Charité-Pflegechefin

„Die Pflege muss in Deutschland mehr ins Scheinwerferlicht“

Der Bedarf an Personal in der Krankenpflege steigt stark an. Gleichzeitig wird es immer schwerer, geeignete Mitarbeiter zu finden. Wir sprachen mit der Pflegedirektorin der Charité, Evelyn Möhlenkamp.

Foto: David Heerde

Berliner Morgenpost: Die Charité will bis Ende des Jahres 80 neue Pflegekräfte einstellen. Noch sind nicht alle Stellen besetzt und viel Zeit bleibt nicht. Warum ist es so schwer, junge Menschen für die Pflege zu begeistern?

Evelyn Möhlenkamp: Weil die Rahmenbedingungen im Vergleich zu anderen Berufen auf den ersten Blick nicht so attraktiv erscheinen. Junge Menschen müssen erleben, dass sie sinnerfüllende und herausfordernde Aufgaben haben. Sie sollten für sich einschätzen, was der Wert ihrer hoch bedeutsamen und wichtigen Arbeit ist. Und den Wert einer immer komplexer werdenden sozialen Arbeit können Sie nicht allein in Euro messen. In unserem Beruf können Sie nicht reich werden. Es geht vielmehr um eine gute Arbeitsorganisation und -atmosphäre, die mit interessanten Fortbildungen, Karrieremöglichkeiten und einer erlebbaren Wertschätzung verknüpft ist. Sie können den Wert außerdem spüren, indem sie von Patienten, Angehörigen und Vorgesetzten positive Rückmeldungen zu ihrer Arbeit und vor allem durch unsere Gesellschaft und Politik und die Unterstützung für bessere Ausbildungs- und Rahmenbedingungen erhalten.

Den Wert sozialer Arbeit kann man nicht in Euro messen, aber ist der Beruf nicht zu schlecht bezahlt?

Das ist für mich ein gesamtgesellschaftliches Thema. Wie viel sind wir bereit, für Gesundheit insgesamt auszugeben? Und wie viel ist uns gute Pflege wert? Fakt ist, dass die Krankenhäuser – und ganz besonders die Universitätskliniken – unterfinanziert sind. Wir können aber nur das Geld ausgeben, das uns zur Verfügung steht. Natürlich wäre es schön, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege in Deutschland mehr verdienen würden. Aber was man auch wissen muss: zahlreiche Studien haben eindeutig belegt, dass für professionell Pflegende nicht das Geld an erster Stelle steht, sondern dass sie sowohl eine gut funktionierende Arbeitsorganisation und Arbeitsatmosphäre, als auch Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum benötigen, um die ihnen anvertrauten Patienten zu versorgen. Darüber hinaus wünschen sich Pflegende interessante und hochkarätige Fortbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Ändern sich die Rahmenbedingungen durch die Einstellung von 80 neuen Pflegekräften? Oder ist das mehr ein Symbol?

80 Mitarbeiter mehr einzustellen in einer schwierigen Wirtschaftslage ist sicher mehr als nur Symbolik. Es wäre jedoch zu kurz gedacht, zu glauben, wenn man einfach mehr Personal einstellt, dann wird alles besser. Wir sollten neben der Einstellung von Pflegepersonal auch unsere Arbeitsorganisation beziehungsweise unsere Rahmenbedingungen insgesamt unter die Lupe nehmen und an deren Verbesserung arbeiten.

Was kann man gegen die Überlastung auf den Stationen tun?

Die Arbeitsbelastung in der Pflege ist hoch, das stimmt. Man kann aber nicht von einer generellen Überlastung sprechen. Wichtig wärejedoch, sich den Prozess der Patientenversorgung genauer anzusehen. Wie wird der Patient vom Haus- oder Facharzt zu uns überwiesen? Was passiert, wenn ein Patient zu uns kommt? Man muss genau hingucken, welche konkreten Leistungen zu planen sind und wie viel Personal mit welcher Qualifikation dafür benötigt wird. Ich werbe für kompetenzbasierte Strukturen und Leistungsprozesse, um Patienten und Angehörige bestmöglich versorgen zu können. Das macht jedes andere Gesundheitsunternehmen genauso.

