Infotour

Senatorin Kolat erkundet das vietnamesische Berlin

Vietnamesen stellen in Berlin die achtgrößte Migranten-Community. Bei einer Infotour durch die Hauptstadt ist Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) beeindruckt von der gelungenen Integration.

Foto: KRAUTHOEFER / jörg krauthöfer

Die Reise nach Vietnam ist kurz. Nur eine halbe Stunde dauert die Busfahrt vom Kreuzberger Amtssitz der Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) zum Dong Xuan Center in Lichtenberg, wo vietnamesische Händler in großen Hallen Waren und Dienstleistungen anbieten. Bis Marzahn-Hellersdorf, wo sich der Verein Reistrommel für Integration engagiert, ist es etwas weiter.

Die beiden Stationen sind die Höhepunkte einer Infotour der Senatorin durch das vietnamesische Berlin, denn in diesen beiden Bezirken leben die meisten der mehr als 14.000 Berliner mit einem Pass des südostasiatischen Landes. Dazu kommen weitere 7000 eingebürgerte Menschen mit vietnamesischen Wurzeln.

Kolat will bei ihrer Tour mehr über die Situation der achtgrößten Migranten-Community der Stadt erfahren. „Vietnamesische Kinder sind in der Schule sehr erfolgreich, 50 Prozent von ihnen besuchen ein Gymnasium“, sagt Kolat – für sie ein Beleg gelungener Integration. Deutlich werden aber auch die Probleme der Vietnamesen in Berlin, deren schwierige Geschichte Moderatorin Mai-Phuong Kollath, die selbst als Vertragsarbeiterin nach Deutschland kam, umriss: Die erste Generation der hier lebenden Vietnamesen besteht überwiegend aus Ex-Vertragsarbeitern, die zu DDR-Zeiten für festgelegte Zeiträume ins Land geholt wurden, ohne dass eine Integration erwünscht war. Sie mussten sich nach der Wende ein Bleiberecht erstreiten und ihr Schicksal in eigene Hände nehmen.

Schritt in die Selbstständigkeit

Anders sah die Situation der sogenannten „Boat-People“ aus, die um 1980 als Flüchtlinge in die Bundesrepublik kamen. Die häufig getroffene Unterscheidung zwischen Nord- und Süd-Vietnamesen, zwischen Ost- und West-Vietnamesen hält Nguyen Viet Duc, Vizevorsitzender der Vereinigung der Vietnamesen in Berlin und Brandenburg, für überholt.

Im Vordergrund stehen für ihn die gemeinsamen Interessen: Politisch sei man längst integriert, doch die gesellschaftliche Realität sei eine andere. Sein eigenes Schicksal – früher arbeitete der Ingenieur in der Glasindustrie, heute betreibt er zwei Fast-Food-Restaurants mit zwölf Mitarbeitern – sieht er dabei als „keineswegs typisch“ an. Er habe auch Glück gehabt.

Dennoch: Für viele Vietnamesen ist der Schritt in die Selbstständigkeit die beste und oft einzige Möglichkeit, auf dem Arbeitsmarkt anzukommen, wie Zahlen belegen. Rund 1000 Unternehmen in Berlin haben einen vietnamesischen Hintergrund, sagt Pham Ngoc Ky, Chef des Vereins vietnamesischer Unternehmen in Deutschland. Gut die Hälfte sind im Handel aktiv, dahinter folgen Gastgewerbe und Dienstleister. Kys Verein unterstützt die Jungunternehmer mit viel Beratung und Know-how, denn fast alle sind Quereinsteiger.

Zahl der alleinerziehenden Vietnamesinnen wächst

Tamara Hentschel ist als Geschäftsführerin des Vereins Reistrommel in der Community eine kleine Legende. Mitten in Marzahn kümmert sie sich mit ihren Mitstreiterinnen um soziale Probleme. Befragungen ihres Vereins zeigen, dass die „öffentliche Wahrnehmung nicht mit der tatsächlichen Situation der Zielgruppe übereinstimmt.“ So etwa wächst die Zahl der alleinerziehenden Vietnamesinnen; viele der Migranten haben nur begrenzte Deutschkenntnisse. Die schwierige Situation der befragten 100 Vietnamesen zeigt sich auch darin, dass 65 Prozent angaben, sie bezögen Transferleistungen.

Für Kolat sind solche Probleme das Erbe „einer verfehlten Integrationspolitik“. Es sei aber beeindruckend, wie aktiv die Community die Situation in die eigene Hand nehme. Mit den vietnamesischen Unternehmern hat sie ein weiteres Treffen verabredet: Im Fokus soll das Thema Ausbildung stehen.