Wildvögel

Zu Besuch auf der Krankenstation von Habicht, Adler und Meise

Der Naturschutzbund Berlin pflegt in Biesdorf verletzte Wildvögel und entlässt sie dann wieder in die Freiheit. Meist gehen die Geschichten gut aus. Hilfe ist jederzeit willkommen.

Foto: Wolfgang Kummn (2) / dpa

André Hallau legt einen Zeigefinger an die Lippen. Dann öffnet er die Tür zu einer Voliere. Tür und Wände sind aus Holz. Blickdicht. Im Eingang hängt ein Laken. In Zeitlupe schiebt der 52-Jährige diesen Vorhang zur Seite. Weiter hinten im Raum sitzt ein Habicht auf einem Ast. Das Tier ist krank. Das ist schlecht. Und es hat Angst. Das ist gut. Denn der Habicht ist ein Wildtier – und soll es auch bleiben.

Hallau leitet die 1997 gegründete Wildvogelstation des Naturschutzbundes Berlin (Nabu) in Biesdorf. Der Habicht ist einer von an diesem Tag 59 Zöglingen, die in vier Volierenanlagen untergebracht sind. Im Schnitt werden dort täglich 29 Vögel gepflegt. Publikumsbetrieb ist auf dem etwa 6000 Quadratmeter großen Gelände um das ehemalige Forsthaus Wuhletal nicht vorgesehen. Doch einmal im Jahr sind Paten, Sponsoren und Ehrenamtliche zu einer Führung eingeladen. Einzige Bedingung: Sie sollen leise und vorsichtig sein, damit die Tiere nicht erschrecken.

„Den Habicht haben zwei Frauen Anfang August in Hellersdorf gefunden“, flüstert Hallau vor der Voliere. „Der Jungvogel befand sich am Boden, er konnte nicht fliegen.“ In der Kleintierklinik der Freien Universität Berlin (FU) in Düppel wurde das Weibchen geröntgt. Mit dem Befund – Fraktur am Rabenbein – haben ehrenamtliche Helfer den 1140 Gramm leichten Greifvogel dann wieder durch ganz Berlin gefahren, bis nach Biesdorf. „Bei uns wird er etwa drei bis vier Wochen bleiben“, schätzt Hellau. „Wir füttern ihn einmal täglich und beobachten den Verlauf seiner Genesung. Momentan steht ein Flügel sehr ab.“ Das Ziel der Station ist, alle Zöglinge wieder in die Freiheit zu entlassen. Deshalb der Volierenbau aus Holz. Deshalb das Laken hinter der Tür. Der Kontakt zu Menschen ist auf das absolut Nötigste beschränkt.

„Für uns ist es ein gutes Zeichen, wenn der Habicht unruhig wird, vom Boden auf die Stange kommt und von Stange zu Stange fliegt“, sagt Hallau. Dann werde das Tier erneut transportiert. Diesmal zur Greifvogelpflegestation in Woblitz in Brandenburg. „Dort gibt es größere Volieren als bei uns“, erklärt er, „die Vögel können mit Flugübungen beginnen und für die Wiederauswilderung trainiert werden.“ Mehr als 80 Prozent der in Biesdorf hochgepäppelten Vögel meistern den Rückflug in ihr altes Leben. Die Übrigen schaffen es nicht. „Sie sterben. Manche müssen wir einschläfern lassen.“

Jeder kann Pate werden

Holz an Holz neben dem Habicht leben noch ein Fischadler, ein Sperber und zwei Turmfalken. Der Wanderfalke, der im Frühling im Innenhof des Bundestages gefunden worden war, ist bereits ausgewildert. Seine Patin Petra Brüggemann findet das großartig. Die 52-Jährige hatte den Vogel gefunden und die Tierrettung alarmiert, die ihn in die Kleintierklinik brachte. „Aber ich wollte die – auch finanzielle – Verantwortung nicht an den Nabu und seine Mitglieder abgeben, habe eine Patenschaft übernommen und die komplette Pflege für seinen mehrwöchigen Aufenthalt in der Station bezahlt“, erklärt die Biologin. Die Summe will sie nicht verraten. „Es war teuer“, sagt sie verschmitzt.

