Gebrüder Bauder

Erfinder der Lichtgrenze sind die Berliner des Jahres

Mit ihrer Lichtgrenze feierten sie den 25.Jahrestag des Mauerfalls. Marc und Christopher Bauder sind von Berliner Morgenpost und 104.6 RTL zu den Berlinern des Jahres gewählt worden.

Foto: Amin Akhtar

Es ist der Abend des 9. November 2014. Von der Bösebrücke an der Bornholmer Straße bis zur Oberbaumbrücke zieht sich ein weißes Band quer durch die Berliner Innenstadt – dort entlang, wo einst die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin verlief, eine unüberwindbare Mauer. Das weiße Band besteht aus fast 7000 hell erleuchteten Ballons, die später nacheinander in die Luft steigen werden. Eine Lichtgrenze, die sich auflöst. Leuchtend, nahezu geräuschlos, absolut friedlich.

Überall in der Stadt haben sich die Menschen versammelt, um diesem Spektakel zuzuschauen. Viel los ist auch am Engelbecken in Mitte. Wie andernorts ist der ehemalige Grenzverlauf mit erleuchteten Ballons markiert, die auf Ständern befestigt sind. Jeder Ballon hat einen Paten, der ihn zur verabredeten Zeit in den Himmel schicken darf. Im Gedränge stehen Marc und Christopher Bauder, zusammen mit ihren Familien und vielen Freunden. Als es soweit ist, darf Marcs Sohn Henri, 4, einen Ballon aus der Verankerung lösen. Er macht das gut. Zügig steigt der Ballon in die Höhe, mit ihm viele andere.

Die ganze Stadt macht mit

Das Konzept hat funktioniert. "Lichtgrenze" ist das Wort des Jahres. Die Erfinder dieser Installation, Marc und Christopher Bauder, sind die Berliner des Jahres, gewählt von der Berliner Morgenpost und 104.6 RTL. Eine Millionen Menschen haben live ihre Installation zum 25. Jahrestages des Mauerfalls gesehen. Und mehr noch, viele von ihnen waren Teil des Spektakels.

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Die beiden Künstler freuen sich über ihren Erfolg und die Wahl zum Berliner des Jahres. "Für uns ist das eine wunderbare Anerkennung unsere Arbeit und ein tolles Zeichen dafür, wie lange die Lichtgrenze bei den Berlinern, aber auch in der Welt nachhallt", sagt Marc Bauder. Christopher ergänzt: "Es ist toll, dass wir mit unserer Installation so viele Menschen erreichen konnten und eine ganze Stadt aktiv dabei mitgemacht hat."

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Die Installation sollte die Menschen zum Nachdenken anregen. "Wir wollten, dass sich die Leute begegnen, dass sie miteinander ins Gespräch kommen", sagt Marc Bauder. Geschichte sollte lebendig werden. Und so kam es. Nicht nur in Deutschland, in der ganzen Welt schauten Menschen in den Tagen um den 9. November auf Berlin, die Lichtgrenze war in aller Munde. Das Fliegenlassen der Ballons ist für Marc und Christopher Bauder allerdings nur ein Teil ihres Projekts. Wichtiger ist, dass ihre Kunstinstallation drei Tage lang zur Stadt gehörte und während dieser Zeit viele Menschen veranlasste, sich mit dem Mauerfall auseinanderzusetzen. "Die Leute haben angefangen, sich ihre Geschichten zu erzählen", sagt Marc Bauder. "In der ehemaligen Bundesrepublik haben viele Menschen ihr Leben ja einfach weitergelebt nach dem Mauerfall. Bis heute sind es die immer gleichen Bilder, die sie damit verbinden und die damals durch alle Medien gingen." Für die Menschen in der ehemaligen DDR hingegen habe sich alles geändert. "Diese Dimension des Mauerfalls wollten wir darstellen, die Vielschichtigkeit in die Mitte der Gesellschaft tragen."

Dokumentation in Bildern

Das ist gelungen. Auch, weil zum Lichtkonzept von Christopher Bauder die "Mauerstücke" gehören – Dokumentationen von Filmemacher Marc Bauder über die Zeit des Mauerfalls. Drei Tage lang waren sie an verschiedenen Orten in der Stadt auf großen Bildschirmen zu sehen. Unter anderem an der East Side Gallery in Friedrichshain. Gebannt standen die Menschen davor. Inmitten des allgemeinen Trubels herrschte hier mit einem Mal fast andächtige Ruhe.

Im Ausland wurde die Lichtinstallation schon bald mit der Verhüllung des Berliner Reichstages durch Christo und Jeanne Claude verglichen. Das Künstlerpaar hatte im Juni 1995 das Reichstagsgebäude für vier Wochen mit weißem Stoff verhüllt und damit ein Kunstwerk geschaffen, das nach der Wende das progressive Denken der Berliner und den Neuanfang verkörperte. Eine ähnliche Strahlkraft sehen New York Times und BBC nun in der Kunstinstallation der Bauders. Schon Wochen vor dem Start des Projekts interviewten sie die beiden. Erst da wurde auch den Deutschen klar, dass zwei Berlinern etwas vergleichbar Großes gelungen ist. Gebürtige Berliner sind Filmemacher Marc und Lichtkünstler Christopher Bauder allerdings nicht. Sie wuchsen am Bodensee auf, weit weg von Berliner Mauer und innerdeutscher Grenze. Mit Menschen aus der DDR hatten sie keinen Kontakt. Marc Bauder erfuhr erst durch seine Frau, Filmemacherin Dörte Franke, viel über die DDR. Deren Eltern waren politisch inhaftiert und 1981 von der Bundesrepublik freigekauft worden. Bauder setzte sich intensiv mit dem Thema auseinander, mehrere Dokumentarfilme und ein Spielfilm entstanden.

Lichtschein statt Mauerstein

Die Idee zur Lichtgrenze war dann nur folgerichtig. "Es gab so viel Archivmaterial zum Mauerfall", sagt Marc Bauder. Das wollte er möglichst vielen Menschen zeigen. Hinzu kam der Gedanke, den Mauerverlauf mit einer zeitlich begrenzten Markierung noch einmal nachzuvollziehen. "Licht eignet sich dazu besonders gut. Es hat etwas Positives, zieht Menschen an und steht im absoluten Gegensatz zur einst monströsen Mauer."

Am Abend des 9. November 2014 gingen nicht alle Ballons so hoch wie geplant. Manche verhakten sich in der Verankerung, andere platzten. Doch das ist nicht von Belang. Viel wichtiger ist, dass die Menschen drei Tage Zeit hatten, sich mit der Lichtgrenze vertraut zu machen, sich zu begegnen und zu erinnern. Am Ende kamen viele Ballons mit ihren Botschaftskärtchen mehr als 100 Kilometer weit. Einer schaffte es sogar nach Riga.

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