Berlin ist eine Insel

Tropical Islands - Eine Luftschiffhalle wird zum Bali der Berliner

60 Kilometer südlich von Berlin liegt Tropical Islands. Für viele ist die Badelandschaft in Brandenburg eine Alternative zur Fernreise. Wir haben die Tropen unterm Kuppeldach besucht.

Foto: Amin Akhtar (4) / Amin Akhtar

Meik und Jessica hätten an diesem Tag eigentlich in Ägypten am Strand liegen wollen. Stattdessen sitzen sie jetzt in Brandenburg. „Da ist ja zu viel Stress da unten“, sagt Meik, „also machen wir hier Ersatzurlaub.“ Mit hier meint er Tropical Islands, 50 Kilometer südlich der Berliner Stadtgrenze. „Ist doch genauso schön hier“, sagt er, während er sich an der Saunabar einen Cocktail genehmigt. Zwei Tage gönnt sich das Paar aus Prenzlau in „Europas größter tropischer Urlaubswelt“, wie sich die Freizeit- und Ferienanlage selbst tituliert. Klar, das ist kürzer als der ursprünglich geplante Urlaub, aber sie sind ohne ihre drei Kinder gekommen – da fühlen sich die zwei Tage gleich viel länger an.

Die meisten der etwa 3000 Gäste, die täglich Tropical Islands besuchen, kommen allerdings mit Kindern. „Das ist hier in erster Linie eine Familienanlage“, betont Pressesprecher Patrick Kastner. Allerdings ist es ein Ausflug, der oft längerfristig geplant wird, denn für einen Eintrittspreis von 42 Euro für Erwachsene und 28,50 für Kinder – Bade- und Saunalandschaft zusammen – darf ruhig schon ein bisschen Vorfreude dabei sein.

Die 66.000 Quadratmeter große Halle bietet diverse Bademöglichkeiten, warmes Wasser, sauberen Sand, einen großen Vergnügungspark, vier Rutschen und einen großen Saunabereich. Um 19 Uhr wird zur Abendshow eingeladen, und fast rund um die Uhr sind die Restaurants in den teils originalgetreu nachgebauten Tropenhäusern geöffnet. Zwischen all dem liegen Zeltplätze und Häuser mit Zimmern verschiedener Preisklassen.

Kamen nach der Eröffnung vor fast zehn Jahren noch überwiegend Tagesgäste, bietet die Anlage heute in der Halle etwa 1000 Betten und draußen sind noch einmal ein paar Hundert. Kastner verwundert es nicht, dass immer mehr Gäste Urlaub im Tropical Islands buchen: „Hier haben Sie das Best of Tropen, nur ohne Mücken, Quallen und lange Anfahrt.“ Also so etwas wie All-inclusive-Urlaub gleich vor der Haustür. „Tropical Islands entwickelt sich immer mehr zu einer internationalen Destination“, führt der Pressesprecher weiter aus – und ein Blick auf den Parkplatz vor der Tür scheint ihm Recht zu geben. Aus Polen, Tschechien, Dänemark, Schweden kommen die Besucher, und deutsche Autokennzeichen gibt es von überall.

Auf 15 bis 20 Prozent der insgesamt eine Million Gäste im Jahr schätzt Kastner den Anteil der Berliner. Und selbst die würden immer häufiger eine Übernachtung buchen. Gerade jetzt in den Sommerferien ist ein Besuch im Tropical Islands für viele sogar eine Alternative zur Fernreise oder einfach ein kleiner Ausstieg aus dem Alltag. Wie bei Christina und Dieter, die gerade mit ihren Enkeln Johanna und Lasse einchecken. Sie haben ein Zelt gebucht und der achtjährige Lasse verrät: „Der Ausflug ist eine Überraschung für uns für unsere Zeugnisse, das haben wir uns gewünscht.“

Konstant 26 Grad

Oft sind es die Kinder, die ihre Eltern hierherlotsen. So auch bei Familie Kmoch aus Dresden. Die Nachbarn waren schon da, nun wollte auch der fünfjährige Sohn Erik. In der Frühe sind sie mit Kindern und Plantschutensilien losgefahren und wollen den ganzen Tag hier verbringen. Los geht es mit dem Regenwald. Es sei der größte Indoor-Regenwald der Welt, erklärt Kastner. Überhaupt wirft er mit Superlativen nur so um sich: höchster Wasserrutschenturm Deutschlands, größtes Bali-Tor außerhalb Balis, größte tropische Saunalandschaft.