Was heißt das genau?

Wir brauchen Personal – Ärzte, Pflegende, Ergotherapeuten und so weiter –, das mit seiner bestimmten Qualifikation die benötigte Leistung am Patienten erbringen kann – zum Beispiel die Diagnostik, die Pflege, das Wund- oder Schmerzmanagement. Anhand dieser Leistungsplanung wissen wir, wie viele Mitarbeiter wir mit welcher beruflichen Qualifikation zur Versorgung unserer Patienten und deren Angehörigen benötigen. Um sich dieser Zielgenauigkeit in der Leistungsplanung weiter anzunähern, sollte die interprofessionelle Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen weiter gestärkt werden. Es sollte nicht mehr der berufsständische Gedanke im Vordergrund stehen, sondern in Zukunft brauchen wir multiprofessionelle Teams, die mit ihren gebündelten und aufeinander abgestimmten Kompetenzen auf Augenhöhe im Patientenversorgungsprozess stehen. So wird auch in internationalen Gesundheitseinrichtungen, wie beispielsweise in Schweden oder Amerika, die Patienten- und Angehörigenversorgung durchgeführt.

Trotzdem könnten die 80 neuen Pflegekräfte zumindest eine zuverlässigere Dienstplanung ermöglichen. Nach welchen Kriterien werden sie auf den Stationen eingesetzt?

Wir haben eine Gesundheitskommission gegründet, die sich aus je drei Vertretern von Verdi und von der Arbeitgeber seite zusammensetzt. Wir haben geschaut, wo wir den höchsten Bedarf an Personal haben oder in welchem Bereich auffällig viele Überstunden, pflegerisch hoch aufwendige Patienten oder Krankheitsfälle angefallen sind. Dort haben wir mehr Personal hineingegeben, aber auch zum Beispiel in den Nachtdienst. Uns wurde mehrfach geschildert, dass gerade Nachtdienste ein Problem sind, wenn die Schwester in einem größeren Bereich alleine ist. Dem sind wir nachgekommen, indem wir sogenannte Nachtwachenbündnisse zwischen zwei oder drei Stationen hergestellt haben.

Brauchen Sie für die strukturellen Veränderungen, die Sie sich wünschen, die großen Entscheidungen aus der Politik?

Wir brauchen natürlich auch die Politik. Wir diskutieren gemeinsam mit der Bundesärztekammer auf Länderebene, dem Managementverband der Pflegedirektoren der Universitätsklinika und mit der Bundespolitik, dass wir in der Pflege auch andere Aufgaben mit übernehmen wollen und können als bisher. Dazu muss auch auf gesetzgebender Ebene ausgelotet werden: Welche Tätigkeiten dürfen Pflegende, welche dürfen Ärzte ausführen? Wenn Pflegende in Zukunft andere oder erweiterte Aufgaben übernehmen sollen, was mit Blick auf die demografische Entwicklung sinnvoll wäre, müssen sie dafür auf verschiedenen Ausbildungs- und Studienwegen hinreichend qualifiziert werden.

Können Sie denn einige dieser Ideen auch hausintern umsetzen?

Ja, klar. Wir warten jedenfalls nicht auf die große Politik. Wir denken beispielsweise darüber nach, wie eine effiziente Stationsorganisation zu koordinieren ist. Wir möchten das gerne standardisieren. Da geht es etwa darum, wer auf einer Station den Hut auf hat. Nehmen Sie eine chirurgische Station. Da taucht der Chirurg morgens um sieben einmal kurz auf und danach am Abend noch einmal, weil er häufig den ganzen Tag lang im Operationssaal steht. Tagsüber ist die Station hauptsächlich mit der Stationsleitung, Pflegenden und Servicepersonal bestückt, die sich um alle anfallenden Fragen und Themen kümmern.

Müsste dann nicht auch die Ausbildung der professionell Pflegenden verändert werden?

