Krankenhauskeime

"Hygienefehler nachzuweisen ist für Patienten fast unmöglich"

In Berlin sind die Behandlungen wegen Krankenhauskeimen stark gestiegen. Ein Gespräch mit der Patientenanwältin Britta Konradt über eine extrem schwierige Rechtslage und Vorbilder aus dem Ausland.

Seit Jahren infizieren sich auch in Berlins Krankenhäusern immer mehr Menschen mit multiresistenten Erregern. Doch die Chancen, vor Gericht gegen die Krankenhäuser zu gewinnen, stehen schlecht. Die Berliner Patientenanwältin Britta Konradt über schwierige Beweisführung, lückenhaftes Patientenrecht und Vorbilder aus dem Ausland.

Berliner Morgenpost: In Berlin ist die Zahl der Behandlungen von multiresistenten Keimen in den letzten Jahren stark gestiegen. Auch die Zahl der Gerichtsurteile?

Britta Konradt: Nein. Das muss man ganz klar sagen. Denn die Chancen, einen Anspruch aufgrund einer Infektion durchzusetzen, stehen sehr schlecht. Das ist nur in Ausnahmefällen möglich.

Warum ist es so schwierig?

Der Patient muss nachweisen, dass er aufgrund eines Behandlungsfehlers oder Hygienefehlers eine Infektion erlitten hat. Aber dieser Nachweis ist fast unmöglich zu führen. Erstens sind die Vorgänge, die zu einer Infektion geführt haben, selten zu rekonstruieren. War es jetzt ein Tisch, der nicht gereinigt gewesen ist? War es ein Mitpatient, der die Keime hatte? Und selbst wenn das gelingt, muss der Patient noch beweisen, dass die Infektion verhindert worden wäre, wenn entsprechende Hygienemaßnahmen ordnungsgemäß durchgeführt worden wären.

Aber steigt das Risiko mit schlechter Hygiene nicht?

Die Statistik sagt, dass 20 bis 30 Prozent der Infektionen auf Grund konsequenter Hygienemaßnahmen zu vermeiden wären. Aber ob ausgerechnet dieser Patient davon profitiert hätte, ist fraglich. Außerdem hat der Patient kein Recht auf Einsicht in die Hygienedokumentation. Das Patientenrecht billigt ihm nur Einsicht in die Behandlungsunterlagen zu.

Können Sie den Berlinern trotzdem etwas raten, trotz schlechter Aussichten? Wohin können sie sich wenden?

Zum Beispiel an die Patientenbeauftragte Karin Stötzner. Auch das Aktionsbündnis Patientensicherheit oder die Verbraucherzentralen können beraten. Da wird relativ viel von öffentlicher Seite geboten. Oder sie gehen eben zu einem Fachanwalt für Medizinrecht.

Gibt es irgendwas, worauf man schon im Krankenhaus achten kann, damit man gar nicht erst vor Gericht landet?

Ganz konsequente Händedesinfektion, man sollte eigene Badartikel benutzen. Wer offene Verletzungen hat, sollte sie abdecken. Wer Hygieneprobleme sieht, sollte sehr genau dokumentieren und versuchen, Zeugenaussagen zu bekommen. Aber im Moment ist auch das vor Gericht nicht besonders aussichtsreich. Aber das Material kann perspektivisch, wenn sich die Rechtsprechung verändert, verwendet werden. Ein ganz böses Instrument wäre auch, bei sehr eklatanten Hygieneverstößen dem Gesundheitsamt Bescheid zu geben. Mittlerweile gibt es ja auch Desinfektionsgeräte, die erfassen, wie oft sie betätigt wurden. Diese Geräte sind aber bislang nicht verbindlich eingeführt.

Sie lehnen die meisten dieser Fälle ab, weil sie vor Gericht nicht zu gewinnen sind. Welche Klagen sind überhaupt erfolgreich?

Zum Beispiel, wenn der Patient nachweisen kann, dass die Infusion einen Tag zuvor angestochen worden war und der Patient diese erst am nächsten Tag erhalten hat. Oder dass ein Arzt ohne Mundschutz eine invasive Maßnahme ergriffen hat und dann in die offene Wunde geniest hat, wo man dann einen Keim findet. Ich frage mich ehrlich gesagt, wer das nachweist. Etwas anders ist es, wenn der Patient im Rahmen eines Behandlungsfehlers ein zweites Mal operiert werden musste und dann eine Infektion auftritt.

Was ist in dem Fall anders?

