Ausbildungsplätze

Wie Siemens den Fachkräftemangel in Europa bekämpft

Mit einem besonderen Lehrstellenprojekt sichert sich Siemens Fachkräfte für seine ausländischen Betriebe. 89 junge Menschen aus 18 Ländern bildet der Konzern in Berlin nach deutschem System aus.

Michael Wislocki sitzt in der vierten Etage dieses riesigen Backsteinbaus in Siemensstadt und sucht nach den richtigen Worten. Er will erklären, warum er sein Studium in Polen abgebrochen hat und zum 1. August nach Berlin gekommen ist, ohne hier jemanden zu kennen. Er kämpft etwas mit den ungewohnten Worten, die er im Deutsch-Intensivkurs bisher gelernt hat. Der 23-Jährige ist ausgezogen, um Mechatroniker zu werden. Bei Siemens. Wenn alles gut geht, wird er in dreieinhalb Jahren kein Problem mehr mit ungewohnten Worten haben und einen Berufsabschluss der Industrie- und Handelskammer in der Tasche. Und einen festen Arbeitsplatz in Polen.

Wislocki nimmt am Spezialprogramm Europeans teil. Siemens bildet junge Menschen aus ganz Europa nach deutschem System mit Berufsschule und Praxis aus, um sie dann in Firmen in ihren Heimatländern zu schicken. Das Programm startete zum Lehrjahr 2012/13 mit 30 Bewerbern. Jetzt hat die dritte Gruppe begonnen. 89 junge Männer und Frauen aus 18 Nationen sind derzeit dabei, in diesem Jahr erstmals auch Ungarn und Rumänen. Ausgelegt ist das Programm auf 120 Auszubildende.

Vier Deutsch-Klassen für 30 Schüler

Für die Europeans wie Wislocki beginnt das Lehrjahr bereits vier Wochen vor dem offiziellen Start am 1. September – mit einem Einstufungstest und einem Intensivkurs Deutsch, denn Kenntnisse der Sprache sind nicht erforderlich, um sich zu bewerben. „Wir leisten uns den Luxus von vier Klassen“, sagt Stefanie Wegener, die die Europeans begleitet. Außerdem müssen ganz praktische Dinge gelöst werden: Die Auszubildenden brauchen zum Beispiel ein Konto. Und eine Art Crashkurs Berlin gibt es auch. Was ist wo, welche Geschichte hat die Stadt, solche Themen zum Beispiel. Es gibt erste Miniprojekte. Und die Neuen müssen sich untereinander kennenlernen.

„Am Anfang war es schwierig“, sagt Santa Trone. Sie ist im zweiten Lehrjahr. „Ich konnte kein Deutsch. Alle Freunde sind in Lettland. Auch die Familie.“ Inzwischen mache es Spaß, mit den Kollegen in Berlin zu leben. Die 24-Jährige hat in ihrer Heimat Medizintechnik studiert. Sie fand, an der Universität habe es zu wenig Praxis gegeben. Deshalb habe sie sich entschieden, nach Deutschland zu gehen. Sie wird Mechatronikerin.

Nach Ausbildungsende ein Job

Ähnliches berichtet Jean-Christophe Karsenty, seit diesem Jahr dabei und angehender Elektroniker. Der 19-Jährige studierte Mechatronik in der Schweiz. „Die haben dort auch Maschinen, aber es gab zu viel Theorie. Ich wollte ein bisschen mehr Praxis.“ Dann schiebt er nach: „Und Siemens Frankreich gibt mir am Ende einen Job.“ Sein Landsmann Maximilien Hüren ergänzt: „Für Arbeit ist Frankreich gerade nicht das Beste. Da ist es positiv für alle im Programm: Laut Vertrag gibt es nach Ausbildungsende einen Job.“ Hüren ist im zweiten Lehrjahr zum Elektroniker Betriebstechnik und spricht Deutsch bereits mit Berliner Tonfall.

