Grünes Berlin

Berlin ganz oben - Die schönsten Dachgärten der Hauptstadt

Von unten sind sie nur zu ahnen, auf den Dächern entfalten die Dachgärten ihre Pracht. Ihre Besitzer haben sich kleine Oasen geschaffen. Sie züchten Sonnenblumen, Wein - oder genießen den Ausblick.

Foto: KRAUTHOEFER

Der Sommer zeigt sich gerade wieder von seiner besten Seite. Nichts wie raus: Schnell noch einmal mit Freunden grillen, mit einem Buch im Liegestuhl entspannen – und die Kinder können im Sandkasten buddeln. Wo lässt sich besser grillen, entspannen oder spielen als im eigenen Garten? Oder noch besser, im eigenen Dachgarten? Weit weg vom Straßengewühl breiten sich auf vielen Berliner Dächern grüne Oasen aus, die von unten nicht einmal zu erahnen sind. Und die für das Klima in der Stadt wichtig sind, wie Wolfgang Ansel, Geschäftsführer des Deutschen Dachgärtner-Verbandes sagt.

Durch die Bepflanzung sonst nicht genutzter Dachflächen würden neue und vielfältigere Lebensräume geschaffen. Dadurch gebe es in den Städten sogar teilweise höhere Artenvielfalten als auf dem Land, erzählt Ansel weiter.

Ein paar besonders schöne Landschaften mit Ausblick stellt die Berliner Morgenpost vor: Manche Dachgartenbesitzer pflanzen Gemüse an, manche pflegen hingebungsvoll ihre Kräuterbeete, manche setzen auf Zierpflanzen, und gemütliche Sitzmöglichkeiten dürfen auch nirgendwo fehlen. Jeder der Dachgärten hat sein eigenes Flair. Vögel, Bienen und auch Enten fühlen sich hier genauso wohl wie die Gartenbesucher. Der Dachgarten ist für seine Besitzer oft Küche, Ess- und Wohnzimmer zugleich. Bietet Ruhe hoch oben über den Dächern der lauten Stadt. Eintreten und einfach genießen.

5000 Liter Erde im dritten Stock

"Wir wollten es grün haben und trotzdem in der Stadt leben. Darum haben wir uns für diese Wohnung am Stadtrand entschieden und unseren eigenen Dachgarten gestaltet", sagt Tobias Mandelartz. Er sitzt auf seinem Lieblingsplatz auf der kleinen Terrasse des Dachgartens in Hermsdorf, bei Rosen und Lavendel. Anfang des Jahres haben die Arbeiten am Garten begonnen: 5000 Liter Erde, 21 Holzkästen, unzählige Töpfe und vieles mehr haben Mandelartz und seine Helfer auf das Dach im dritten Stock geschleppt. Nach drei Monaten war der Garten mit Aussicht fertig.

Die Anstrengung hat sich gelohnt. In den Holzkästen und Töpfen blühen Stauden; Gemüse und Kräuter sind überall zu finden. Jetzt gibt es Tomaten, Gurken, Beeren, Rhabarber und vieles mehr zu entdecken. Schmetterlinge und Bienen werden magisch angezogen von der üppigen Pracht von Flieder, Malven und Wiesenkraut. "Natürlich kann man hier keinen Teich anlegen und nichts einpflanzen. Das geht auf einem Dach einfach nicht. Trotzdem haben wir hier unsere kleine, ruhige Oase." Der 90 Quadratmeter große Dachgarten ist Wohn-, Arbeits- und Esszimmer in einem. Mandelartz möchte keinen "Englischen Garten" – was wuchern will, darf wuchern. Trotzdem ist mit dem Garten viel Arbeit verbunden, im Sommer ist tägliches Gießen unabdingbar. Zu vielen Pflanzen hat Mandelartz eine persönliche Beziehung. Der Strandroggen etwa wurde vom alljährlichen Urlaub auf Sylt mitgebracht.

Obst aus eigener Ernte

Die Äpfel sehen schon hübsch rotbackig aus, bald ist Erntezeit. "Allerdings ist der Ertrag in diesem Jahr geringer als sonst", sagt Karl Ernst Forster. Das liege an den Bienen. Mit seiner Frau Katrin betrachtet er das Cox-Orange-Bäumchen, das in ungewöhnlicher Umgebung steht: in einem Friedenauer Dachgarten. Hier haben sich die Forsters eine grüne Oase geschaffen, die sich auf einem 100 Quadratmeter großen Remisendach ausbreitet.

Vor 25 Jahren war das anders, gab es anstelle des Gartens nur ein Pappdach. Die Forsters wollten schon wegziehen, denn der Wunsch nach einem eigenen Stück Grün war groß. Doch dann konnten sie im Haus Eigentum dazu kaufen – und den Traum vom Dachgarten Realität werden lassen. "Dieser verrückte Garten bedeutet für uns absolute Lebensqualität", sagt der Geschäftsführer eines Versorgungstechnik-Unternehmens. Besonders stolz sind die beiden auf die zehn Kübel mit meterhohen, pinkfarben blühenden Oleandersträuchen. Aber auch Heckenrosen wachsen hier oben, Walderdbeeren, Küchenkräuter und eine Birke.

