Öffentlicher Dienst

Berlins Behörden - Jeder Vierte geht bis 2020 in Pension

Im öffentlichen Dienst droht eine Verschärfung des Personalproblems: Fast 19.000 Mitabeiter sind mindestens 60 Jahre alt. Der Senat will jetzt ein Konzept vorlegen. Opposition und IHK üben Kritik.

Foto: Massimo Rodari

Der öffentliche Dienst Berlins steht vor einem gewaltigen Personalproblem. Bis zum Jahr 2020 wird jeder vierte Mitarbeiter in den Ruhestand gehen, einige Behördenabteilungen werden bis dahin sogar die Hälfte ihrer Mitarbeiter verlieren. Das geht aus einem Bericht der Senatsfinanzverwaltung für den Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses hervor, der der Berliner Morgenpost vorliegt.

Demnach waren im Januar dieses Jahres 111.512 Beamte und Angestellte in den Senats- und Bezirksverwaltungen tätig. Das entspricht 104.359 Vollzeitstellen. Knapp 90.000 Beschäftigte arbeiten in den Senatsverwaltungen, gut 22.000 in den Bezirksämtern. Nur 4850 Mitarbeiter sind jünger als 30 Jahre. Knapp 42.000 gehören zur Altersgruppe der 50- bis 60-Jährigen, fast 19.000 sind mindestens 60 Jahre alt. Das Durchschnittsalter liegt, unverändert seit 2012, bei 49,3 Jahren. Die Gruppe der über 60-Jährigen ist in den vergangenen sieben Jahren um mehr als 60 Prozent gewachsen.

Auf dieser Datenbasis kann die Finanzverwaltung eine präzise Prognose abgeben, wie viele Beamte und Angestellte in diesem und den folgenden sechs Jahren altersbedingt ausscheiden. Überproportional betroffene Abteilungen finden sich in allen Senatsverwaltungen. Zum Beispiel verliert Innen- und Sportsenator Frank Henkel (CDU) in der Sportverwaltung und in Teilen des Landesverwaltungsamtes bis 2020 jeweils rund die Hälfte seiner Mitarbeiter. Bei Senatorin Dilek Kolat (SPD) verabschieden sich in der Abteilung „Arbeit und berufliche Bildung“ in diesem Zeitraum 37,7 Prozent der Mitarbeiter in den Ruhestand, in der Abteilung „Frauen und Gleichstellung“ sogar 46,9 Prozent.

Das Abgeordnetenhaus hatte den Senat angesichts dieser Misere bereits im vergangenen Jahr aufgefordert, bis zum 30. Juni 2014 ein Konzept zum Personalbedarf und zur Personalentwicklung im öffentlichen Dienst vorzulegen. Federführend ist dabei die von Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) geführte Finanzverwaltung. Das Konzept sei in Arbeit, bestätigte Verwaltungssprecher Jens Metzger, es befinde sich derzeit in der senatsinternen Abstimmung. Metzger äußerte sich nicht dazu, wann das Konzept im Senat beschlossen und dem Landesparlament als Bericht vorgelegt wird. Experten gehen davon aus, dass dies noch in diesem Jahr geschieht.

Kritik von Opposition und IHK

Abgeordnete der Opposition kritisierten den Senat für sein zögerliches Verhalten bei der Personalplanung. Ramona Pop, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Abgeordnetenhaus, sieht schwarz für Berlins öffentlichen Dienst. „Das Aufrechterhalten einer funktionierenden Verwaltung ist ernsthaft in Gefahr“, warnt sie. „Wir benötigen ein umfassendes Personalentwicklungskonzept, aber der Senat hat es nicht.“ Anlass ihrer Kritik ist die Nachricht, dass bis 2020 jeder vierte Beamte oder Angestellte in Berlins Verwaltung in den Ruhestand geht.

Die Grünen-Politikerin steht mit ihrer Kritik nicht allein, auch die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) sorgt sich um die Verwaltung der Stadt: Überalterung, hoher Krankenstand und zunehmender Fachkräftemangel würden die Zukunftsfähigkeit des öffentlichen Dienstes gefährden. Die Personalplanung und das Management der öffentlich Beschäftigten in Berlin sollten Chefsache werden, fordern IHK und Personalberatungsunternehmen wie zum Beispiel Kienbaum. „Dass ein Arbeitgeber mit 100.000 Beschäftigten keinen zentralen Personalchef hat, wäre in der Wirtschaft undenkbar“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder.

Vorbild Landesunternehmen

Die Kammer hatte bereits Ende des vergangenen Jahres einen Handlungsleitfaden für ein effizientes Personalmanagement im öffentlichen Dienst Berlins vorgelegt. Das Papier nennt fünf vordringliche Handlungsfelder: die richtige Einschätzung des Personalbedarfs, die Erhöhung der Gesundheitsquote, die Herstellung generationsübergreifenden Wissenstransfers, die Intensivierung der Personalentwicklung und die Erhöhung der Attraktivität des Arbeitgebers Verwaltung.

Generell müssten Verwaltungsverfahren stärker zentral koordiniert werden, das sorge für einen effizienteren Personaleinsatz, sagt die IHK. Sie erkennt dabei durchaus gute Ansätze an einigen Stellen der Verwaltung oder in landeseigenen Unternehmen. Es müsse geprüft werden, ob und wie diese Modellcharakter für den gesamten öffentlichen Dienst haben könnten.

Der Senat will noch in diesem Jahr das von Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) zusammengestellte Konzept zur Personalentwicklung beschließen. Ramona Pop argwöhnt derweil, die Landesregierung messe dem Thema immer noch zu wenig Gewicht bei. Sie fordert vor allem, bei der Rekrutierung von Fachkräften nicht nur auf die verwaltungsinterne Ausbildung zu setzen. „Damit allein sind die Lücken gar nicht mehr zu füllen.“ Vor fünf Jahren hätte man über diesen Weg noch mehr erreichen könne, aber das habe der Senat versäumt. „Der Personalmangel folgt nicht einer linearen Entwicklung, die Probleme potenzieren sich“, sagt sie. Bald würden „auf allen Ebenen“ Fachkräfte fehlen, wenn diese nicht aus Bereichen außerhalb des öffentlichen Dienstes eingestellt werden.

Bezirksämter noch stärker betroffen

Die Senatsbildungsverwaltung forciert bereits die Einstellung von sogenannten „Quereinsteigern“: Weil viele Stellen nicht mehr mit ausgebildeten Lehrern besetzt werden können, erklärte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) die meisten Unterrichtsfächer zu Mangelfächern. Dies ermöglicht, auch Menschen an Schulen einzustellen, die zwar fachlich qualifiziert, aber nicht von Hause aus Pädagogen sind.

Der drohende Personalmangel auf Grund der demografischen Entwicklung im öffentlichen Dienst trifft die Bezirksämter noch stärker als die Senatsverwaltungen. In den Bezirken gehen bis zum Jahr 2020 fast 29 Prozent aller Mitarbeiter in den Ruhestand. In Charlottenburg-Wilmersdorf sind es 30,7 Prozent, in Marzahn-Hellersdorf sogar 34 Prozent. Der östliche Bezirk verliert also innerhalb der nächsten sechs Jahre jeden dritten Beschäftigten. 411 der 1704 Mitarbeiter dort sind mindestens 60 Jahre alt.