Wie kommt man an eine Stelle im Programm? Wislocki zum Beispiel studierte in Polen zunächst Biomedizintechnik, dann Werkstoffkunde. Dabei hörte er von den Europeans. „Ich habe mich über die Siemens-Ausbildung erkundigt, dann Siemens angeschrieben“, berichtet der Mechatroniker im ersten Lehrjahr. „Ich wurde zum Gespräch eingeladen und habe die Stelle bekommen. Dann habe ich alle Studien abgebrochen.“ Und dann ging es gleich nach Berlin.

Noten sind nicht mehr so wichtig

Ganz so einfach, wie es klingt, ist es dann doch nicht, was ein paar Zahlen verdeutlichen: 30 Plätze gibt es pro Jahr für Bewerber aus ganz Europa. Für diesen Jahrgang haben sich allein in Frankreich 1500 Jugendliche beworben – für zwei Plätze. In Griechenland waren es 2300 Bewerber, ebenfalls für zwei Plätze.

Das Konzept sieht vor, dass die jeweiligen Landesgesellschaften von Siemens die Kandidaten auswählen. „Wichtig ist in erster Linie eine Neigung für Technik“, sagt Lars Wißmann, Leiter Technische Bildung Berlin. „Dann natürlich die Frage: Sind die Bewerber bereit, für dreieinhalb Jahre nach Deutschland zu kommen? Und: Haben sie etwas Deutsch- oder Englischkenntnisse?” Natürlich sind auch Noten wichtig, aber nicht mehr so bedeutend wie noch vor Jahren. „Auch wer sich bei Siemens aus Deutschland bewirbt, füllt erst einmal einen Onlinetest aus. Da schau’ ich mir die Ergebnisse an und danach erst die Zeugnisse“, sagt Wißmann. „Wichtig ist das Verständnis für Technik.“ Filip Rozborski zum Beispiel. „Ich habe keine Vorkenntnisse in der Industrie”, sagt der 22-Jährige. Nach dem Abitur hat der Pole ein freiwilliges Jahr geleistet. Genommen hat ihn Siemens im vergangenen Jahr dennoch. Er wird jetzt Elektroniker.

Zahlreiche Minister waren schon da

Wer einmal drin ist im Programm, wird umsorgt: Siemens übernimmt die Ausbildungskosten, zahlt eine Vergütung, trägt die Unterkunft und vier Heimflüge im Jahr. „Wir haben da Apartments eingerichtet, alle in der gleichen Straße“, sagt Wegener. Und so hat sich in Spandau inzwischen eine kleine Europeans-Gemeinde entwickelt, die sich offenbar auch sehr gut versteht. Die ein oder andere Feier wurde schon etwas lauter und offenbar begeisterte die Dauer nicht jeden der umliegenden Anwohner. Geschenkt.

Solch ein Programm ist teuer, Wißmann spricht von 100.000 Euro je Auszubildendem. Was bringt das für den Konzern? „Leute, die wir sofort einsetzen können“, sagt er. In den Siemens-Landesgesellschaften arbeiteten dann Beschäftigte, die neben der jeweiligen Landessprache auch Deutsch sprächen und mit der deutschen Arbeitsweise zurechtkämen. Und langfristig bildeten sich länderübergreifende Netzwerke. Dass sie hier im Ausbildungszentrum an der Nonnendammallee etwas besonderes versuchen, ist auch an anderer Stelle bekannt. RTL war da, zahlreiche Bundesminister, Kanzlerin Angela Merkel informierte sich. Und CNN, der US-Fernsehsender, schaltete live in die Ausbildungshallen.

Gute Aufstiegschancen im Konzern

Während Siemens beim Europeans-Programm aus vielen Bewerbern wählen kann, wird es in Deutschland immer schwerer, Nachwuchs zu finden. Zum Beispiel aus Unkenntnis: Bestimmte Berufe hätten ein Bild in der Bevölkerung, das so nicht mehr stimme. Zerspanungstechniker zum Beispiel. „Da denken die meisten Jugendlichen an Dreck“, sagt Wißmann. „Damit hat der Beruf aber nichts mehr zu tun.“ Vor ihm stehen drei voll gekapselte, computergesteuerte Fräsmaschinen, das Stück zu rund vier Millionen Euro. „Eigentlich geht es da mehr ums Programmieren.“

