Medizin-Unternehmen

Mit Senator Czaja zu Besuch in der Gesundheitsstadt Berlin

Innovative Biotechnologien, Wirkstoffentwicklung und Telemedizin: Die Medizin-Branche in Berlin und Brandenburg beschäftigt 350.000 Menschen und wächst weiter – ein Besuch in drei Unternehmen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Fünf Technologieparks, 132 Kliniken, 30 Pharmaunternehmen und mehr als 500 Medizintechnik- und Biotechnologiefirmen. Berlin ist Gesundheitsstadt. 350.000 Menschen arbeiten in der Region Berlin-Brandenburg in der Gesundheitswirtschaft, das ist mehr als jeder achte Erwerbstätige. Die Berliner Politik hat bereits 2007 einen Masterplan „Gesundheitsregion Berlin-Brandenburg“ beschlossen.

2010 wurde ein gemeinsames Clustermanagement ins Leben gerufen. Es geht um die Verbesserung von Rahmenbedingungen und Infrastrukturen für gesundheitswirtschaftliche Unternehmen. Die Felder auf denen sich die Unternehmen bewegen sind vielfältig. Innovative Biotechnologien, Wirkstoffentwicklung, biomedizinische Materialien, Ernährung, Telemedizin bis hin zu Orthopädietechnik. Besonders innovative mittelständische Unternehmen sollen die Möglichkeit bekommen, ihre Potenziale zu entwickeln.

Die CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus will sich in Zukunft verstärkt mit dem Thema beschäftigen. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Florian Graf, der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion Gottfried Ludewig (CDU) und Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) haben drei Unternehmen der Gesundheitswirtschaft besucht:

Eckert & Ziegler

Buch im Nordosten von Berlin. Hier, rund 20 Kilometer von Berlins Mitte entfernt, ist der bedeutendste Wissenschafts- und Gesundheitsstandort des Clusters Gesundheitswirtschaft in der Region Berlin-Brandenburg. 3000 Menschen arbeiten daran, wissenschaftliche Erkenntnisse in Produkte der Gesundheitswirtschaft zu überführen. Eines der Unternehmen ist die Eckert & Ziegler Strahlen- und Medizintechnik AG. Das Unternehmen gehört mit mehr als 700 Mitarbeitern an 22 Standorten zu den weltweit größten Anbietern von Krebsbestrahlungsgeräten. 220 Mitarbeiter arbeiten am Standort Buch, 16 weitere in Adlershof. 2013 hatte das Unternehmen einen Umsatz von 117 Millionen Euro.

Ein Schwerpunkt von Eckert und Ziegler ist die Entwicklung von automatisierten Bestrahlungsgeräten, mit denen eine punktgenaue Bestrahlung möglich ist. Dadurch können ungewollte Risiken wie Inkontinenz oder Impotenz minimiert werden. Besonders der Markt in den Schwellenländern wächst.

Andreas Eckert, einer der zwei Unternehmensgründer, hat Wagniskapital in das Unternehmen investiert, privates Geld. Neben Thomas und Andreas Strüngmann, den Gründern des Pharmaunternehmens Hexal, und Dietmar Hopp, Mitbegründer der SAP AG, ist er einer von nur wenigen in Deutschland, die ihr privates Vermögen in die Gesundheitswirtschaft investieren. Ein Grund ist das hohe Risiko, und bis ein Produkt am Markt zugelassen wird, können Jahre vergehen.

„Erst muss die Ratte überleben, dann der Mensch und dann müssen Sie die Wirksamkeit nachweisen“, erklärt er. Die sogenannte Phase zwei, bei der die Wirksamkeit getestet wird, koste mindestens 20 Millionen Euro. Mit dem Risiko, dass ein Produkt am Ende scheitert. Eckert sieht, gerade auch in Bezug auf den Standort Buch, Möglichkeiten, um die Attraktivität zu steigern. Ein Problem ist die Erreichbarkeit. Zwar ist seit Jahren ein Anschluss an die Autobahn 10 geplant, geschehen ist bisher nichts. „Der gesamte Verkehr wird durch die Dörfer geleitet“, erzählt Eckert. Dazu komme noch der Verkehr, der von der Helios-Klinik ausgeht, die in direkter Nachbarschaft liegt. Rund 200.000 stationäre und ambulante Patienten werden dort jedes Jahr behandelt. „Der Ausbau des Autobahnanschlusses ist dringend erforderlich“, sagt der CDU-Fraktionsvorsitzende Florian Graf. „Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist aufgefordert, den Anschluss umzusetzen“, sagt auch der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Gottfried Ludewig.

