Berlin ist eine Insel

Sechs Kilometer hin und her - die Strausberger Eisenbahn

In Strausberg bei Berlin ist die Eisenbahn ein Inselbetrieb – sie ist vom überregionalen Eisenbahnnetz getrennt. Zu DDR-Zeiten stand sie vor dem Aus, heute fährt hier eine hochmoderne Flexity-Tram.

Foto: Christian Kielmann

Der Vorschlag von Dietrich Gohlke lautete: Treffpunkt am Bahnhof Vorstadt. Dort steht er nun, ein schlaksiger 74-Jähriger mit sanften Gesichtszügen und einer Aktentasche unter dem Arm. Zugegeben, es war nicht gleich klar, was Gohlke mit „Vorstadt“ meinte. Denn den Namen gibt es nicht mehr, nicht offiziell. Heute heißt es Haltestelle S-Bahnhof, denn nur ein paar Meter entfernt verkehrt die S-Bahn. Doch hier ist auch der südlichste Zipfel dieser Insel nordöstlich von Berlin. Hier fährt die Strausberger Eisenbahn.

Für Gohlke heißt die Station, von der aus die Reise losgeht, immer noch Bahnhof Vorstadt. „Das war bis in die 50er-Jahre hinein noch so“, sagt er und holt zum Beweis einen alten Streckenplan aus der Tasche. Gohlke ist das Gedächtnis dieser Linie, deren Zug in diesem Moment einfährt. Der ehemalige Elektrotechniker hat an einem Fachbuch mitgearbeitet. Er kennt jede Schwelle, jede Biegung und natürlich auch den Fahrzeugführer, den er per Handschlag begrüßt.

Die Tür schließt sich. Die Straßenbahn rollt mit einem zarten Summen an und taucht in den Wald ein. Der dichte Bewuchs lässt kaum einen Lichtstrahl hindurch. Es hat etwas Märchenhaftes. Nur ein Gleis führt auf der sechs Kilometer langen Linie 89 bis zur Endhaltestelle Lustgarten. Früher gab es noch eine Anbindung an das überregionale Eisenbahnnetz, aber: „Vor zehn Jahren hat die Deutsche Bahn den Güterverkehr auf der Strausberger Eisenbahn aufgegeben und den Gleisanschluss gekündigt“, erklärt Gohlke. Seitdem ist die Strausberger Eisenbahn ein sogenannter Inselbetrieb, der vom übrigen Netz getrennt ist.

Inselbetriebe sind selten in Deutschland, aber es passt zu dieser Linie, die den Süden Strausbergs mit dem Norden verbindet. Sie hat turbulente Zeiten erlebt. Ihre Geschichte ist eng verbunden mit dem Bau der Ostbahn Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Verbindung zwischen Berlin und dem preußischen Königsberg war besonders vom Militär gewollt, denn sie bot die Möglichkeit rascher Truppenverlegungen im Falle eines Krieges mit Russland. Auch Strausberg war interessiert, denn das wachsende Tuch- und Schuhmachergewerbe benötigte bessere Transportwege.

Nach einigen Unterbrechungen wurde die Ostbahn am 1. Oktober 1866 fertiggestellt. Bis zur Eröffnung der Strausberger Eisenbahn, damals noch Strausberger Kleinbahn genannt, mussten sich die Einwohner gedulden. Erst im August 1893 konnte die neu gegründete „Strausberger Eisenbahn AG“ die Korken knallen lassen. Zur Ostbahn bestand ein Übergangsgleis für den Güterverkehr, im Personenverkehr fuhren die Dampfloks im ersten Jahr ohne Halt zwischen Strausberg Vorstadt und Strausberg Stadt. Elf Fahrten pro Tag, Fahrzeit 18 Minuten. Im Geschäftsjahr 1894 wurden die Haltestellen Landhaus, Schlagmühle und Hegermühle eingerichtet.

