Schulbeginn

Wenn beim Elternabend der Klassenkrieg ausbricht

Am Montag geht nicht nur die Schule wieder los. Schon bald stehen auch wieder Elternabende an. Und die sind nicht gerade beliebt. Zwei Berliner Mütter haben Erfahrungen in einem Buch zusammengetragen.

Foto: Amin Akhtar

Am Montag geht es wieder los. Nach sechs Wochen Ferien stehen fast aussichtslose Weckmanöver im Kinderzimmer an. Schlecht gelaunte und müde Jungen und Mädchen sitzen dann am Frühstückstisch – mit einem Gesichtsausdruck, als wären die Eltern daran schuld, dass die Schule eben deutlich früher beginnt als der Ausflug an den Badesee. Brotdosen werden morgens gefüllt und am Nachmittag oft ungeöffnet wieder aus dem Schulranzen geholt. Turnbeutel werden vergessen, Schulbücher verschwinden. Und dann ist da auch noch – der Elternabend.

Pro Kind kommen Eltern bis zur Volljährigkeit des Nachwuchses – Kita, Hort, Sportverein und Musikschule mit eingerechnet – auf mindestens 50 Elternabende. Je nach Engagement der Einrichtung, der Lehrer oder Eltern können das auch locker doppelt so viele werden.

Elternabende haben nicht gerade den besten Ruf. Aber was ist so furchtbar an diesen Versammlungen? Immerhin geht es doch um das Wohl der Kinder.

Bettina Schuler erklärt das so: „Beim Elternabend sitzen Menschen zusammen, deren kleinster gemeinsamer Nenner ist, dass sie ein Kind im gleichen Alter haben, das mehr oder minder zufällig an derselben Schule und in derselben Klasse gelandet ist.“ Die Journalistin hat zusammen mit ihrer Berufskollegin und Freundin Anja Koeseling Erfahrungsberichte von Elternabenden gesammelt und diese jetzt in dem amüsanten Buch „Schlachtfeld Elternabend“ gebündelt.

Der Längste dauerte fünf Stunden

Schwer sei es nicht gewesen, die Beiträge zu bekommen, schließlich habe jeder, Eltern und Lehrer, einiges zu erzählen. Das fängt schon bei den Herausgeberinnen selbst an. Anja Koeselings Tochter ist inzwischen 20 Jahre alt. „Ich bin da jetzt raus, aber gefühlt habe ich mindestens eine Million Elternabende mitgemacht. Mein Längster hat mal fünf Stunden gedauert“, erzählt die 40-Jährige.

Dabei geht es immer wieder um die gleichen Themen: Sollen Noten vergeben werden oder doch lieber Smileys? Soll die Klassenfahrt ans Meer führen oder nicht? Und dann gibt es da noch die engagierten Lehrer, die den Eltern mal schnell die neue Bruchrechnungsmethode erklären wollen, wo doch schon die Kinder sie nicht verstanden haben. Ganz zu schweigen von Läusen und Ernährung.

Fischstäbchen zum Beispiel können eine hitzige Debatte auslösen. Das hat die 38 Jahre alte Bettina Schuler, deren Tochter jetzt die zweite Klasse besucht, selber erfahren. Sind Fischstäbchen nun also Fast Food oder kann das noch als Fischgericht durchgehen? Beim Elternabend hat sie sich für Fischstäbchen ausgesprochen – besser als gar kein Fisch –, erntete allerdings entsetzte Blicke der anderen Mütter. Die hatten dann aber noch eine viel wichtigere Frage: Ob die Kinder nicht auch während des Unterrichts trinken dürften und wenn ja, welches Wasser, ob mit oder ohne Kohlensäure. „Das sind doch Luxusprobleme, die da diskutiert werden. Kein Kind wird verdursten, wenn es eine Dreiviertelstunde lang mal nichts trinkt“, glaubt Bettina Schuler.

Helikoptermütter unter sich

Dabei ist es natürlich keinesfalls so, dass Bettina Schuler und Anja Koeseling das schulische Leben ihrer Töchter egal ist. Sie gestehen beide, Helikoptermütter zu sein, Mütter, die sich ständig in der Nähe ihrer Kinder aufhalten, um diese zu überwachen und zu behüten. Und beide fügen selbstkritisch an: „Das sind wohl die Schlimmsten.“ Aber es gibt noch mehr Typen: die Absitzer, die Lästerfrauen, die Meckerer, die Lehrer-Eltern, das Eltern-Doppelpack, die Ökos, die Manager. „Nirgendwo treffen unterschiedliche Interessen und emotionale Verstrickungen derart ungebremst aufeinander“, heißt es im Buch.

