Waisentunnel

Auch im Untergrund teilte die Berliner Mauer Ost und West

Der Waisentunnel unter Berlins Mitte war die einzige Schnittstelle zwischen dem in Ost und West geteilten U-Bahn-Netz. Ein Besuch der Mauer unter der Mauer 53 Jahre nach Beginn des Mauerbaus.

Foto: Daniel Naupold / dpa

Die Grenze unter Berlin ist massiv und schwer. Die Menschen, die oben die Stralauer Straße in Richtung Jannowitzbrücke laufen, ahnen nicht, dass sie gerade die Grenze zwischen West und Ost überschreiten. Sie verläuft drei Meter unter der Erde am Ufer der Spree entlang und ist ein altes Wehrtor im Berliner U-Bahnnetz.

Der Bau des Waisentunnels begann im Jahr 1913 durch die AEG. Ursprünglich sollte er eine Verbindung zwischen Gesundbrunnen und Neukölln werden. Doch dann kam der Erste Weltkrieg, und die Bauarbeiten stockten. Die wirtschaftliche Lage der AEG, die den Tunnel baute, ließen das Projekt schließlich ganz sterben.

Später, im Zweiten Weltkrieg, diente der Rohbau des an dieser Strecke geplanten Bahnhofs Voltairestraße als Luftschutzbunker. Heute wird der Waisentunnel nur für betriebsinterne Fahrten der BVG genutzt. Doch als in Berlin am 13. August 1961 der Bau der Mauer begann, wurde der Waisentunnel zum Grenzgebiet.

Unterirdisches Labyrinth

Die Luft in dem Tunnel unter der Spree ist feucht. Der Schotter knirscht unter den Füßen, das Licht ist schwach. Läuft man durch ihn hindurch, sieht man kaum etwas von der ehemaligen Teilung der Stadt. Nur ein kleiner Raum neben den Schienen, in dem die Posten Wache hielten, und das besagte Wehrtor. Dieses ist eigentlich dazu gedacht, mögliche Wassereinbrüche der Spree in den Griff zu bekommen.

Doch zu Zeiten der deutschen Teilung war genau dieses Wehrtor auf der ostdeutschen Seite heruntergelassen. Die Mauer unter der Mauer. Niemand sollte es schaffen, durch das unterirdische Labyrinth Ostdeutschland zu verlassen und in den Westen zu fliehen. Im Osten verlief das Netz der heutigen U-Bahn-Linie 5 (damals Linie E). Auf der anderen Seite die Linie U8, auf deren Strecke auch Bahnhöfe im Osten lagen, die aber nicht angefahren wurden. Die berühmten Geisterbahnhöfe.

„Der Waisentunnel war die einzige Schnittstelle vom Bahnnetz im Osten und im Westen“, sagt der Experte der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Joachim Gorell. Er kennt jede Stelle im Berliner U-Bahnnetz und beschäftigt sich schon lange mit dessen Geschichte. „Alle Geisterbahnhöfe waren abgedunkelt und von der DDR mit Wachposten besetzt“, sagt er. Sie wurden zu verlassenen Orten und einem Symbol der Trennung. Die Grenzstelle im Waisentunnel galt als unüberwindbar. Zugang zu den unterirdischen Gängen hatten nur wenige Mitarbeiter der Ost-Berliner Verkehrsbetriebe (BVB). Gelungen ist die Flucht nur einem Mitarbeiter der BVB. Der damals 24 Jahre alte Stellwerkarbeiter Dieter Wendt floh mit seiner Familie, indem er das Wehrtor öffnete. 1980 war das. Posten hielten dort mittlerweile keine Wache mehr, da die Stelle als sicher genug galt. Seine gute Ortskenntnis und das Wissen, wie man das Tor anhebt, halfen Dieter Wendt zu fliehen.

Nur für Züge ohne Passagiere

Die Familie ließ er durch einen Notausgang in der Mitte des Tunnels hinein. Gemeinsam hielten sie eine U-Bahn im Westteil der Stadt an und stiegen hinzu. Doch an dieser Stelle war der Weg in die Freiheit noch nicht geschafft. Der Ost-Berliner U-Bahnhof unter der Heinrich-Heine-Straße musste noch überwunden werden. Geduckt saßen Wendt und seine Angehörigen in dem abgedunkelten Zug und durchfuhren den Geisterbahnhof. Dahinter kam der rettende Moritzplatz in West-Berlin. Die Flucht gelang.

Als 1989 die Mauer fiel, wurden auch die unterirdischen Grenzen aufgehoben, die getrennten U-Bahnnetze zusammengeführt und die Geisterbahnhöfe wieder in Betrieb genommen. Im Waisentunnel jedoch gibt es bis heute keinen Personenverkehr. Lediglich Züge ohne Passagiere durchqueren ihn. Die Menschen auf der Stralauer Straße laufen weiter in Richtung Jannowitzbrücke. Sie können sich frei bewegen, sie sehen nichts von der unterirdischen Teilung.