Forster ist ein Kunstfreund, wie die Skulpturen zeigen, die für Akzente im Grün sorgen. Eine Lenin-Büste entdeckte er 1991 in einem Verlagshaus in Mitte und durfte sie mitnehmen, weil es keine Verwendung für die Altlast mehr gab.

Schrebergärten neu interpretiert

"Wer hier nicht wegziehen muss, zieht auch nicht weg", sagt Sylvia Nicolaus. Kein Wunder, sie wohnt in einer der 17 Maisonettewohnungen mit eigenem Dachgarten in der Stindestraße in Berlin Steglitz. Der Architekt Carlos Zwick wollte in diesem Projekt moderne Architektur mit dem Schrebergartenprinzip verbinden. "Zwischen den Mietern besteht eine fast familiäre Vertrautheit, man duzt sich und regelmäßig finden Feste statt. Jeden Winter zum Beispiel lädt eine andere Familie in ihren Dachgarten zur Glühwein-Party ein", erzählt Renate Krause, die Hausbesorgerin. Sie hat einen guten Draht zu allen Mietern. Auch Sylvia Nicolaus gefällt die Atmosphäre zwischen den Mietern. "Wenn ich in den Urlaub fahre, brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Es ist immer jemand da, der sich um meinen Dachgarten kümmern kann. Das ist ein großer Gegensatz zu dem großstädtischen Wohnen, das man in Berlin gewohnt ist. Da kennt man seine Nachbarn nicht einmal richtig. Wir hier sind wie eine eingeschworene Gemeinschaft."

Nicolaus' Dachgarten ist sehr gepflegt. Der Rollrasen ist perfekt gestutzt, es gibt viele Blumen und mit kleinen Dekoartikeln setzt Sylvia Nicolaus Akzente. An einer Wand hängt ein Schild: "Attenti al Gatto" (Vorsicht vor der Katze) – eine Erinnerung an Nicolaus' Katze, sie hatte sich trotz ihrer Höhenangst hier oben sehr wohlgefühlt.

Japanische Gärten unter Stahl

In der Fichtestraße in Kreuzberg liegt der älteste erhaltene Gasometer Berlins, der in seiner über 100-jährigen Nutzung bereits als Gasspeicher, Luftschutzbunker und Vorratslager diente. Im Jahr 2009 wurde das Gebäude zu einer Wohnanlage mit Dachgärten umgebaut. Mit einem Durchmesser von 56 Metern und einer Höhe von 27 Metern besticht der Koloss mit einer Stahlkuppel, unter der die Dachgärten der 13 Eigentumswohnungen kreisförmig angeordnet sind. Wie "ein Reihenhaus mit einer Torte oben drauf" könne man es sich vorstellen, so Landschaftsarchitektin Dagmar Heitmann. "Die markanten 'Strahlen' der Stahlkuppel haben wir bei der Gestaltung auch mit aufgenommen und die Form der Beete und Terrassen entsprechend eingeteilt", sagt die Landschaftsarchitektin. Von der Gestaltung sind die Dachgärten ähnlich, im Prinzip besteht jeder aus einer Rasenfläche, Beeten und einer Terrasse auf einer Fläche von 20 bis 30 Quadratmeter. Die Eigentümer konnten zwar vorher zwischen den Stilen eines japanischen Gartens, eines Staudengartens oder eines Sträuchergartens auswählen.

Idylle mit U-Bahn

Der Ausblick auf die Oberbaumbrücke mit der vorbeifahrenden U1 war schon immer atemberaubend – seit Sommer 2011 ist es auch das Dach der Strategieagentur "diffferent". Dort gestaltete das Unternehmen einen wunderschönen Dachgarten mit Gemüse- und Kräuterbeeten – und viel Platz zum Wohlfühlen. Die Grundidee steht ganz im Trend des "Urban Gardening": Jeder Mitarbeiter soll sein eigenes Beet pflegen und es nach Lust und Laune bepflanzen.

"Die Beete waren die optimale Lösung, weil sie nicht so schwer sind, denn unter der Dachterrasse befindet sich der Klub 'Watergate'", erklärt Nico Dürkop. Natürlich dürfen die Mitarbeiter mitentscheiden, was angepflanzt werden soll. Nun gibt es hier Tomaten, Erdbeeren, Radieschen, Bohnen, Mangold, Salat, Gurken und Kürbisse. Auch Kräuter sind zahlreich vertreten, und viele riesige Sonnenblumen sorgen für gelbe Farbtupfer. "Man kann einfach in der Mittagspause auf die Terrasse gehen, das selbst angebaute Gemüse ernten und sich daraus einen Salat machen, das ist schon toll", sagt Mitarbeiterin Susanne Heinrich.

Täglich wird der Dachgarten genutzt. Er dient als Meetingraum und zum Entspannen in der Mittagspause. Natürlich gibt es hier auch Grillpartys. Große gemütliche Kissen dienen dann als Sitzmöglichkeiten.

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