Betrieb auf nur einem Gleis

„Nächster Halt, Landhausstraße!“ Dietrich Gohlke steigt aus und betritt das Wartehäuschen. Ein spartanischer Bau im Fachwerkstil. Drinnen ist es leer, nicht mal eine Wartebank gibt es. Der heutige Betreiber, die Strausberger Eisenbahn GmbH, wollte diesen historischen Ort so detailgetreu erhalten wie möglich, sagt Gohlke. „Außerdem leiden die Bänke doch immer unter Vandalismus.“ An der Wand der Wartehalle hängen alte Dokumente und Fotos. Menschen mit lustigen Hüten sitzen im Zug und winken in die Kamera. Bis 1920 konnte die Strausberger Kleinbahn die Zahl der beförderten Personen auf 900.000 fast verzehnfachen. Folge der wachsenden Zahl der Berliner, die an freien Tagen „in’t Jrüne“ Brandenburgs flüchten wollten. „Viele Mühlen in Strausberg wurden damals zu Kneipen und Gaststätten umfunktioniert“, sagt Gohlke. Die Eisenbahn bot ganz neue Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.

Doch mit Ende des Ersten Weltkriegs waren die Kohlen knapp geworden. Zwar konnten bei der Eisenbahndirektion leihweise 20 Tonnen des Brennstoffs beschafft werden, allerdings war mit regelmäßigen Lieferungen nicht mehr zu rechnen. Im Juni 1919 stimmten die Strausberger Stadtverordneten in einer geheimen Sitzung dem Bau einer elektrischen Straßenbahn zu: modern und ohne Kohle. Nur mit den hohen Kosten für die neuen Triebwagen hatte wohl keiner gerechnet. Als sich herausstellte, dass diese rund 110.000 Reichsmark pro Stück kosten sollten, war der Schrecken groß. Man einigte sich auf die Beschaffung einer kleineren Flotte.

Am 21. März 1921 wurde die neue Trasse für die „Elektrische“ eröffnet. Sie zweigte am Bahnhof Hegermühle von der ursprünglichen Strecke Richtung Bahnhof Strausberg Stadt ab und endete – damals wie heute – am Lustgarten. Allerdings hatten die Verantwortlichen von nun an mit einem Problem zu kämpfen, von dem die S-Bahn auch heute noch ein Lied singen kann: gestohlene Kupferkabel. Doch der Fortschritt war nicht mehr zu stoppen, bis 1926 wurde die Innenstadtstrecke zweimal in nördlicher Richtung verlängert.

Der Himmel hat sich zugezogen, Regentropfen prasseln gegen die Scheiben. Ein junger Familienvater ist sich nicht sicher, ob er das richtige Ticket gelöst hat. Er klopft kurzerhand an der Tür des Führerstands und fragt nach – der Fahrer gibt gern Auskunft. Das gehört dazu. An der Station Hegermühle bringt er das Fahrzeug zum Halten. Hier ist die einzige Weiche, also der einzige Punkt der Strecke, an dem die entgegenkommenden Fahrzeuge einander passieren können. „Ist einer zu spät, muss der andere schon mal warten“, sagt Gohlke.

Hier trifft Vergangenheit auf Gegenwart. Denn die Linie wird heute mit zwei unterschiedlichen Fahrzeugtypen bedient. Zum einen mit der modernen, niederflurigen Flexity-Tram von Bombardier in Gelb, wie sie auch in Berlin fährt. Auf der anderen Seite ein rot-blau-weißes Tatra-Modell KT8D5 aus Tschechien. Die Tatra-Wagen aus den 90er-Jahren sind wirklich sehr altmodisch. Ein grüner Knopf verkündet „Tür auf“, ein gelber „Tür zu“. Während der Fahrt ruckelt es gewaltig. Durch das Fenster sind die wehenden Flaggen eines McDonald’s zu sehen. Sie wirken, als gehörten sie hier nicht hin.

