Altenpflege

Wenn Hund Charly kommt, ist für 30 Minuten alles anders

Susanne Ellemunter gehört zum Besuchshunde-Dienst der Malteser. Sie gibt die Freude an ihrem Golden Retriever an alte Menschen in Pflegeheimen weiter.

Foto: Christian Kielmann

Montags kommt Charly. Für Frau Otto der schönste Tag der Woche. Sie strahlt und wirft laut lachend den Kopf in den Nacken, als der weiße Golden Retriever in den Frühstückssaal getrottet kommt. Die feuchte Nase immer am Boden auf der Suche nach Essbarem. Ein Raunen geht durch den Raum, Köpfe drehen sich. Frau Otto ruft: „Da ist ja mein Schatzi“, und hebt die Hände in die Luft.

Die 84-Jährige sitzt in ihrem Rollstuhl am Frühstückstisch. Lila Jacke, das graue Haar zurückgekämmt, die dünnen Beine stecken in einer dunkelgrünen Hose, die schmalen Füße in dunklen Samtpantoffeln. Susanne Ellemunter führt den zweieinhalbjährigen Hund an einer roten Leine. „Na, Frau Otto“, begrüßt sie die alte Frau und streichelt ihr über den Rücken. „Wir gehen jetzt mal auf Ihr Zimmer“, sagt sie und zieht den Rollstuhl unter dem Tisch hervor. Die Hundeleine legt sie Frau Otto ums Handgelenk. Dann ziehen sie los. Frau Otto im Rollstuhl, Susanne Ellemunter dahinter, Charly vorweg. „Wie ein kleines Pferdchen“, freut sich Frau Otto.

Die Besuchten öffnen sich wieder

Seit Juli kommt Susanne Ellemunter ehrenamtlich mit ihrem Hund Charly in das Altenheim in Glienicke. Anfang des Jahres hat die Musikerin ihren Golden Retriever zu einem Besuchshund der Malteser ausbilden lassen. „Ich habe so eine Freude an meinem Hund. Die wollte ich einfach gerne weitergeben“, erzählt sie.

Und da das Leben in einem Altersheim nicht immer so schön sei, wollte sie gern dort ein bisschen Freude schenken. Besonders das Thema Demenz beschäftigt sie. Die 60-Jährige gehörte zu den ersten Berlinern, die die Ausbildung bei der katholischen Hilfsorganisation gemacht haben. Gerade läuft die zweite Runde. Die Anforderungen an den Hund: Gehorsam, Toleranz und ein gutes Sozialverhalten. Die Herrchen müssen vor allem mit Krankheit und Alter umgehen können.

Charly ist gehorsam. Meistens. Jetzt steht er mit den Vorderpfoten auf dem Schoß von Frau Otto. Das darf er eigentlich nicht. Aber Frau Otto lacht wieder laut. Sie wirft den stacheligen roten Ball quer durch ihr Zimmer. Charly hechtet, rutscht auf dem Fußboden und bringt den Ball zurück. Dann setzt er sich vor den Rollstuhl.

Der Hund baut eine Brücke

Charly hat an diesem Morgen nicht gefrühstückt und erwartet seine Belohnung. Frau Otto hält ihm ein kleines braunes Leckerli hin. Charly schlabbert es von ihrer Hand und hinterlässt feuchte Flecken auf Frau Ottos Hose. „Und wie das schmeckt“, lacht sie. „Mein Goldstück. Ich freue mich immer so, wenn du kommst“, sagt die 84-Jährige. Frau Otto hatte nie einen Hund und hat sich doch immer einen gewünscht. An der Wand über dem Bett hängen Familienfotos. Kinder, Enkel, Urenkel. Dazwischen ein gerahmtes Stadtwappen. Meseritz, heute Międzyrzecze in Polen. „Dort bin ich geboren“, sagt Frau Otto, „eine schöne Kindheit hatte ich.“

Frau Otto ist glücklich. Sie redet, sie lacht. Das sei nicht immer so, sagt Susanne Ellemunter. Die Pfleger des Altenheims hätten ihr erzählt, Frau Otto sei schwer für Unternehmungen zu begeistern. Nur wenn Charly kommt, ist für eine halbe Stunde alles anders. Charly baut eine Brücke. „Man kommt mit dem Hund an die Menschen ran“, erzählt Ellemunter. „Das, was auf intellektueller Ebene oft nicht mehr gelingt, schafft der Hund auf emotionaler Ebene.“ Darum geht es bei den Besuchshunden der Malteser. Die Menschen, egal ob Alte, Kranke, Behinderte oder Einsame, sollen sich öffnen. „So, bringen wir Sie mal wieder zurück“, sagt Susanne Ellemunter. „Es war mir eine Freude“, sagt Frau Otto.

„Ich bete zu Gott, dass er mich nicht mehr aufwachen lässt“

Die zweite Bewohnerin, die Charly besucht, sitzt an diesem Morgen in der Gymnastikstunde. Ursula Heimberg-Stößer ist 89 Jahre alt. Sie will draußen spazieren gehen. Sie hatte immer Hunde, zuletzt Strolch, einen Pudel. Charly schafft eine vertraute Situation. Die ehemalige Turnerin und Sportlehrerin geht mit schnellen kleinen Schritten voraus. In der rechten Hand den Gehstock. Sie weint. So wie eigentlich bei jedem Besuch von Susanne Ellemunter. „Ich bete jeden Tag zum lieben Gott, dass er mich nicht mehr aufwachen lässt“, sagt sie und zieht ein Stofftaschentuch aus der eleganten Lederjacke.

Ursula Heimberg-Stößer hat ihre beiden Ehemänner überlebt und auch ihre Töchter, die eine starb mit 17, die andere mit nicht einmal 40. Nun ist sie im Altenheim und wäre doch lieber in ihrem Haus mit Garten. „Man hat im Altenheim so viele Menschen um sich und ist doch allein“, sagt sie. Susanne Ellemunter hört oft einfach zu, wenn die 89-Jährige erzählt. Aus ihrem Leben, von früher. Der Hund trottet nebenher. Ab und zu streichelt ihm Ursula Heimberg-Stößer über den Kopf.

Gedanken über das Älterwerden

Wer sich für ein Ehrenamt beim Besuchshundedienst entscheidet, muss zuhören und auch mit traurigen Geschichten umgehen können. „Seit ich hierherkomme, mache ich mir Gedanken über das Älterwerden“, sagt Susanne Ellemunter. Man dürfe nicht mehr damit rechnen, dass die eigene Familie sich verantwortlich fühlt. „Da ist es doch umso wichtiger, dass es so etwas wie die Malteser-Besuchshunde gibt.“ Erst am Mittag schafft sie es, sich zu verabschieden. Für die alten Frauen beginnt es dann wieder: das Warten auf Charly.