerstoffaufnahmefähigkeit einer Raucherlunge anfühlt, danach wird gemeinsam über Sucht, ihre Folgen, Tabakwerbung und Gruppendrang diskutiert. "Wichtig ist, dass die Schüler selber begreifen, worum es geht", sagt Kaufhold. Im Gegensatz zu Thevathasan und Kozarzewski hat sie selber geraucht und spricht während der Schulbesuche auch über ihre eigenen Erfahrungen. "Das gehört dazu", sagt sie. "Genau wie wir vor jeder Sitzung auch nachfragen, wessen Eltern rauchen. Wovor wir warnen, ist immer noch etwas Alltägliches."

Klassische Einstiegsdroge

Obwohl die einzelnen Schritte des Programms schon bei der Gießener Gründung festgelegt wurden, bleibt immer noch Spielraum für kleine Änderungen. "In Berlin redet man mit den Schülern natürlich auch über Wasserpfeifen und E-Zigaretten", sagt Thevathasan. Gerade die elektronischen Glühstängel würden konsequent unterschätzt. "Die Folgen sind lange nicht so drastisch wie bei normalem Tabak", sagt der Student, "doch gesund ist so ein Teil immer noch nicht und für die Schüler damit eine klassische Einstiegsdroge."

Damit die Schüler aus erster Hand erfahren, wie ein Leben nach jahrzehntelangem Rauchen aussieht, werden die Studenten häufig von Patienten der Charité begleitet. Die erzählen dann von ihrer Sucht, der Folgekrankheit und beantworten Fragen der Schüler. Doch Zuhören alleine würde das Programm nicht einprägsam genug sein lassen. Wichtig sei, dass die Schüler das Gelernte noch einmal reflektierten. Deswegen steht nach jedem Besuch ein Malwettbewerb an, dessen Gewinnern eine "Pizza-Party" und der Druck ihres Bildes auf Collegeblöcke winkt.

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