Falsche Vorstellungen der Jugendlichen sind das eine, schlicht zu wenig Jugendliche das andere. Denn die Schülerzahlen sinken in Deutschland, die Firmen sind im Wettbewerb um die Schulabgänger. Siemens zehrt da vom Ruf des international tätigen Großkonzerns mit entsprechenden Aufstiegschancen. Die Europeans sind allerdings kein Versuch, die drohende Nachwuchslücke zu schließen. Hüren, Karsenty, Rozborski, Trone, Wislocki und all die anderen im Programm haben einen Partner im Heimatland, um den Kontakt zu halten. Auch die längeren Praxisphasen zum Ende der Ausbildung absolvieren die Europeans in einem Siemens-Betrieb in ihrem Heimatland, idealerweise in dem, in dem sie später arbeiten werden. „Da kann natürlich was dazwischen kommen, wie die Liebe“, sagt Wißmann.

Das duale System im eigenen Haus

Warum läuft das Programm in Berlin? Das Ausbildungszentrum hier ist das größte des Konzerns in Deutschland. Insgesamt 1300 Auszubildende lernen technische und kaufmännische Berufe. Nach der Ausbildung fangen sie dann im Turbinenwerk an, im Dynamowerk. Oder bauen Schaltanlagen. Berlin ist auch der größte Produktionsstandort in Deutschland. Und hier gibt es die konzerneigene Werner-von-Siemens-Werkberufsschule. „Damit haben wir die Möglichkeit, das Programm überhaupt durchzuführen. Mit einer fremden Schule wäre das schwieriger“, sagt Wißmann. So sei das duale System in einem Haus, Ausbilder und Lehrer säßen zusammen.

Und dann ist da noch die Stadt selbst und ihr Ruf. Erlangen in Bayern ist da vielleicht einem jungen Griechen, Spanier, Iren oder Franzosen schwieriger zu vermitteln. „Berlin ist schon die beste Partystadt, aber das ist natürlich nicht der Hauptgrund“, sagt Wißmann mit einem Augenzwinkern. Hüren jedenfalls ist begeistert, nicht nur vom Partyleben. „Berlin ist so international. So grün, das gibt es in Frankreich nicht. Wir haben Hasen auf dem Parkplatz!“

„Nicht nur: Arbeit, Arbeit, Arbeit“

Die größte Hürde ist für viele Europeans die Sprache. „Untereinander reden wir englisch, sobald wir in der Firma sind, deutsch. Die Ausbilder achten auch darauf“, sagt Hüren. Gutes Deutsch ist wichtig, schließlich sollen die Europeans wie die deutschen Auszubildenden die Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer Berlin bestehen. Wißmann sagt: „Wir lernen auch technisches Deutsch. Die Auszubildenden müssen ja auch Fragen mit doppelter Verneinung erst einmal verstehen.“ Deshalb läuft der Deutsch-Intensivkurs zunächst auch weiter. Irgendwann im Laufe der Ausbildung lernen dann Europeans und Auszubildende aus Deutschland gemeinsam. „Da gibt es dann keinen Unterschied mehr.“

Alle Siemens-Auszubildenden, nicht nur die Europeans, machen auch einen Englischkurs, der mit einem Zertifikat abschließt. Es geht in der Ausbildung nicht nur darum, einen gleichmäßigen Würfel zu feilen oder die Fräsmaschine richtig zu steuern. „Wir trainieren die Eigeninitiative“, sagt Wißmann. „Wie setze ich eine Maschine ein, in welcher Zeit, was passt wann am besten.“ Mitdenken ist gefragt. Die Europeans halten viel vom Einsatz des Unternehmens. „Dass Siemens die Heimreisen finanziert zeigt, dass sich der Konzern um uns kümmert. Nicht nur: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Das gefällt mir“, sagt Wislocki. Siemens habe keine Angst, Geld zu investieren, sagt Hüren. „Das motiviert uns auch“, ergänzt Karsenty. „Und das Geld“, sagt Wißmann, „holen wir uns zurück: in innovativer Arbeitsleistung.“