Kalte Jahreszeit

Wie sich Wildtiere auf den Berliner Winter vorbereiten

Berlins Tierwelt bereitet sich auf die kälteste Jahreszeit vor. Wie Eichhörnchen, Marienkäfer und Enten die Rückzugphase beginnen – und wie Menschen ihnen dabei helfen, die Minusgrade zu überstehen.

Foto: BM

Regenwürmer graben sich tiefer ins Erdreich ein. Igel fressen sich braune und weiße Fettpolster an. Im Herbst entwickelt Berlins Tierwelt ganz unterschiedliche Strategien, um im herannahenden Winter klarzukommen. Genauer gesagt: um zu überleben. An ihrem Verhalten glauben Tierauguren sogar zu erkennen, wie dieser Winter 2014/2015 wird: „Mild“, so lautet die Vorhersage von Zookurator Tobias Rahde.

Auf diese Prognose kommt er, weil die Krauskopfpelikane im September nochmal „nachgebrütet“ haben und weil die erfahrene – da betagte – Hirschziegenantilope Trixi sich kein fettes Winterpolster zugelegt hat. „Das wäre anders, rechneten die Tiere mit einem harten Winter“, sagt Rahde.

Der Herbst ist „DIE Vorbereitungszeit auf den Winter“, betont Anja Sorges vom Naturschutzbund (Nabu) Berlin. Der Winter sei der „natürliche Flaschenhals“ der Natur, der auf diesem Weg die Populationen regulieren helfe. Wer kann, flüchtet vor den drohenden, durch Schnee und Eis verursachten Versorgungsproblemen: Langstreckenzieher wie die kleine Nachtigall und der Kuckuck, Mauersegler aber auch Weißstörche sind seit Mitte August schon beim Abflug gen Süden. Kurzstreckenzieher wie Kraniche und Kiebitze folgen erst seit Herbst und „gastieren bei uns wegen des milden Wetters noch in ungewöhnlich hoher Zahl“, so Derk Ehlert von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Winterspeck das A und O

Anders als Zugvögel überwintern Berlins „klassische“ Wildtiere in der Stadt und ihren Wäldern. Zu ihnen zählen rund 5000 Wildschweine, 3000 Kaninchen, 2000 Marder, 1800 Füchse und 800 Waschbären. Die Jahreszeit wirkt sich auf ihr Fressverhalten aus, wie Anja Sorges erklärt. „Winterspeck ist bei vielen Tieren das A und O. Daher wird Futter mit hohem Energiewert aufgenommen. So fressen Wildschweine sich einen dicken Feist mit Eicheln und Bucheckern an, um gut über die nahrungsarme Zeit des Winters zu kommen. In diesem Jahr gibt es viele dieser Früchte in den Wäldern, in den letzten zwei Jahren war das schlechter.“

Auch setzt die Rückzugsphase der Tiere ein – nur anders als bei Kranichen, Graugänsen und Störchen, die teilweise bis ins südliche Afrika in den Winterurlaub ziehen. Das kann die Zauneidechse nicht. „Sie ist ab Temperaturen von unter sieben Grad Celsius kaum noch mobil und geht im Winter in die sogenannte Winterstarre über“, erklärt Sorges. „Ihr Kreislauf ist auf ein Minimum reduziert. Sie gräbt sich ein und taucht erst im nächsten Frühjahr wieder auf.“ Auch Kröten und Frösche fallen in Winterstarre.

Das ist bei den „Exoten“ im Tierheim ähnlich. Beate Kaminski vom Tierschutzverein Berlin berichtet, dass „Schildkröten ihren Winterschlaf meist ab Oktober halten – beziehungsweise wenn die Tagestemperatur unter zehn Grad Celsius sinkt. Bei uns kommen Wasserschildkröten mit Wasser in eine Box in den Kühlraum und die Landschildkröten in den Wintergarten, wo sie sich selbstständig eingraben. Die Bartagamen werden ruhiger, ihre Beleuchtungsdauer wird verkürzt.“ Im Tierschutzbauernhof erhalten die Schafe mehr Heu, weil auf der Wiese kein Klee mehr steht, die Schweine decken sich mit Heu zu, die Türen werden nachts geschlossen. Lediglich die Gänse bleiben „cool“: „Sie baden wie immer – auch im Winter, wenn die Eisschicht aufgebrochen wird“, so Kaminski.