Eckert wünscht sich auch in der Versorgungsforschung neue Wege. „Versorgungsforschung heißt ja eigentlich Daten“, sagt er. „Eine Möglichkeit wäre doch zum Beispiel, Zugriff auf die Daten der Krankenkassen zu bekommen. Deren Datenlage ist gut.“ Doch an dieser Stelle komme man schnell in viele problematische Bereiche, wie den Datenschutz.“ Dass eine interdisziplinäre Zusammenarbeit möglich ist, zeigt das Krebsregister Berlin-Brandenburg, das 2016 an den Start gehen soll.

Daniel Bürkner Orthopädietechnik

Gesundheitsschuhe sind beige und unförmig. Das ist das Klischee. Daniel Bürkner widerlegt es. In den Regalen seines Geschäfts, das es bereits seit 1934 gibt, stehen Schuhe, die auch der Hipness Berlins standhalten können. Bunte Schnürstiefel und grüne Sneakers. „Es gibt ein großes Innovationspotenzial in diesem Bereich“, erzählt Bürkner. „Wir haben die Schuhe den Gegebenheiten angepasst.“ An eine alternde Gesellschaft, die aber so lange wie möglich mobil bleiben möchte.

Deswegen ist der demografische Wandel für die Orthopädieschuhtechnik einerseits eine Chance, gleichzeitig aber ein großes Problem. „Wir kämpfen um jeden Jugendlichen, der den Beruf erlernen möchte.“ Selbst die Stadt Berlin, in die es so viele junge Menschen zieht, reicht als Argument nicht mehr aus. Bürkner hat auf der Suche nach einem Gesellen eine Anzeige geschaltet. Überschrift: „Komm nach Berlin!“ Die Resonanz waren drei Bewerber. Einen davon hat er übernommen. Marcel Kaes arbeitet seit drei Wochen in dem Betrieb. Neben dem Mangel an Fachkräften beschäftigt die Branche die Diskussion um die Meisterpräsenz, die verpflichtende Anwesenheit eines Meisters im Betrieb. Deren Abschaffung wird von der Politik diskutiert.

Ein anderes Problem ist die Parkraumbewirtschaftung. Es müsste selbstverständlich sein, dass einem Gesundheitsunternehmen wie seinem Behindertenparkplätze zur Verfügung stehen, findet Bürkner, schließlich seien sie ein Geschäft für Menschen mit Behinderung. „Von uns verlangt man den Einbau einer Behindertentoilette, aber der Rollstuhlfahrer schafft es nicht mal bis in unser Geschäft.“ Aber grundsätzlich sei Berlin ein guter Standort. „Nur eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit wäre gut. Dass Orthopädietechniker, Physiotherapeuten und Ärzte gemeinsam an einem Tisch sitzen. Das wäre eine Aufgabe für die Berliner Politik.“

Bayer Pharma AG

Als Ernst Christian Friedrich Schering 1871 seine Fabrik in Wedding gründete, bestand der Firmensitz aus einem kleinen dreistöckigen Backsteinhaus. Heute steht das Haus wie ein Relikt aus vergangener Zeit auf dem riesigen Gelände der Bayer Pharma AG, die zu einem der größten Pharmaunternehmen weltweit gehört. Am Standort in Berlin sind mehr als 4500 Mitarbeiter beschäftigt und die Produkte, wie Röntgenkontrastmittel, Medikamente gegen Multiple Sklerose und die Antibabypille werden in 130 Länder verschickt.

„Wir entwickeln den Standort stetig weiter und haben in den letzten sechs Jahren jeweils mindestens 40 Millionen Euro investiert“, sagt Hans-Joachim Raubach, Standortleiter in Berlin. Denn Berlin müsse sich als Standort mit anderen Orten in der Welt messen lassen. Dazu gehöre eine professionelle Infrastruktur, die auch kostenmäßig akzeptabel sein müsse.

Für Raubach ist der Standort Berlin optimal, da das Unternehmen in eine gute Hochschul- und Forschungslandschaft eingebettet ist – ganz abgesehen von der hohen Lebensqualität der Stadt. Doch ein Thema, das Bayer und andere Pharmaunternehmen umtreibt, ist der Ruf. Denn selten denkt der Patient an die Firma, die hinter einem Medikament steht. Bayer möchte die Branche entmystifizieren und Transparenz schaffen. Deswegen öffnet das Unternehmen auch immer wieder seine Tore und geht Kooperationen mit Schulen in der Nachbarschaft ein.