Ja, wir arbeiten einerseits daran, die Ausbildung zu verbessern. Aber was wir außerdem für die Patientenversorgung brauchen, sind Mitarbeiter, die auch wissenschaftsbasiert arbeiten können, also Bachelor- und Masterabsolventen. Denken Sie dabei beispielsweise an die Versorgung von demenziell erkrankten Patienten, die anders durch ein Krankenhaus geführt und versorgt werden müssen als herkömmliche Patienten. So hat sich auch der Wissenschaftsrat geäußert: Etwa zehn bis 20 Prozent der Gesundheitsfachberufe pro Ausbildungsjahr sollten in den nächsten Jahren akademisiert werden.

Mögen Sie durchlässige Ausbildungswege?

Ich finde sogar, das muss weiter befördert werden. Ein Teil der Menschen hat doch am Anfang seiner beruflichen Laufbahn noch nicht immer klar vor Augen oder auch Interesse daran, eine universitäre Ausbildung anzustreben. Im Laufe des Berufslebens merkt der eine oder die andere aber: „Mensch, hier ergeben sich ganz andere Fragestellungen, die ich mit normalen Fortbildungen nicht beantworten kann.“ Dafür braucht man dann ein Studium. So ging es mir übrigens auch.

Was sind das für wissenschaftliche Fragestellungen, die sich ergeben?

Zum Beispiel die Frage, wie wir mit demenziell Erkrankten umgehen wollen. wie sind Demenzkranke oder hochspeziell Erkrankte zu versorgen? An dieser Stelle haben wir auch ein großes Interesse seitens der Pflege, uns wissenschaftlich ganz neu zu engagieren. Was man sich auch vergegenwärtigen muss: Meine Generation wird, wenn es gut läuft, 47 Jahre arbeiten. Die Jüngeren noch länger. Man muss sich sehr gut überlegen, was man mit dieser langen Zeit macht. Die Durchlässigkeit in unserem Beruf würde es uns ermöglichen, auf ganz vielfältige Art und Weise in diesem Beruf tätig zu sein.

Könnte eine zunehmende Akademisierung die Attraktivität des Berufes erhöhen?

Das kann sein, muss aber nicht sein. Aber was wir dringend bräuchten, wäre die großartige Geste, dass bei öffentlichkeitswirksamen Auftritten auch die Pflege mit auftreten darf. Nur wenn wir über unsere bedeutsame Arbeit berichten dürfen, herausgeholt werden aus dieser unbeleuchteten Ecke wird auch der Gesellschaft und Politik deutlich, was Pflege alles kann und vor allem Hochkarätiges leistet. Die Medizin steht im Scheinwerferlicht. Die Pflege steht dort viel zu selten. Ich wünsche mir das Verständnis, dass Medizin und Pflege im Gleichklang und auf Augenhöhe nebeneinander stehen.

Sie sind selbst ausgebildete Krankenschwester. Was würden Sie allen Zweifeln junger Menschen entgegensetzen, warum es sich lohnt, diesen Beruf zu wählen?

Es ist das Abenteuer Mensch. Es ist ein Sammelsurium von sehr persönlichen Erlebnissen. Ich selber habe viele Jahre hoch begeistert und interessiert in dem Beruf gearbeitet, habe sehr viele Patienten versorgt. Das sind einzigartige Erfahrungen, die man selber erlebt, aber auch im Team. Man ist in hoch komplexen Situationen nicht allein. Außerdem bekommen Sie hier an einem Universitätsklinikum immer das beste Wissen.

Die Herausforderungen im Bereich der Pflege werden in den nächsten Jahren sicherlich noch zunehmen. Allein, weil die Zahl der dementen und hochbetagten Patienten steigt. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Wir müssen wissen, welche pflegerischen Versorgungsbedarfe auf uns zukommen. Dazu machen wir Hochrechnungen: Wie viele unserer Patienten haben bereits eine Demenz, bei wie vielen erkennen wir schon eine kognitive Einschränkung? Damit können wir Szenarien entwickeln. Ich überlege zur Zeit, neben der Servicestelle für Demenz auch demenzfreundliche Stationen einzurichten. Das bedeutet aber einen großen Umbruch. Wir würden auf so einer Station Patienten versorgen, die aus dem chirurgischen Bereich kommen, aus dem psychiatrischen oder internistischen Bereich. Das wäre eine riesige Herausforderung.