Lauf und Besenwagen

Berlin-Marathon 2014 - 29.000 schaffen es bis ins Ziel

Der 41. Berlin-Marathon war ein Lauf der großen Rekorde und der großen Emotionen. Morgenpost-Reporter waren unterwegs an der Strecke – und mit dem Besenwagen, der die erschöpften Läufer einsammelt.

Nicht alle sind resigniert oder verzweifelt, wenn der Besenwagen sie holen kommt. Karl Heinz Clemens steht am Straßenrand, die Hände in den Hüften, man sieht ihn schon von weitem. Als der Bus sich nähert, hebt er eine Hand und streckt den Daumen raus. „War mir klar, dass das heute nichts wird“, sagt Clemens, als er um 13 Uhr bei Kilometer 24 in den Bus steigt. Normalerweise läuft Clemens den Marathon in etwas unter fünf Stunden. „Das reicht, um meine Altersklasse zu gewinnen.“ Wie alt er genau ist, verrät er nicht. „Über 80“, das muss reichen. Clemens ist ein Marathon-Veteran, war einer der noch nicht einmal 300 Teilnehmer des ersten Berlin-Marathons im Jahre 1974. „Hier laufe ich immer noch am liebsten. Die Musik, die Zuschauer – das finde ich toll.“

Vier Stunden zuvor ist der 41. Berlin-Marathon an der Siegessäule gestartet. Reporter der Berliner Morgenpost sind dabei, an der Strecke und im Besenwagen, der ein Bus ist und diejenigen Läufer aufsammelt, die nicht mehr weiter können.

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Am Start ist es kalt. Bei Temperaturen von knapp zehn Grad schützen sich die Läufer mit gelben Plastikleibchen. Tobias Kaufhold steht ganz vorn im Startblock D. „Ich bin schon warm und sichere mir jetzt die Pole-Position“, sagt der Thüringer, der seinen ersten Berlin-Marathon bestreitet und unter der Marke von drei Stunden bleiben möchte. Kurz vor dem Start beginnen die Läufer dann, sich ihrer Leibchen und sonstiger Kleidung zu entledigen, was zu Bergen von Stoff und Plastik am Streckenrand führt. Um 8.45 gibt die ehemalige Eiskunstlauf-Olymiasiegerin Katarina Witt den Startschuss für die Läufer.

Nachdem die Topläufer gestartet sind, werden blockweise die restlichen Sportler dazugebeten. Besonders im letzten Block der Newcomer fallen viele mit bunten Kostümen auf: Die Outfits reichen vom barfüßigen Jesus über Pharao, König und Läuferinnen im Dirndl bis hin zu mehreren Holländern, die nur mit einem Baströckchen und einer Blumenkette bekleidet den Marathon bestreiten. Zehn Minuten nach den allerletzten Läufern fährt bereits der erste Handbiker ins Ziel ein. Bei Kilometer 15 herrscht um zehn Uhr am Kottbusser Tor bereits Hochstimmung wollen. Zu den Klängen der „Türkischen Rockband“ heizen die Kreuzberger den Läufern kräftig ein. „Ich finde es schön, dass der Lauf so bunt und multikulturell ist“, sagt Stefano Cretone, der seinen rennenden Mitbewohner heute unterstützen möchte.

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Etwas weiter südlich am Hermannplatz ist es ähnlich schwungvoll, neben den jubelnden Zuschauern klatscht sogar die Polizei Beifall. An der Seite wartet Isabell Kohlenbeck auf ihre Vereinskollegen vom Kegelclub im hessischen Westerwald. „Ich wollte sichergehen, sie zu sehen und warte deswegen schon seit einer Stunde hier“, sagt sie und schaut auf ihr Handy. Per App und den elektronischen Chips der Läufer weiß sie, wo ihre Kollegen ungefähr auf der Strecke sind.

11.45 Uhr, Hasenheide: Es ist kühl und still im Besenwagen. Die Klimaanlage surrt, die Sitzpolster sind weich, im Radio läuft irgendetwas Beruhigendes. Besenwagen, das ist ein irreführender Begriff. Man erwartet einen Pritschenwagen, einen Pick-up vielleicht, auf dessen Ladefläche die letzten Teilnehmer des Marathons gehoben werden. Doch zum Glück ist der Besenwagen in Wirklichkeit ein komfortabler Reisebus. „Den Platz benötigen wir auch“, sagt Christian Löw. „Bei so vielen Teilnehmern gibt es immer wieder welche, die einfach nicht mehr können. Es kommt schon vor, dass der Bus voll wird.“ Christian Löw, seit acht Jahren Kommandeur des Besenwagens, ist dafür verantwortlich, den Marathon von hinten her aufzulösen. Wer zu langsam oder einfach ermüdet ist, wird eingepackt oder freundlich gebeten, den Lauf auf dem Bürgersteig fortzusetzen.

