Prozess in Berlin

Autofahrerin stürzt von Brücke - Geldstrafe für Verursacher

Nach einem Unfall auf der Stadtautobahn stürzte das Auto einer 24-Jährigen sechs Meter in die Tiefe. Der 23 Jahre alte Unfallverursacher wurde nun zu einer Geldstrafe in Höhe von 1800 Euro verurteilt.

Foto: Steffen Pletl

Charlott H. befand sich nicht im Gerichtssaal, als am Freitag gegen den 23-jährigen Denis B. im Verkehrsgericht das Urteil verkündet wurde: 1800 Euro Geldstrafe wegen fahrlässiger Körperverletzung für den Jura-Studenten. „Sie fuhren an diesem Abend eindeutig zu schnell“, begründete Richterin Lisa Jani ihr Urteil. „Keiner sagt, dass sie es absichtlich gemacht haben. Aber Sie wären mit ihren persönlichen Fähigkeiten in der Lage gewesen, diesen schweren Unfall zu vermeiden.“

Denis B. fuhr am 7. Januar 2012 gegen 20 Uhr mit seiner Mutter in einem BMW älteren Modells auf der Stadtautobahn A100. Die Autobahn war nass, es war dunkel. Hinter dem Dreieck Funkturm in Richtung Norden kam der Wagen plötzlich ins Schleudern.

Und es folgte, wie Richterin Jani es nannte, „eine katastrophale Kettenreaktion“: Der BMW prallte gegen einen kurz vor ihm fahrenden Ford Mondeo. Dieser wiederum kollidierte mit einem Smart forfour, in dem die Medizinstudentin Charlott H. saß.

Sie hatte ihr Auto gerade auf der Autobahn eingefädelt, wollte nach dem Weihnachtsurlaub zurück nach Lübeck fahren, wo sie studierte. Sie hatte die Gefahr nicht kommen sehen. „Da kam etwas von der Seite, etwas ratschte am Auto vorbei, ich drehte mich und drehte mich noch einmal", versuchte die 24-Jährige vor Gericht das Unfallgeschehen zu beschreiben. Sie wisse noch, dass sie „wahnsinnige Angst“ hatte.

Sechs Meter in die Tiefe gestürzt

Der Kleinwagen wurde durch den Anstoß von links auf die mehr als einen Meter hohe Mauer am Rande der Autobahn gehebelt, lag Bruchteile von Sekunden auf der Brüstung und stürzte anschließend mehr als sechs Meter tief, auf dem Dach landend, in eine Kleingarten an der Charlottenburger Dernburgstraße. Charlott H. wurde lebensgefährlich verletzt ins Virchow-Krankenhaus in Wedding gebracht.

Denis B. sah bei sich und seiner Fahrweise keine Schuld. Das betonte er auch noch einmal bei seinem sogenannten letzten Wort vor der Urteilsverkündung: „Ich weiß genau, dass ich mit der richtigen Geschwindigkeit gefahren bin. Am ersten Prozesstag hatte er vorgetragen, dass er „in der Kurve plötzlich ins Rutschen gekommen“ sei und die Ursache für den Unfall in dem ungünstigen Straßenbelag sehe. „Ich glaube, dass es am Asphalt an der Stelle liegt“. So genannter Flüster-Asphalt, bei dem das Abrollen der Reifen nicht so laut zu hören ist, der aber „bei bestimmter Witterung sehr rutschig ist“.

Ein technische Gutachter schloss das jedoch aus. Es gebe regelmäßige Kontrollen des Straßenbelags durch die Senatsverwaltung für Verkehr, sagte er am Freitag. Der Belag an der Unfallstelle habe sich in ordnungsgemäßen Zustand befunden. Und es handele sich auch nicht um Flüster-Asphalt.

Nach Berechnungen des Gutachters war Denis B. am 7. Januar 2012 mit dem BMW mit einer Geschwindigkeit von mindestens 90 Stundenkilometern gefahren. Das sei aber schon günstig für den Angeklagten gerechnet, „technisch plausibel“ seien eher 96 bis 100 Stundenkilometer. Warum Denis B. die Kontrolle über das Fahrzeug verlor, habe er nicht klären können. „Es spricht alles für einen mehr oder weniger starken Fahrfehler.“

Verhältnisse nicht berücksichtigt

Staatsanwalt und Gericht bezogen sich dann auch vor allem auf dieses Gutachten. „Sie sind mit Sicherheit kein Typ, der mit 100 in eine Fußgängerzone rast“, sagte der Anklagevertreter. Denis B. habe jedoch die Verhältnisse auf der Straße an diesem Abend nicht berücksichtigt. Er könne auch Denis B.s Erklärung nicht nachvollziehen, der am ersten Verhandlungstag sinngemäß sagte: „Es waren 80 Stundenkilometer erlaubt, also bin ich auch 80 gefahren.“ Es sei durchaus angebracht, sich der Situation anzupassen und dann eben auch mal langsamer zu fahren, sagte der Staatsanwalt.

Denis B. blieb unverletzt. Für das Charlott H. hatte der Unfall fatale Folgen. Richterin Jani beschrieb noch einmal Charlott H.s Auftritt als Zeugin. Wie sie unter Tränen die Auswirkungen des Unfalls geschildert habe: Wirbelverletzungen, Knochenbrüche, Operationen, Rehamaßnahmen. Sie habe auch heute noch jedes Mal Schmerzen beim Kauen, leider permanent unter Kopfschmerzen. Es sei absolut offen, ob sie den Wunschberuf Chirurgin noch ergreifen kann. „Sie wird ihr ganzes Leben von diesem Vorfall geprägt sein“ sagte Richterin Jani

Die Verkehrsrichterin nahm auch Bezug zu Denis B.s Verhalten nach dem Unfall und während der Verhandlung. Er habe es nicht für nötig gehalten, sich bei Charlott H. zu entschuldigen oder doch wenigstens sein Bedauern über auszusprechen. Obwohl die junge Frau auf ein Gespräch mit ihm „geradezu flehend“ gewartet habe.

Denis B. nutzt auch sein letztes Wort nicht für eine Entschuldigung. Aber er würde nach dem Prozess schon gern mal mit Charlott H.s rede, sagte er. Damit er diesen Unfall, der ihm viele schlaflose Nächte bereitet habe, besser verarbeiten könne. Richterin Jani hörte fassungslos zu. „So eine Haltung kann sich nicht strafschärfend auswirken, das ist Charaktersache“ , sagte sie am Ende ihrer Urteilsbegründung.