Pate kann jeder werden. 20 Euro, so haben die Mitarbeiter vor einer Weile ausgerechnet, kostet die Aufzucht einer Kohlmeise. 40 Euro für einen Mauersegler und das Aufpäppeln eines Greifvogels beläuft sich auf rund 100 Euro. Das Geld der Paten reicht nicht für den Betrieb der Station. „Unsere Ausgaben“, so trägt es der Nabu-Landesvorsitzende Rainer Altenkamp den Gästen vor, „betrugen im Jahr 2012 rund 100.000 Euro.“ Der Naturschutzbund musste trotz Spenden und Projektmitteln 22.000 Euro zuschießen. Zu viel für den Verband. Die Station stand Ende 2012 vor der Schließung, fand aber in dem CDU-Abgeordneten Alexander J. Herrmann einen Fürsprecher. Für 2014 und 2015 stellt das Land Berlin jeweils 100.000 Euro bereit. „Dieselbe Summe erhält auch die Kleintierklinik der FU“, berichtet Herrmann. Das Geld stamme aus den Etats der Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung sowie für Justiz und Verbraucherschutz.

Jede dritte Anfrage galt Waschbären

Möglich wurde die Zuwendung, weil der Nabu eine Aufgabe der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung übernahm: das Wildtiertelefon. Seit April können Bürger sich mit allen Fragen rund um Wildschweine oder Füchse, Rehe oder Marder an die drei Mitarbeiter in Biesdorf wenden. „Wir hatten keine Ahnung, was genau auf uns zukommt“, erzählt der Nabu-Chef. Denn die zuvor verantwortlichen Berliner Forsten hätten nicht mitteilen können, wie viele Fälle sie in den vergangenen Jahren bearbeitet hatten.

Anders nun beim Nabu. „In den ersten drei Monaten hatten wir 400 Anfragen“, sagt Altenkamp. Die meisten Anrufer wohnten am Stadtrand; jede dritte Anfrage galt Waschbären. „Die Säugetiere ernähren sich aus Mülltonnen, fressen Obstbäume leer und wohnen gern in Hohlräumen“, sagt Altenkamp. Mit welchen Zubauten man sich davor schützen kann – das zu erklären ist ebenfalls Aufgabe der drei Angestellten.

22 Haussperlinge leben zurzeit in einer Voliere. Das liegt teilweise an Mangelernährung schon im Nest, aber zumeist sind die Finder daran schuld. „Viele versuchen, die Vögel aufzupäppeln, sperren sie aber in zu kleine Käfige. Dann brechen Federn ab – und das Tier ist flugunfähig“, sagt Altenkamp. Ein halbes Jahr dauere es, bis die Mauser durch sei und die Federn wieder die richtige Länge hätten. „Um das zu vermeiden, bitten wir alle Bürger, die hilflose Vögel finden: Bitte rufen Sie uns sofort an“, sagt Hallau mit Nachdruck. Dann könne man klären, ob das Tier wirklich Hilfe benötige und wie die aussehen muss. „Oftmals braucht der Vogel nur ins nahe gelegene Gebüsch gesetzt zu werden.“ Entgegen einem gängigen Vorurteil „darf man Vögel anfassen. Das stört seine Eltern nicht“.

Ringeltauben müssen wegen ihres Kropfes, der sie mehr Nahrung aufnehmen lässt, nur drei- bis viermal täglich gefüttert werden. Zehn Exemplare leben derzeit in der Station. Sie haben noch bis Anfang Oktober Brutzeit. „Ihre Nester sind so filigran, dass ein Sturm sie oft zu Boden fegt“, sagt Altenkamp. „Wenn wir sie aufziehen, packen wir sie in kleine Gruppen. Wenn sie groß genug sind, dürfen sie davonfliegen.“ Dafür ist die Lage direkt am Wuhlegarten perfekt.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa