1990-1996

Berlin Wonderland - So war Mitte nach dem Mauerfall

Der Bildband Berlin Wonderland lässt die Zeit nach dem Mauerfall wieder aufleben. Ein Blick auf die frühen 90er-Jahre, als die Mitte der Stadt zum Abenteuerspielplatz für Menschen aus aller Welt wurde.

Foto: Ben de Biel/bobsairport / aus Berlin Wonderland, copyright Gestalten 2014, Ben de Biel/bobsairport

Eine „Wunscherfüllungszone“ war die Mitte Berlins in den Jahren von 1990 bis 1996, heißt es im Vorwort des Buchs „Berlin Wonderland“. Leere Straßen, in denen ab und zu ein einsamer Trabi zu sehen ist. Schlafsäcke auf dem Fußboden der besetzen Häuser. Kunst vor dem Tacheles, Bier an der Bar im „Eimer“, einem illegalen Klub an der Rosenthaler Straße.

Chris Keller, heute 48, kam damals aus Hessen nach Berlin, zum „Häuserbesetzen“. Heute produziert er Musik, ist Konzertveranstalter und führt eine Fotoagentur, gemeinsam mit Anke Fesel, mit der er auch „Berlin Wonderland“ herausgegeben hat.

Berlin Wonderland - Die frühen 1990er-Jahre im Großbild

Berliner Morgenpost: Herr Keller, warum zeigen Sie gerade die frühen 90er-Jahre?

Chris Keller: Weil das eine Zeit des Umbruchs war. Da ist ein Land durch einen glücklicherweise einigermaßen demokratischen Prozess verlorengegangen, von einem neuen Land vereinnahmt worden. Es gab ein sehr großes Vakuum. Dieses Vakuum hat sehr viele Möglichkeiten zur Verfügung gestellt und war zugleich eine sehr wilde, freie Zeit.

Und warum Mitte?

Das Buch geht über Mitte hinaus, das Titelbild ist in Friedrichshain aufgenommen, es taucht auch ein bisschen Prenzlauer Berg auf. Aber Mitte war für uns und die Menschen, die wir für das Buch befragt haben, deren Fotos wir zeigen, der Mittelpunkt. Viele der Protagonisten des Buchs haben damals in Mitte gewohnt, weil das einer der verlassensten Bezirke war. Dort gab es die meisten Freiräume.

Wer war damals dort unterwegs?

Viele junge Menschen aus Ost, West, aus Amerika, Asien, aus aller Welt. Das war das Schöne: Es kamen unter sehr freien Vorzeichen ganz viele Menschen zusammen, um gemeinsam was aufzubauen, etwas auszuprobieren.

Und dann hat man sich in illegalen Klubs und Wohnzimmerbars getroffen.

Vieles war auch durch die Projekte bestimmt. Es gab viele besetzte Häuser, Kunsthäuser, in denen man sich bei Performances getroffen hat, nicht nur in den Bars und Klubs.

Wie hat man eigentlich davon erfahren?

Man kannte sich, wusste immer, wenn jemand etwas machte, wenn etwas passierte. Wir waren wunderbar vernetzt, wundersamerweise ganz ohne Telefone, ohne E-Mails, ohne Faxe. Man konnte Zettel an den Türen hinterlassen, das war ein durchaus üblicher Prozess.

Wo waren Sie am liebsten?

Mein Lieblingsort war der „Eimer“ in der Rosenthaler Straße. Das war ein Kollektiv, in dem ich Mitglied war, ein sehr buntes Projekt. Wir waren vielschichtig, von russischen Bands und englischen Technokünstlern bis zu holländischen Performancegruppen. Der Geist, der da herrschte, hat mir sehr gefallen.

Und das Tacheles?

Das Tacheles war schon immer sehr groß, Hunderte von Leuten waren involviert, dadurch ging es immer kontrovers zu. Aber zugleich war das Tacheles einer der freiesten und wildesten Orte. Im Keller gab es einen Technoklub, oben eine Heavy-Metal-Disco. Ich fand diese vielschichtigen Projekte immer interessanter als die, die nur eine Sache gemacht haben.

Was ist aus dem „Eimer“ geworden?

Der „Eimer“ war bis 2002 besetzt, einer der Letzten, der ohne Vertrag bis zum Schluss durchgehalten hat. Jetzt ist das Haus von beiden Seiten eingebaut, links ist ein Riesenwohnhaus drangewachsen, rechts steht ein Wohnhaus, der Hof ist zugebaut. Im „Eimer“ ist inzwischen ein Restaurant. Ich wüsste gern, ob die eine Ahnung haben, was früher dort los war.

Treffen Sie sich noch mit den anderen „Eimer“-Leuten?

Durch die Arbeit am Buch sind die Kontakte wieder intensiver geworden. Das war einer der erfreulichen Nebeneffekte des Buchs, dass man sich häufiger sieht.

Woher haben Sie die Fotos, die Sie im Buch zeigen?

Es gab einige Bilder im Archiv unserer Fotoagentur. Aber wir haben uns ungelogen durch Zehntausende von Negativen und Positiven gewühlt und versucht, aus der sehr großen Menge etwas zusammenzustellen, was den Klang hatte, den wir wollten.

Welcher Klang ist das?

Wir wollen die Freiheiten zeigen, aber auch, dass es Bedrohungen durch Rechtsradikale gab, Ärger mit der Polizei. Einige mussten nach dem Zusammenbruch der DDR erst mal ihre Identität neu finden. Es war eine wilde Zeit, mit Ausschlägen in alle Richtungen. Das wollten wir abbilden.

Die Bilder von damals und Mitte heute – bekommen Sie das zusammen?

Das Buch schärft natürlich noch mal das Bewusstsein dafür, wie sehr sich die Gegend verändert hat. Ich wohne heute noch in Mitte, deshalb habe ich über die Jahre verfolgt, wie jede Baulücke zugebaut wird, wie jedes Haus inzwischen einmal durchsaniert ist. Aber ich habe die alten Bilder im Kopf, ich weiß bei jedem Foto im Buch, wo das ist, wie es dort heute aussieht – nämlich nicht schön. Alles voller Werbung, Autos, Baustellen.

Wann ging es los, dass sich Mitte so verändert hat? Als im „Obst & Gemüse“ nicht mehr die Hausbesetzerszene saß, sondern die Touristen?

Ich würde die Schuld nicht bei den Touristen suchen. Diese Umbruchphase, die wir im Buch abbilden, hatte ja damit zu tun, dass vieles ungeklärt war, nicht nur die Besitzverhältnisse bei den Immobilien. Die Polizisten im Osten mussten zum Beispiel erst einmal einen Umgang mit den Hausbesetzern finden. Das alles hat ein paar Jahre gedauert. Zugleich hat der Kapitalismus Einzug gehalten, anfangs schleichend, aber ab 1996/97 wurde es immer massiver, dass Projekte wegbrachen, Mieten erhöht wurden, dass geräumt wurde.

Bedauern Sie das?

Ich sehe es eher als Geschenk, dass ich dabei sein konnte. Bedauern ist kein konstruktiver Ansatz. Dennoch finde ich es nicht schön, wenn eine Stadt so kommerzialisiert wird.

Aber trotzdem leben Sie heute noch in Mitte.

Das hat sich so ergeben. Wenn man eine schöne Wohnung und einen guten Mietvertrag hat, behält man das gerne. Aber die Gesamtentwicklung in dem Bezirk gefällt mir nicht.

Könnten Sie sich ein Leben, wie Sie es damals geführt haben, noch vorstellen?

Ich würde einiges anders machen – aber die Freiheit, die wir damals hatten, würde ich noch immer genießen können.

Fühlen Sie sich alt, wenn Sie sehen, wie lange das her ist?

Gerade weil es so eine schöne Zeit war, ist mir vieles noch sehr vertraut. Aber ja, es ist schon ganz schön lange her. Ich sitze hier gerade in Mitte und gucke mich um: Da hat sich verdammt viel verändert seitdem.

Anke Fesel undChris Keller:Berlin Wonderland.Gestalten, 29,90 Euro. berlin-wonderland.de

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