Schule für Anfänger

300 Quereinsteiger bereiten sich auf neuen Lehrer-Job vor

In dieser Woche bereitet die Berliner Schulbehörde Hunderte Quereinsteiger auf ihren neuen Beruf als Lehrer vor. Zum Schulbeginn in der Hauptstadt werden sie zum ersten Mal vor einer Klasse stehen.

Foto: Massimo Rodari

Erwartungsvolle Gesichter, gezückte Schreibblöcke und Stifte. Im Raum 206 der Reinhold-Otto-Grundschule in Charlottenburg sitzen an diesem Montagvormittag keine Schüler, sondern rund 30 angehende Lehrer auf den Bänken und schauen gespannt nach vorn. Dort steht Seminarleiterin Marlies Ziegler. Sie begrüßt die 30 neuen Lehrern, die zu den rund 300 Akademikern gehören, die als Quereinsteiger im Schuldienst anfangen werden. Zum Schulbeginn am kommenden Montag werden sie alle zum ersten Mal vor einer Klasse stehen. 19 Stunden in der Woche sollen sie dann unterrichten.

Praktische Erfahrung ist wichtig

Im Raum 206 sitzt auch Karsten Markus. Er ist 40 Jahre alt und studierter Astronom. In wenigen Tagen soll seine Karriere als Mathematik- und Physiklehrer an der Friedensburg Sekundarschule in Charlottenburg beginnen. Markus hat – anders als viele andere – bereits Erfahrungen mit dem Unterrichten. Er war als Vertretungslehrer eingesetzt, zuletzt an der Friedensburg Oberschule, deren Schulleitung sich dafür stark gemacht hat, ihn als Quereinsteiger einstellen zu können.

„Für Astronomen ist die Stellenlage schwierig“, sagt Karsten Markus. Er habe sich deshalb für den Lehrerberuf entschieden. Als größte Herausforderung bezeichnet er den Umgang mit Schülern, die nicht motiviert sind oder die Motivation verloren haben. „Ich hoffe, dass ich während meines berufsbegleitenden Referendariats diesbezüglich viel lerne“, sagt er.

Als klar war, dass Berlin für das Schuljahr 2014/15 mindestens 2000 neue Lehrer einstellen muss, hatte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) im Februar fast alle Unterrichtsfächer zu Mangelfächern erklärt, um den Weg für Quereinsteiger frei zu machen. Die Nachfrage war überwältigend. Mehr als 3300 Akademiker – Germanisten, Künstler, Diplomphysiker, Sportwissenschaftler – haben sich für eine Anstellung als Lehrer beworben. Nun werden aber nur wenige von ihnen in den Schuldienst übernommen. Wider Erwarten konnten die meisten Stellen dann doch mit ausgebildeten Lehrern besetzt werden.

Doch auch in den kommenden Jahren wird der Bedarf an Lehrern groß sein. Das hat damit zu tun, dass nach wie vor viele Pädagogen in Pension gehen werden. Außerdem verzeichnet Berlin eine stetig steigende Schülerzahl. Man werde sich die Quereinsteiger „warm halten“ und ihnen zunächst Stellen als Vertretungslehrer anbieten, heißt es dazu in der Bildungsverwaltung.

Wenig Respekt vor Autoritäten

An dem einwöchige Crashkurs in Sachen Schule müssen neben den Quereinsteigern auch die rund 700 Referendare teilnehmen sowie jene 250 Lehrer, die sich nach dem ersten Staatsexamen für ein berufsbegleitendes Referendariat entschieden haben. Im Kurs sollen sie pädagogisches und didaktisches Wissen erwerben und einen ersten Überblick darüber erhalten wie die Berliner Schule tickt. So auch Bianka Barnowski. Sie erhofft sich von der Einführungswoche einen guten Schulstart und wichtige Hintergrundinformationen.

Die 38 Jahre alte Eventmanagerin hat vor 14 Jahren ihr erstes Staatsexamen als Lehrer für Sport und Mathematik gemacht, sich dann aber dafür entschieden, Sport weiterzustudieren und als Eventmanagerin zu arbeiten. Künftig wird sie nun Sport und Mathematik an einer Spandauer Sekundarschule unterrichten. Sie habe Erfahrung mit Gruppenarbeit, sagt Barnowski und keine Angst vor den Herausforderungen. „Auch wenn ich glaube, dass die Schüler anstrengender geworden sind, als sie es vor einigen Jahren waren.“

Diese Erfahrung hat Carsten Lehmann bereits gemacht. „Die Schüler verhalten sich komplett anders als zu meiner Schulzeit. Sie haben weniger Respekt vor Autoritäten“, sagt der 43 Jahre alte Physiker, der nun als Mathematik- und Physiklehrer an einer Spandauer Sekundarschule tätig sein wird. Lehmann hat im vergangenen Schuljahr bereits als Vertretungslehrer und Co-Klassenleiter gearbeitet und weiß, worauf er sich einlässt.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert derweil eine besondere Unterstützung für alle Schulen, an denen Quereinsteiger unterrichten werden. Denn, so warnt GEW-Chefin Sigrid Baumgardt: „Die Quereinsteiger sind vor allem an Brennpunktschulen gelandet, an denen die ausgebildeten Lehrer nicht anfangen wollten.“