Dann kann man sagen, dass die zweite Operation nur notwendig war, weil die erste fehlerhaft gewesen ist, und im Rahmen der zweiten Operation kam es dann zu der Infektion.

Mit welchen Geschichten kommen die Menschen zu Ihnen in die Kanzlei?

Sie haben eigentlich alle einen sehr langen Leidensweg hinter sich. Ich habe einen Mandanten, der richtig häppchenweise auf Grund einer Infektion am Bein amputiert worden ist. Erst die Zehen, dann der Mittelfuß, dann der ganze Fuß und schließlich endete das Ganze mit dem Oberschenkel.

Was muss die Rechtsprechung ändern, dass solche Fälle vor Gericht Chancen haben?

Wir warten alle händeringend auf eine Änderung der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes. Wir hoffen, dass der BGH den Bereich der Infektionen novellieren wird, in dem er zum Beispiel die Krankenhäuser verpflichtet, den Nachweis zu führen, dass alle Hygienebestimmungen eingehalten worden sind, nicht den Patienten. Oder aber dass der BGH den Patienten ein Einsichtsrecht in die Hygienepläne gibt. Darauf warten wir als Fachanwälte eigentlich jeden Tag, denn wir reden hier von 400.000 bis 700.000 Infektionen pro Jahr und immerhin 15.000 bis 30.000 Toten.

Das Bundesgesundheitsministerium spricht von 7500 bis 10.000 Toten.

Das sind letztlich Schätzungen. Wir wissen, dass von den 400.000 bis 700.000 Infektionen 10 bis 15 Prozent MRSA-Infektionen (der häufigste der multiresistenten Erreger, Anm. d. Redaktion) sind. Mit steigender Tendenz. Unser Nachbarland Niederlande ist in dieser Hinsicht viel besser als wir.

Was wird dort anders gemacht?

Dort gibt es mehr Einzelzimmer und einen besseren Personalschlüssel. Und sie machen etwas sehr Brutales: Sie screenen jeden Patienten, bevor er in ein Krankenhaus kommt, und testen damit, ob er einen MRSA-Keim hat. Wenn er dann positiv ist, wird der Patient behandelt und vom Keim befreit. Das ist bei uns nicht eingeführt worden. Und man muss sich überlegen, dass jeder Mensch ein potenzieller MRSA-Träger ist, und die meisten Patienten, die MRSA-Keime haben, sind nicht krank. Sie tragen sie nur an sich, zum Beispiel in der Nase, im Rachen oder in der Leistenbeuge, und verbreiten sie.

Und was ist mit Notfallpatienten, bei denen es besonders schnell gehen muss?

Die Menschen, die MRSA-positiv sind und einen Notfall darstellen, werden in den Niederlanden isoliert. Aber wir hätten dafür gar nicht genug Einzelzimmer zur Verfügung. Wie sich das real umsetzen lassen könnte, das weiß ich nicht. Es wird natürlich auch immer wieder mit hohen Kosten argumentiert.

Ist das Problem in der Politik angekommen?

Ich bin mir nicht sicher. Sie hätten ja zum Beispiel ins Patientenrechtegesetz aufnehmen können, dass der Patient Einsicht in die Hygienepläne bekommt. Das ist nicht gemacht worden. Ich habe gerade neulich ein Interview von der Senatsgesundheitsverwaltung gehört, in dem gesagt wurde, die MRSA-Zahlen würden abnehmen. Also deutschlandweit höre ich immer nur von einer Zunahme. Ich glaube, dass dieses Problem erst langsam ins Bewusstsein kommt. Das Infektionsschutzgesetz ist im August 2011 geändert worden. Auch da hätte man das Einsichtsrecht in die Hygienepläne nicht nur den Gesundheitsämtern geben können.

Ist eine Stadt wie Berlin besonders von multiresistenten Keimen betroffen?

Ja. Denn sehr viele MRSA-Träger sind alte Patienten, und in Berlin gibt es viele und immer mehr alte Menschen. Die kommen aus den Pflegeeinrichtungen in die Krankenhäuser. Auch in den Kindergärten ist MRSA vorhanden. Berlin ist dann natürlich ein Ballungszentrum. Dafür gibt es andere Regionen, in denen die Gefahr durch Schlachttierbetriebe groß ist. Denn die sind auch für die Entstehung von Keimen verantwortlich.

Davon gibt es aber auch in Brandenburg viele, und viele Brandenburger lassen sich in Berliner Krankenhäusern behandeln.

Genau.

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