14-Tonnen-PKW

Wie ein Berliner Steinmetz den Trabi für die Ewigkeit schuf

In Stein gemeißelter DDR-Alltag: Der Berliner Steinmetz Carlo Wloch formte aus einem Felsbrocken ein Auto – genauer: einen Trabanten. Fast 18 Jahre brauchte er für das Projekt. Jetzt ist er fertig.

Foto: Eberhard Klöppel

Dieser Kleinwagen lässt sich nur mit einem Kran stehlen. Er wiegt 14 Tonnen und besteht aus Sandstein. Geschaffen hat diesen Trabant der Berliner Steinmetzmeister Carlo Wloch. Er macht derzeit an dem Objekt die letzten Schläge mit Hammer und Meißel, nach Tausenden Arbeitsstunden, wie er sagt.

Begonnen hatte alles mit einem mehr als 20 Tonnen schweren Sandsteinblock. Wloch entdeckte ihn 1995 im Steinbruch Cottar bei Pirna (Sachsen). „Er war bemerkenswert groß“, erinnert er sich. Wloch kaufte den Stein und ließ ihn in seine Werkstatt nach Niederschönhausen bringen. Aber schon in Cottar war ihm die Idee gekommen, daraus einen Trabant zu schlagen.

Es war wie ein augenzwinkernder Blick zurück. Kaum ein Produkt war so typisch für den Alltag der DDR wie der im sächsischen Zwickau zusammengeschraubte, knatternde und nach Abgasen stinkende Kleinwagen. Er war mit Plastikteilen beschlagen, hatte 26 PS, fuhr maximal 105 Stundenkilometer und war für vier Personen zugelassen, die bei voller Besetzung des kleinen Autos besser nicht allzu dick sein sollten. Was manchen Besitzer aber nicht hinderte, auch noch einen Wohnwagen anzuhängen und mit der Familie bis nach Ungarn oder sogar Bulgarien zu fahren.

Genau im Maßstab 1:1

Aber es gab auch handfeste Gründe für Wloch: Der geplante Trabant war ein sehr sinnliches Projekt für seine Lehrlinge. Aber sie mussten schon etwas können, bevor sie sich dem Sandsteinbrocken nähern durften. „Ziel war ja von Anfang an, den Trabi ganz genau im Maßstab von 1:1 nachzubilden“, sagt der 66-Jährige.

Als Vorlage hatte er sich von einem Kollegen einen originalen Trabant 601 gekauft, für 50 D-Mark. Ein paar Jahre zuvor, zu DDR-Zeiten, hätte so ein Wägelchen noch gut und gern 10.000 Mark gekostet – auf dem Schwarzmarkt. Wer einen neuen Trabi haben wollte, musste sich dafür anmelden und mindestens zehn Jahre warten.

Doch der Trabi ist nicht das einzige Exponat in Wlochs Werkstatt. Parallel arbeitet er derzeit an zwei Kapitellen, die für das Portal IV des Berliner Stadtschlosses in Mitte bestimmt sind.

Kämpfer für das Stadtschloss

Die Idee, das Schloss wieder aufzubauen, begeistert Wloch schon lange. Er hatte gemeinsam mit einem Lehrling schon aus Gips ein knapp 7,30 Meter hohes Musterfenster gefertigt – „das erste komplette Teilstück“ –, als der Bundestag noch gar nicht beschlossen hatte, das Schloss und Teile der historischen Fassade wieder aufbauen zu lassen. Und später war er ständig an dem Wiederaufbau der einstigen Hohenzollernresidenz beteiligt: Wloch bildete Lehrlinge aus, war gefragter Experte bei der Auswahl von Materialien, schuf selber detailgetreue Segmente.

Wloch kommt aus einer Steinmetzdynastie, in der, wie er sagt, „die Erhaltung von Kulturstätten immer ein Thema war“. Sein Vater führte die größte private Steinmetzwerkstatt Ost-Berlins. Zwei Brüder und eine Schwester wurden ebenfalls Steinmetze. Wlochs Tochter Liane arbeitet seit 1994 als Steinbildhauerin. Und inzwischen sind auch vier Neffen und eine Enkeltochter in diesem Gewerbe tätig.

1971 musste Wloch erleben, wie der Familienbetrieb ein Jahr nach dem Tod seines Vaters enteignet und dem VEB Elbenaturstein Dresden zugeschlagen wurde. Er blieb trotzdem im Beruf, erwarb den Meisterbrief als Steinsetzmeister und Steinbildhauermeister, absolvierte ein Studium zum Diplom-Restaurator. Wloch wirkte bei der Restaurierung des Zeughauses mit, am Schloss Sanssouci, am Französischen und Deutschen Dom und auch beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Die Liste der Personen, deren Grabstätten er restaurierte oder neu schuf, liest sich wie das Who’s who der deutschen Kulturgeschichte: Maler Max Liebermann, Bildhauer Johann Gottfried Schadow, Dichter Theodor Fontane, Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel und der Dramatiker Heiner Müller.

Etwas profaner mutet da der Trabi aus Sandstein an. Aber vielleicht wird gerade er es sein, der Wloch – „ich bin kein Künstler, ich bin ein ganz normaler Steinmetz“ – unsterblich macht. Was mit dem Sandsteinauto wird, ist noch nicht geklärt. Es gebe mehrere Interessenten, sagt Wloch. Wichtig sei für ihn vor allem, wo der Trabant mal stehen soll. Am liebsten wäre ihm ein Ort in Berlin. Ein geschützter Platz, weil der Sandstein empfindlich ist und ein ständiges Betreten – wie es bei den Betonstelen am Holocaust-Mahnmal geschieht – nicht lange schadlos überstehen würde. Angedacht sei auch, das steinerne Auto als Vorlage für eine Form zu nehmen, in der es in Bronze gegossen werden könnte. Nichts scheint unmöglich – für Wlochs Trabi.