Krankenhauskeime

Wie Berliner Kliniken gegen multiresistente Keime kämpfen

Eine Million Menschen infizieren sich schätzungsweise pro Jahr mit multiresistenten Keimen - mit schlimmen Folgen. Mit Aufklärung und Hygiene reagiert die Berliner Charité auf die steigenden Gefahren.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Immer mehr Menschen infizieren sich mit multiresistenten Keimen – nach Schätzungen eine Million jedes Jahr. Die Folgen sind: Amputationen, mindestens 30.000 Tote im Jahr. Die Herausforderung vor der Berlin mit all seinen Krankenhäusern steht, darunter Europas größtes Universitätskrankenhaus Charité und die Vivantes GmbH mit neun Kliniken, sind enorm. Die Anstrengungen, die sie unternehmen, auch.

"Unser Ziel ist es, alles dafür zu tun, dass die Patienten keine Krankenhaus-Infektionen bekommen", sagt Petra Gastmeier, Leiterin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Charité.

Dort sieht das so aus: An jedem der drei Standorte gibt es einen Facharzt für Hygiene, der die Infektionsprävention leitet. Zusätzlich gibt es ein oder zwei Assistenzärzte und mehrere Hygienefachkräfte, die mithelfen, Orte im Krankenhaus, an denen Infektionen auftreten können, aufzuspüren. Doch die Zahl der gefährlichen Keime, die von außen komme sei groß, sagt Gastmeier. "In den letzten drei Jahren merken wir, dass vermehrt solche Erreger auftauchen, bei denen alle Antibiotika versagen. Das ist dramatisch." Die Charité reagiert mit Aufklärung und Hygiene.

Neue Hygieneverordnung

Bereits seit 2012 gilt in Berlin eine neue Hygieneverordnung in medizinischen Einrichtungen, die im Krankenhaus erworbene Infektionen und die Verbreitung von multiresistenten Keimen eindämmen soll. Sie schreibt eine gewisse Anzahl Hygienepersonal vor, Hygienepläne, die Dokumentation von bestimmten Erregern, wie zum Beispiel dem weit verbreiteten Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA). Außerdem sieht die Verordnung die Schulung der Mitarbeiter zum Thema Antibiotikaeinsatz vor. Die neue Hygieneverordnung war in Kraft getreten, nachdem im Land Berlin 2011 das Infektionsschutzgesetz erneuert worden war.

Die Charité schult ihre Mitarbeiter speziell zum Thema multiresistente Keime. Das beginnt bei der richtigen Desinfektion der Hände und reicht bis zum Umgang mit Gefäßkathetern. Denn die Infektion mit resistenten Erregern kann an vielen Stellen auftreten, besonders auf Intensivstationen. Auch Vivantes bildet seine Mitarbeiter fort. An jedem dritten Mittwoch im Monat in jedem Vivantes-Haus, je vier Schulungen. An mindestens zwei Schulungen im Jahr muss jeder Mitarbeiter teilgenommen haben, Ärzte wie Pflegepersonal gleichermaßen. Das Gesundheitsamt prüft das nach.

Doch alle Hygienemaßnahmen nützen nichts, wenn sie nicht eingehalten werden können, weil das Personal fehlt. "Gerade auf Intensivstationen haben wir einfach nicht genügend Leute. Das führt manchmal dazu, dass wir Betten sperren müssen, weil wir den Schutzmaßnahmen nicht mehr nachkommen können", erklärt Klaus-Dieter Zastrow, der das Institut für Hygiene und Umweltmedizin bei Vivantes leitet. Kittel an, Haube über den Kopf, Mund-, Nasenschutz und Handschuhe an, für jeden Patienten neu. Das braucht Zeit, die oft fehlt.

"Wenn auf einer Station mit zwölf Beatmungspatienten die Hälfte mit multiresistenten Erregern infiziert ist, was nicht die Ausnahme ist, und nur ein Mitarbeiter wird krank, dann wird es eng", sagt Zastrow. Selbst die halbe Minute für die Desinfektion der Hände könne für eine Schwester sehr lang sein, wenn links die Beatmungsmaschine läuft, rechts die Infusion und im Nebenzimmer piepst es schon wieder. "Das ist wie der Sekundenschlaf auf der Autobahn. Der endet tödlich." Kleine Versäumnisse bei der Hygiene können schwere Folgen haben.

System der Überwachung

Auch der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, mahnt an, dass Hygiene ohne ausreichendes Personal nicht zu gewährleisten sei. "Eine überlastete Schwester kann sich keine drei Minuten Zeit für die Desinfektion nehmen." Es müsse eine Krankenhausfinanzierung geben, die sich am Wohl des Patienten orientiere. Klaus-Dieter Zastrow wünscht sich von der Politik mehr Personal. Gerade, um den gefährlichen Erregern begegnen zu können. "Das Ärgerliche ist, dass es eigentlich so einfach ist."

Der Kampf gegen die Keime findet in allen deutschen Kliniken statt, deswegen können Vergleiche helfen, die eigene Situation zu bewerten. So hat die Charité ein System der Überwachung eingeführt, in dem alle Patienten mit Keimen erfasst werden. Diese Zahlen werden mit anderen Kliniken verglichen.

Neben der Hygiene sind Antibiotika das große Thema bei multiresistenten Keimen. Zu viel wird davon in Deutschland verschrieben, allein in der Tiermast ist die Gabe zur Normalität geworden. Aktuell läuft ein Projekt der Charité, in dem Hausärzte zum Umgang mit Antibiotika geschult werden und auch Patienten sensibilisiert werden sollen. Denn der Unterschied zwischen Viren und Bakterien sei vielen Menschen nicht bekannt, sagt Petra Gastmeier. Auch nicht, dass gegen Viren Antibiotika nicht helfen. "Nicht selten wollen Patienten schnell wieder arbeiten gehen und glauben, ein Antibiotikum würde dabei helfen." Die Charité hat Materialien entwickelt und im Oktober und November Ärzte aus Lichtenberg, Mitte, Wedding und Steglitz geschult, damit mit der nächsten bevorstehenden Erkältungswelle die Patienten informiert sind.

Die Ressourcen reichen nicht ewig

Sowieso ist für Petra Gastmeier Information einer der wichtigsten Punkte wenn es um Resistenzen geht. Die Ärzte im Krankenhaus seien schon relativ gut informiert, bei den niedergelassenen Ärzten ändere sich langsam auch etwas. "Mein Eindruck ist, dass die Berichterstattung noch zu sehr alarmierend ist, weniger informierend. Es geht doch um die Frage: Was kann ich als Patient tun?" Viele Menschen wüssten zum Beispiel nicht, dass multiresistente Erreger oft auch von Reisen in weit entfernte Länder mitgebracht würden. Aufklärung sei sehr wichtig, denn: "Die Neuentwicklung von Antibiotika wird noch Jahre dauern. Bis dahin müssen wir mit den Ressourcen, die wir haben, hinkommen. Bestimmt noch fünf bis acht Jahre."

Eine Serie von "Zeit", "Zeit Online", "Correctiv" und der Funke-Mediengruppe

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