Eine besondere Bedeutung erlangt dabei der Manager. „Er scheint die Erziehung der Kinder mit einem Businessplan zu verwechseln“, glaubt Bettina Schuler. Er weiß über alles Bescheid – und vor allem weiß er es besser als alle anderen, inklusive Lehrer. Dieser Typ Vater oder Mutter ist im Übrigen auch gern einmal der, der zwar eine Menge einfordert, sich bei Fahr-, Klassenfest- oder sonstigen Diensten aber gern zurückhält – schließlich sind Kita und Schule für ihn Dienstleistungsunternehmen. Seinen Kommentar gibt der Manager übrigens meist weise am Schluss einer Debatte ab – quasi als Quintessenz des Ganzen.

Zwei typische Momente kennt wohl jeder Elternabendbesucher: Der Erste ist eine Frage, und sie trifft die Elternschaft gleich zu Beginn eines jeden Schuljahres: die Wahl zum Elternsprecher. Wie macht man sich in diesem Moment bloß unsichtbar oder kommt so beschäftigt rüber, dass niemand wagen wird, einem diesen Job aufzudrücken? Bettina Schuler war zwei Monate Elternsprecherin. „Das reichte“, sagt sie, „seitdem weiß ich die Arbeit der Elternsprecher noch viel mehr zu schätzen und hege und pflege sie.“ Schließlich hätten sie es nicht nur ein paar Mal im Jahr mit aufgeregten Vätern und vor allem Müttern zu tun, sondern in schweren Zeiten würde das Handy gleich mehrfach am Tag klingeln, weil entscheidende Dinge des schulischen Lebens geklärt werden müssten.

Der heikle Moment am Ende

Und dann gibt es noch den heiklen Moment, wenn der Elternabend eigentlich schon vorbei ist. Wenn der Lehrer sich höflich verabschieden will mit den Worten: „Ja, wenn es keine weiteren Fragen mehr gibt, würde ich den Abend gern beschließen.“ Dreiviertel der Elternschaft ist dann auch schon dabei, vorsichtig von den Erstklässlerstühlchen aufzustehen, „aber zu früh gefreut“, warnt Anja Koeseling. „In den meisten Fällen gibt es natürlich noch eine Frage, gern eingeläutet in der Art: Was mich schon lange beschäftigt … oder: „Was ich doch seltsam finde …“ Oft geht es dann um Befindlichkeiten, die das Ende eines Elternabends locker um eine weitere Stunde hinauszögern können. Solche Nachfragen gingen in den allermeisten Fällen von Frauen aus. „Wenn Männer noch etwas wissen wollen, sind es in der Regel Fakten, zum Beispiel: Wann müssen wir genau wo sein?“, erzählt Anja Koeseling.

Aber abgesehen davon, dass die Lust der meisten Väter auf Elternabende ohnehin nicht stark ausgeprägt ist, würden viele Frauen sich diesen wichtigen Termin nur ungern aus der Hand nehmen lassen. Das kennen auch Anja Koeseling und Bettina Schuler. „Einmal konnte ich nicht“, erzählt die Zweitklässlermutter. Also schickte sie ihren Mann. „Er sollte alles mitschreiben. Nach drei Stunden kam er mit einem Zettel nach Hause, auf dem gerade mal drei Punkte standen. Seine Erklärung: Mehr Wichtiges wurde nicht besprochen“.

Waren Elternabende denn schon immer so? Nein, lautet die Antwort vieler Lehrer, mit denen sich Anja Koeseling und Bettina Schuler unterhalten haben. Früher habe es mehr Respekt voreinander und weniger sinnlose Diskussionen gegeben. Eltern würden sich heute viel stärker mit ihren Kindern identifizieren, das heißt eben auch, dass die schulischen Belange ihrer Kinder schnell zu ihren eigenen werden und sie sich ebenso schnell persönlich angegriffen fühlen, wenn etwas nicht gut läuft. Umgekehrt, so die These der beiden Mütter, würden sich Lehrer heute das Heft zu schnell aus der Hand nehmen lassen. Mit etwas mehr Struktur, glauben sie, wäre der Abend wohl für alle leichter zu überstehen. Aber dafür sei auch noch etwas wichtig: eine gute Portion Humor.