Das ganze Gebäude ist ein Superlativ und seine Geschichte auch. Ursprünglich sollten in der größten freitragenden Halle der Welt Luftschiffe für Schwerlasttransporte gebaut werden. Doch nach nur sechs Jahren musste die Cargolifter AG 2002 Insolvenz anmelden. 2003 kaufte der malaysische Konzern Tanjong die Halle und eröffnete dort im Dezember 2004 Tropical Islands. Anfangs blieben die Besucherzahlen hinter den Erwartungen zurück, doch besonders durch das Aufstocken der Übernachtungsmöglichkeiten hätten sie nun immer größeren Zulauf, versichert Kastner. Seit einigen Jahren würde das Unternehmen schwarze Zahlen schreiben. Wie hoch der Umsatz ist, verrät er nicht, und auch nicht, wie hoch die Energiekosten sind, um die Temperatur in der fünf Millionen Kubikmeter großen Halle Sommer wie Winter auf 26 Grad zu halten.

Es gibt so ziemlich alles im Tropical Islands – nur bislang noch keine Diskothek. „Die Atmosphäre soll eher chillig sein“, erklärt Kastner. Abends, wenn die vielen Tagesgäste gehen, wenn die Abendshow vorbei ist und nur noch die kleinen Lichter zwischen den Palmen und Farnen leuchten, dann sei es hier für seinen Geschmack am schönsten. So richtig ruhig wird es hier zwar nie, denn die ganze Nacht über kann gebadet werden, aber in mancher Gasse gibt es vielleicht doch die Chance, einem Tropentier zu begegnen. Silberfasane, Flamingos, Zebrafinken, chinesische Zwergwachteln, Pfauen und sogar ein Leguan leben hier.

Einem der drei Pfauen kann man auch schon mal am Tag begegnen. Gerade hat er sich auf dem Weg postiert und seine leuchtend blauen Federn zum Rad ausgebreitet. Es ist Balzzeit und das Tier versucht, einen Hydranten am Wegesrand auf sich aufmerksam zu machen. Natürlich ohne Erfolg, aber die flanierenden Besucher sind begeistert und versuchen, ein Selfie mit Pfau zu machen. Auch Sina aus Hannover hat ihr Smartphone schon in der Hand. Eine Nacht in der „Hafenstadt“ liegt bereits hinter ihr, es war ein Geburtstagsgeschenk für ihren Freund Pascal.

Fotomotive finden allerdings nicht nur Badegäste hier. Auch Filmteams und Fotografen kommen zum Shooting hierher. Der Berliner Vampir-Thriller „Wir sind die Nacht“ mit Nina Hoss und Karoline Herfurth wurde hier gedreht, „die Bissszene fand in der Bali-Lagune statt“, weiß Kastner. Auch Szenen des RTL-Katastrophenfilms „Helden – Wenn dein Land dich braucht“ wurden hier gefilmt. Sogar Tom Cruise war schon mal da. Allerdings nur am Rande seiner Dreharbeiten für „Valkyrie“. Jeden Morgen sei er mit seinem Hubschrauber auf dem Weg zum Wolfsschanze-Drehort im brandenburgischen Wald über die Halle geflogen und habe sich gefragt, was da wohl drin sei. „Eines Tages hat er dann einfach seinen Hubi auf dem Parkplatz landen lassen und stand am Check-in“, erzählt Kastner.

Südsee authentisch überfüllt

Und noch eine Geschichte weiß der Pressesprecher stolz zu erzählen: 2010 wollte ein Playboy-Team zum Casting nach Mallorca fliegen. Aber kurz vor dem Abflug wurde dann angesichts des Dauerregens auf der Baleareninsel beschlossen, das Shooting stattdessen ins Tropical Islands zu verlegen. Dauerregen in südlichen Gefilden macht sich in der brandenburgischen Halle schon an den Besucherzahlen bemerkbar.

Auch als fast der gesamte Flugverkehr nach dem Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull im März und April 2010 zum Erliegen kam, wurden die Schlangen vor dem Tropical Islands merklich länger. Aber nein, Regenwetter wünscht sich Kastner deshalb natürlich nicht. „Die Gäste kommen auch bei Sonnenschein“ sagt er und zeigt nach oben auf das 107 Meter hohe Kuppeldach, durch das ein strahlend blauer Himmel scheint. Und dann geht sein Blick runter auf die „Südsee“, dem größten Schwimmbecken im Tropical Islands. Hier dürfte es an diesem Ferientag in etwa so voll sein wie an einem von Pauschaltouristen besuchten Strand in der echten Südsee.

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