25 Jahre Mauerfall

Wie Jan Josef Liefers zum Vorzeige-Gesamtdeutschen wurde

1989 kritisiert Jan Josef Liefers bei der großen Kundgebung auf dem Alexanderplatz die SED. Damals kennt ihn kaum jemand. Heute ist er einer der bekanntesten deutschen Schauspieler.

Foto: Bernd Von Jutrczenka / dpa

Unter all den prominenten Rednern, die am 4. November 1989 auf der Kundgebung am Alexanderplatz sprachen, gab es einen jungen Mann, der noch weithin unbekannt war. Nicht nur im Westen, auch im Osten. Er durfte aber gleich als Vierter sprechen, nach der Schauspielerin Marion van de Kamp, nach Johanna Schall und Ulrich Mühe, die zusammen den Artikel 27 und 28 der DDR über die Meinungs- und Versammlungsfreiheit vorlasen. Und noch vor Gregor Gysi.

Der junge Mann war Jan Josef Liefers. Er war damals schon Ensemblemitglied im Deutschen Theater, hatte auch gerade seine erste TV-Hauptrolle in „Die Besteigung des Chimborazo“, ein Film, der aber erst drei Tage später im DDR-Fernsehen ausgestrahlt werden sollte. Nein, fast niemand kannte diesen jungen Mann, der die Bühne mit wildem Haar, Jeanshemd und einem Gips betrat. Er war just bei einer Vorstellung in ein Bühnenloch gefallen und hatte sich den rechten Arm gebrochen. Den Gips kaschierte er mit seinem Redezettel. Wie aufgeregt er war, kaschierte er auch.

Als die Organisatoren die Kundgebung vorbereitet hatten, war die Angst groß, die SED-Riege könnte die Veranstaltung für sich reklamieren. Johanna Schall hatte ihren jungen Kollegen deshalb gebeten, gleich am Anfang etwas zu sagen, „dass wir mit denen nicht das Geringste am Hut hätten“. Und das tat er denn auch. „Während dieser Minuten vor dem bis zum Horizont reichenden Menschenmeer versuchte ich nur, einen kühlen Kopf zu behalten und langsam zu sprechen“, erinnerte er sich später in seinen Frühmemoiren „Soundtrack meiner Kindheit“.

„Alles lief verzögert ab, wie in Zeitlupe.“ Aber er sagte, was er zu sagen hatte. Dass der Führungsanspruch der SED ab sofort zur Disposition gestellt werden sollte. Dass die alten verkrusteten Strukturen nicht erneuerbar seien und zerstört werden müssten. Danach brauchte er erst mal einen Kaffee. Und bekam einen Pflaumenkuchen angeboten – von Markus Wolf, dem ehemaligen Chef der Stasi-Auslandsspionage. Der später als Redner ausgebuht werden sollte.

Liefers wurde in der DDR das Abitur verweigert

Es ist nicht ohne Ironie, dass Jan Josef Liefers heute einer der populärsten Schauspieler Deutschlands ist. Nicht zuletzt dank des Münsteraner „Tatorts“, den er seit 2002 bestreitet. Mit Axel Prahl, den viele fälschlicherweise für einen Ossi halten. So wie viele Liefers eher für einen Wessi halten. Doch Liefers ist 1964 in Dresden geboren.

Und für ihn ging es an diesem 4. November um alles. Schon das Abitur hatte er nicht machen dürfen, weil er sich weigerte, zur Volksarmee zu gehen. Er machte stattdessen eine Tischlerlehre. Später kam er dann doch noch in Berlin auf die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und wurde dann erst mal fürs Deutsche Theater freigestellt. Aber kurz nach seinem 25. Geburtstag sollte er wieder eingezogen werden. Seine Verweigerung wurde als „Gesetzesverletzung“ zurückgewiesen, im November hätte er zur Armee gemusst. „Mein Entschluss, vor diesem Datum die DDR zu verlassen, stand damit fest.“ Daher kam wohl auch der Mut neben all den Prominenten zu sprechen. Fünf Tage später ging die Mauer auf.

Liefers war nie ein Ostalgiker

Viele der damals auf dem Alexanderplatz Beteiligten haben später gelitten, nicht mehr so viel Erfolg gehabt. Nicht so Liefers. Noch 1989 bestritt er mit seinem Freund Thomas Langhoff erstmal eine Fahrradtour von Vancouver nach Los Angeles und zog dann 1990 nach Hamburg, von Jürgen Flimm ans Thalia Theater berufen. Sein erster Film im Westen war 1993 „Charlie & Louise“, mit Dietls „Rossini“ und „Knockin‘ On Heaven’s Door“ neben Til Schweiger spielte er sich dann 1995 an die Spitze der deutschen Darsteller.

Heute wohnt er in Steglitz, liebt sein Café in Schöneberg, tourt mit seiner Band durch alte und neue Bundesländer. Ein Ostalgiker war er nie, er ist so etwas wie der Vorzeige-Gesamtdeutsche. Im August wurde er 50, der Mauerfall markiert die Hälfte seines Lebens. Bei all den Filmen, die jetzt zum Jubiläum gedreht wurden, sucht man ihn vergebens. Ihm wird eine größere Ehre zuteil: Am 9. November wird er das Bürgerfest vor dem Brandenburger Tor moderieren.

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