Rocker-Prozess

Mord im Wettbüro - Mutter wirft Polizei Untätigkeit vor

Es war wie eine Hinrichtung: Männer stürmen ein Berliner Wettbüro. Das Opfer wird von sechs Schüssen tödlich getroffen. Zum Prozessauftakt erheben die Angehörigen schwere Vorwürfe gegen die Polizei.

Foto: Matthias Balk / dpa

Vor dem Landgericht Moabit hat der bis dato wohl spektakulärste Rockerprozess in Berlin erwartungsgemäß schleppend begonnen. Angesichts der Brisanz des Verfahrens verwandelte sich das Gerichtsgebäude an der Turmstraße zum Prozessauftakt am Dienstag in eine Festung. In der Sache geht es um gemeinschaftlichen Mord aus Rache der Hells Angels an einem 26-Jährigen im Januar dieses Jahres in einem Wettbüro in Reinickendorf.

Die Tat selbst spielte am ersten Verhandlungstag allerdings noch keine Rolle. Er war geprägt von zahlreichen Anträgen der Verteidiger zu Verfahrensfragen, immer neuen Unterbrechungen des Prozesses, einer endlosen Debatte über die vom Vorsitzenden Richter verhängten Sicherheitsmaßnahmen und vom Auftritt einer Mutter. Diese waren umfangreich.

Großaufgebot der Berliner Polizei

Ein Großaufgebot an Justizwachtmeistern war, unterstützt von einer Hundertschaft der Polizei und Spezialisten des Landeskriminalamtes, im Einsatz. Wie ein Ring umschlossen mehr als ein Dutzend Einsatzfahrzeuge der Polizei den Eingangsbereich des Gerichts, entlang des weitläufigen Gebäudes patrouillierten Doppelstreifen. Der gesonderte Eingang für Besucher des Prozesses wurde ebenso hermetisch abgesichert wie die zweite Kontrollschleuse vor dem Verhandlungssaal. Alle eingesetzten Beamten waren bewaffnet und trugen Schutzwesten.

Die Angeklagten, unter ihnen auch Rockerboss Kadir P., nahmen nebeneinander in den beiden Kabinen aus Panzerglas an den Längsseiten des großen Schwurgerichtssaales Platz. Die Kabinen sind so konstruiert, dass bei Bedarf ein Angeklagter von den anderen getrennt und besonders geschützt bleibt. Am Dienstag bestand der Bedarf. Kassra Z., einer der Angeklagten, soll ausgepackt haben, ein „Verrat an seinen Brüdern“, der im Rockermilieu ein todeswürdiges Verbrechen darstellt.

Schon lange vor Prozessbeginn versammelten sich Zuschauer am Gerichtseingang und Medienvertreter vor dem Verhandlungssaal. In die wartende Menge kam erstmals Bewegung, als die als Nebenklägerin auftretende Mutter des Getöteten in Begleitung eines Verwandten und ihres Anwalts erschien. Die 57-jährige Semiya Ö. trug ein Foto ihres Sohnes in Postergröße mit sich und klagte, unentwegt weinend, über „die Verbrecher“, aber auch über die Polizei, die ihrer Ansicht nach nichts unternommen habe, um ihren Sohn zu schützen.

Prozess könnte zwei Jahre dauern

Der Prozess begann gleich mit Verspätung. Elf Angeklagte, 24 Verteidiger und acht Sachverständige mussten erst einmal ihre Plätze finden. Die Staatsanwaltschaft hatte zwei Vertreter entsandt, auch das Gericht war in großer Besetzung angetreten. Neben den drei Berufsrichtern und zwei Schöffen der Schwurgerichtskammer waren noch ein Ersatzrichter und drei Ersatzschöffen anwesend.

Eine Vorsichtsmaßnahme, denn die Kammer hat mehr als 30 Verhandlungstage bis Ende Mai 2015 angesetzt. Aber nicht einmal Optimisten glauben, dass das reicht. Viele Prozessbeobachter rechnen mit einer Verfahrensdauer von bis zu zwei Jahren. Zu den vom Vorsitzenden getroffenen Sicherheitsvorkehrungen gehörte auch die Reduzierung der Zuschauer auf 30. Etwa 80 haben normalerweise im Saal 500 Platz.

Gleich nach Verhandlungsbeginn stellte sich heraus, dass die Mehrheit der zugelassenen Zuschauer aus Angehörigen der Angeklagten bestand. Die meisten von ihnen wollte der Vorsitzende gleich wieder hinausschicken, da sie nach Überzeugung des Gerichts noch als Zeugen in Betracht kommen. Das sorgte sofort für Unruhe. Mehrere Verteidiger sahen das Prinzip der Öffentlichkeit von Verhandlungen in Gefahr und beantragten die Aufhebung der Schutzmaßnahmen.

Daran schloss sich eine Grundsatzdebatte über die Frage an, wer darf in den Saal und wer entscheidet das? „Ich“ befand der Vorsitzende Richter kurz und knapp. Die Anwälte argwöhnten hingegen, Polizisten würden nach Gutdünken Interessenten hineinlassen oder abweisen. Befragungen der Einsatzleiterin und des für die Sicherheit zuständigen Justizbeamten stellten die Verteidiger auch nicht zufrieden. Was folgte, waren weitere Anträge und Unterbrechungen.

"Irgendwie aus dem Ruder gelaufen"

Dass die Sicherheitsvorkehrungen zu Recht getroffen wurden, zeigte sich im Laufe des Tages mehrfach. Immer wieder wurden die Beamten an den Kontrollstellen von pöbelnden Sympathisanten der Angeklagten beschimpft und bedrängt. Auch im Saal wurde die Stimmung mitunter aggressiv, Zwischenfälle blieben allerdings aus. Der erste Verhandlungstag endete schließlich, ohne dass der angeklagte Mord auch nur ansatzweise zur Sprache kam.

Möglicherweise ändert sich das am Freitag, wenn endlich auch die Anklage verlesen werden soll. Der zufolge musste das Opfer sterben, weil es zuvor an einem Überfall auf einen Hells Angel beteiligt war. Der 30 Jahre alte Kadir P. soll den Mordauftrag gegeben, Recep O. achtmal geschossen haben. Die anderen Angeklagten sollen die Tat „abgesichert“ haben. Sie ist in allen Einzelheiten auf einem Video aus der Überwachungskamera des Lokals zu sehen. Ein glatter Mord, sagt die Staatsanwaltschaft. Die Verteidiger hingegen sehen das anders. Einer der Anwälte sprach am Rande des Verfahrens von einer Aktion, die „irgendwie aus dem Ruder gelaufen ist“.

Foto: Friedrich Bungert / dpa