In der Nähe der Yorckstraße ist bei Kilometer 21 der Halbmarathon geschafft. Hier jubeln besonders viele Menschen Läufern zu, die sie kennen. „Ihr seid super, ihr schafft das!“, ruft Susanna Peters. Sie ist aus Mönchengladbach angereist, um zwei Freunde und ihren Mann zu unterstützen. Hans Vissers aus Rotterdam macht zum ersten Mal Pause und bekommt von seiner Frau Magnesium, Rosinenbrötchen, Wasser und frische Kleidung gereicht. „Wenn es gut läuft, war das mein einziger Stopp bis zum Ziel“, sagt der Niederländer. Mittlerweile ist es warm geworden. An der Bülowstraße sorgt die Feuerwehr mit einer Wasserdusche für eine angenehme Abkühlung.

Am Breitenbachplatz sind vielen Läufern die nun 27 absolvierten Kilometer anzusehen. Einige hecheln, manche kämpfen sichtbar und mancher kann nur noch gehen. Die Schwestern Marion und Sabine Möhle sind jedoch bei bester Laune. „Wir wollen einfach Spaß haben, das gute Wetter und die tolle Stimmung genießen“, sagt Marion Möhle, die heute zum 14. Mal in Berlin läuft und insgesamt ihren 184. Marathon absolviert.

12.00 Uhr, Südstern: Ruhe und Kühle, das war einmal. Wer im Besenwagen landet, ist ausgelaugt und hat seinen Körper bis an seine Grenzen getrieben. Und so steht verständlicherweise schon mit den ersten Fahrgästen die Luft warm und stickig im Bus. „Traurig“ sei er gewesen als er den Bus besteigen musste, sagt Michael Zwicky. Der 55-Jährige aus Duisburg ist einer der ersten Gäste des Besenwagens, sein Ausscheiden nimmt er jedoch gelassen. „Ich habe fast eher mehr Mitleid mit denen, die wir jetzt noch einsammeln, als mit mir selbst.“

Der Platz am Wilden Eber ist traditionell einer der Höhepunkte für die Läufer, eine 16-köpfige Sambatruppe sorgt dafür, dass auch das hintere Feld nicht schlapp macht und das restliche Drittel noch durchhält. Sechs Kilometer weiter spielt DJ Colin am Wittenbergplatz Popklassiker und Oldies, um „die Läufer für den Endspurt zu motivieren“.

13.00 Uhr Kleistpark. Von der anfänglichen Ruhe im Bus ist nichts mehr zu spüren. Fast alle Plätze sind belegt, die Luft steht heiß zwischen den Sitzreihen. Weiter vorn weint eine Frau laut um die Medaille, die ihr heute entgeht. Zehn Minuten lang ist sie neben dem Bus hergelaufen, bevor sie Löws Drängen nachgab und das Rennen beendete. „So etwas ist hart“, sagt er, während er ihr eine Isolierplane um die Schultern legt, „aber nächstes Jahr geht es doch weiter“.

Auf dem Pariser Platz herrscht ausgelassene Volksfeststimmung, da die meisten Läufer jetzt durch sind. „Es war einfach fantastisch, dass auf der gesamten Strecke Zuschauer standen, um uns zu motivieren“, sagt der Schwede Patrik Akselsson. Neben ihm nimmt Agnés Buzin den letzten Schluck aus ihrem Plastikbecher. „Von diesem Bier habe ich 20 Kilometer lang geträumt“, sagt die Französin mit einem Lachen.

Um 15.30 Uhr trudeln im Zielbereich die letzten Läufer ein. Die Zeitmessung wird später 29.000 Sportler erfassen, die angekommen sind – rund 40.000 hatten sich angemeldet. Zwar sei es nach Angaben des Veranstalters normal, dass gut 15 Prozent der angemeldeten Teilnehmer nicht an den Start gehen. Jedoch hätten demnach eigentlich 34.000 Läufer die Ziellinie passieren müssen. Warum es in diesem Jahr so viele nicht bis ins Ziel schafften, dafür könne man noch keine genauen Gründe nennen, sagte Thomas Steffens, Pressechef des Berlin-Marathons. Möglicherweise habe das neue Losverfahren dazu geführt, dass mehr Sportler als sonst nicht angetreten sind.

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Der Berlin-Marathon im Minutenprotokoll:

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