Draußen dagegen sind Tiere wie Igel oder Eichhörnchen noch unterwegs. „Eichhörnchen und Eichelhäher sammeln Winternahrung, der Igel frisst sich Fett an. Echte Ruhephasen gibt es eigentlich nur im Winter“, so Sorges.

„Bitte Wildtiere nicht füttern“

Die Barasinghahirsche im Zoo wie die Damhirsche in den Forsten waren bis Ende Oktober mit ihrer Brunft beschäftigt. „In dieser Zeit waren beide Geschlechter sehr stark auf ihre Fortpflanzungsaktivitäten fokussiert und stürmten einfach über die Straße“, sagt Sorges vom Nabu. Auch nach Abklingen der tierisch hohen Testosteronausschüttung kann man Autofahrern raten, in der abendlichen Dämmerung und Dunkelheit in Waldgebieten vorsichtig zu fahren. „Wildschweine und Damhirsche tauchen jetzt und im Winter am Straßen- und Wegesrand auf, weil hier vom Verkehr, vom Wind und von der Kehrmaschine die meisten Eicheln, Bucheckern und Rosskastanien zusammengerollt sind.“ Je länger der Winter dauere, desto häufiger würden die Straßenränder aufgesucht, weil die Tiere die Wälder schon mehrfach abgesucht hätten.

Sie können zwar fliegen, aber keine derart weiten Strecken zurücklegen wie Zugvögel. Deshalb kriechen Insekten im Herbst in menschliche Behausungen – vorzugsweise in Tür- und Fensterrahmen. Thomas Ziska vom Nabu Berlin erklärt: „Die Marienkäfer und Wanzen sind auf der Suche nach einem geschützten Winterquartier. Ein Ort, der Schutz vor Wind und starkem Frost bietet. Natürliche Verstecke sind Mauerritzen, Felsspalten oder lockere Borke. In der Stadt werden gern die Ritzen in den Fensterrahmen genutzt.“ Schaden richten die Tieren keinen an, sie können im Versteck gelassen werden. Manchmal dringen einzelne Tiere in die Wohnung ein. „Hier ist es für diese Insekten zu warm, sie überleben den Winter in der Regel nicht.“ Die Eindringlinge sollten besser vor das Fenster gesetzt werden, so Ziskas Rat.

Was sonst können die Berliner für „ihre“ Wildtiere tun? Zunächst: nichts. „Bitte Wildtiere nicht füttern“, sagt Anja Sorges, „Berlin ist für viele Tiere eine riesige Futterquelle, weil der Mensch sehr viele Nahrungsreste hinterlässt.“ Zudem ist das Füttern von Wildtieren verboten. Das gilt für Wildschweine, Waschbären oder Rehe, auch Enten und Schwäne. „Wer unbedingt die Gartenvögel mit einem Futterhäuschen versorgen möchte, dem sei das gegönnt“, fügt Sorges hinzu. Dann sollte aber das Futterhäuschen in der Mitte des Gartens stehen, sodass „Vögel nicht gegen die Scheibe fliegen und eine Chance haben, Katzen zu entkommen“.

Worauf sollten Berliner noch achten? Sorges rät Hundehaltern, ihr Tier an der Leine zu führen. „Dies ist sinnvoll, wenn Wildschweine am Wegesrand auftauchen. Jeder Spaziergänger sollte sich einen anderen Weg suchen und sich nie durch eine Rotte zwängen.“ Autofahrern rät sie, mindestens bei den „Wildwechsel“-Schildern langsam zu fahren. Gartenbesitzer erinnert sie daran, dass Igel Reisig- und Laubhaufen brauchen, um zu überwintern. „Sie danken es mit ihrer Vorliebe für Regenwürmer und Käfer.“ Gut sei, beerentragende Sträucher zu pflanzen. „Beeren sind eine beliebte Herbst- und Winternahrung für Vögel. Und die Sträucher bieten ideale Verstecke vor schlechtem Wetter und vor allzu aktiven Katzen.“