Ab Juli 1939 auch Schaffnerinnen

Es geht weiter Richtung Norden. Der Zug passiert eine Wohnsiedlung, dann ein paar Lagerhallen. Unter den Nationalsozialisten wurden Industrie und Gewerbe an dem ehemaligen Gütergleis ausgebaut. Es gab eine Schuhfabrik, ein Flugzeugreparaturwerk und eine Munitionsfabrik, die sich als „Walzwerk“ tarnte. Später kam noch ein Militärflughafen dazu. Während die westliche Trasse dem Personenverkehr diente, wurde die östliche für den Güterverkehr genutzt. Die Militär- und Rüstungsbetriebe banden rund 11.000 Menschen in Strausberg, was die Fahrgastzahlen steil ansteigen ließ. Es war eine Zeit, in der die Frauen in den Betrieb drängten. Schon vor Kriegsbeginn hatte es wegen der zahlreichen Einberufungen Personalengpässe gegeben. Ab Juli 1939 wurden mehrere Schaffnerinnen eingestellt, dazu „lieh“ sich die Strausberger Eisenbahn acht sowjetische Kriegsgefangene von der Reichsbahn. Trotzdem war das Militär nicht zufrieden, der örtliche Fliegerhorstkommandeur reichte Beschwerde ein. Das Chaos setzte sich dennoch fort. Der Fahrplan konnte kaum noch eingehalten werden, am 6. April wurde die Stromlieferung eingestellt. Die Rote Armee besetzte Strausberg am 21. April 1945. Erst im September wurde der Personenverkehr wieder aufgenommen.

Endstation Lustgarten. Eine Gruppe Schüler flutet den Wagen, die Jugendlichen schnattern und lachen. Gohlke führt in das Depot hinter der Geschäftsstelle. Ein Mechaniker wartet eine Flexity-Tram, daneben steht Gesa Reschke, Sprecherin der Strausberger Eisenbahn GmbH. Sie hat viele Zahlen parat. „Wir befördern jährlich rund eine Million Fahrgäste“, sagt sie, die Ausfallquote der Züge liege bei nur 0,03 Prozent – deutlich besser als die Berliner S-Bahn.

Tatsächlich ist es bemerkenswert, dass die Strausberger Eisenbahn allen Widerständen trotzen konnte. Zu DDR-Zeiten stand sie vor dem Aus, der Personenverkehr sollte mit Omnibussen bewältigt werden. Steigende Benzinpreise verhinderten das in letzter Minute. Auch nach dem Fall der Mauer blieb der Kampf hart, veränderte Pendlerströme und die zunehmende private Motorisierung ließen die Fahrgastzahlen sinken. Anfang 1991 wurde wieder einmal die Einstellung des Betriebs angekündigt – bis das Land Brandenburg letztlich die Ausgleichszahlungen in Höhe von einer Million D-Mark freigab. Teile der Strecke konnten zudem saniert werden. 2006 wurde sie zurückgebaut, nach dem Ausstieg der Deutschen Bahn wurde das Gütergleis nicht mehr benötigt, die Karriere als Insel begann. Heute gehört die Strausberger Eisenbahn zum Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) und ihr Überleben ist zumindest mittelfristig gesichert: Der aktuelle Verkehrsleistungsfinanzierungsvertrag mit dem Landkreis Märkisch-Oderland und der gesicherten Unterstützung der Stadt Strausberg läuft bis 2024.

Auf einer Freifläche hinter dem Depot stehen zwei alte Wagen vom Typ TZ69, Baujahr 1969. Echte Oldtimer, die an Jubiläumstagen flottgemacht werden. Chaoten haben sie mit Graffiti beschmiert. „Das werden wir auf jeden Fall wieder reinigen lassen“, sagt Reschke. Ihre bemerkenswerte Geschichte lassen sie sich bei der Strausberger Eisenbahn nicht verschmutzen.

Foto: privat