Kommentar

Michael Müller ist wie Wowereit - aber ohne Glamour

Nur wenige Stunden nach Wowereits Abschiedsankündigung preschten Raed Saleh und Jan Stöß als mögliche Nachfolger vor. Nun folgt ihnen Michael Müller. Der Senator ist ein folgerichtiger Bewerber.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Jetzt sind es also drei Kandidaten, die Klaus Wowereit ins Rote Rathaus folgen wollen. Stadtentwicklungssenator Michael Müller ist ein folgerichtiger Bewerber. Bis zu seiner Entthronung nach der vergangenen Abgeordnetenhauswahl im Jahr 2011 galt er als der natürliche Nachfolger Wowereits.

Wowereit und Müller, die beiden Tempelhofer, hatten im Jahr 2001 den Mentalitätswechsel mit eingeleitet, der die SPD seitdem an der Regierungsmacht hielt.

Doch in den vergangenen beiden Jahren sah es so aus, als ob Müller keine große politische Zukunft mehr in der SPD vor sich hätte. Erst verlor er das Amt des Fraktionschefs, dann das des Landeschefs. Im Senat ist er nicht unumstritten.

Rasantes Tempo von Saleh und Stöß

In den vergangenen drei Tagen hat nun ein erstaunlicher Sinneswandel in der Partei stattgefunden. Fast schon erschrocken blickten die Sozialdemokraten auf das rasante Tempo, das Fraktionschef Raed Saleh und Landeschef Jan Stöß vorlegten.

Nur wenige Stunden nach Wowereits Abschiedsankündigung meldeten die beiden ihre Ansprüche auf das Amt an. Das ging vielen in der Partei zu schnell, galt es doch zunächst den Schock über Wowereits Abgang zu verdauen.

So regte sich erster Widerstand gegen Stöß und Saleh – und nach der Blitzumfrage der Berliner Morgenpost und der RBB-„Abendschau“, bei der viele Berliner sich gegen beide Kandidaten aussprachen, wurden in der SPD neue Namen gesucht.

Müller verspricht am wenigsten Wandel

Müller ist wohl der Kandidat, der am wenigsten Wandel verspricht – personell wie inhaltlich. Ein Wowereit, aber ohne Glamour. Doch möglicherweise ist es genau das, was in der Partei derzeit gut ankommt. Schlechte Umfragewerte und das Ende der Ära Wowereit zehren am Selbstvertrauen. Müller setzt also auf seine Erfahrung, über die er zweifellos verfügt.

Für Jan Stöß wird es in den kommenden Wochen darauf ankommen, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen, um die Parteimitglieder hinter sich zu versammeln. Raed Saleh setzt auf Geschlossenheit, die er in den vergangenen zweieinhalb Jahren erfolgreich in der Fraktion organisiert hat.

Der Dreikampf könnte der Partei am Ende sogar guttun, dann nämlich, wenn kein schmutziger Wahlkampf die Stimmung in der Partei vollends zerstört. Die drei sprechen in ihrem jeweiligen Persönlichkeitsspektrum sicher mehr Sozialdemokraten an, als es Saleh und Stöß allein vermocht hätten. Niemand weiß, welche Präferenzen die 17.000 Berliner Sozialdemokraten haben werden. Die Wahl wird spannend bleiben – bis zum Schluss.