Berlin ist eine Insel

Scharfenberg - Die Insel der kleinen Forscher

Wenn die Internatsschüler auf Scharfenberg Sommerferien haben, wird trotzdem weitergelernt. 60 Kinder kommen dann zum Camp für Hochbegabte auf die Insel im Tegeler See - Teil 16 unserer Insel-Serie.

Foto: Amin Akhtar

Vielleicht haben die Internatsschüler auf Scharfenberg ein bisschen vor sich hin geschimpft, als sie vor Ferienbeginn ihre Zimmer ausräumen mussten. Und sich gefragt: In den Ferien freiwillig zur Schule gehen? Jeden Tag viereinhalb Stunden Unterricht? Wer macht denn so was?

Clara zum Beispiel macht so was, die 13-Jährige mit dem bauchfreien T-Shirt und dem breiten Lidstrich über den Wimpern. Daniel, 13, der nach der Schule zum Boxen geht und auf Scharfenberg immer den Frühsport verschläft. Oder Annalena, 13, die so gern schwimmt und vom Beachvolleyball am Wochenende schwärmt.

Sie alle sind freiwillig hier, sie haben sich sogar darum beworben, eine Woche ihrer Sommerferien auf Scharfenberg zu verbringen. Zehn Tage lang diskutiert Clara mit den anderen elf Schülern in ihrer Gruppe über das Thema „Wege für eine nachhaltige Zukunft“. Daniel beschäftigt sich im Kurs „Digitales Messen“ mit Sensoren und Mikrocontrollern, Annalena bei „Wie fahren wir morgen?“ mit Batterien, Elektromotoren und Solarzellen.

Unterrichtsfach Modellbau

Clara, Daniel und Annalena gehören zu den 60 Schülern, die am Sommercamp für hochbegabte Siebt- bis Neuntklässler auf der Insel teilnehmen. Eine Woche lang leben sie in den Zimmern der Jugendlichen, die während des Schuljahrs das Internat auf Scharfenberg besuchen, und sitzen in den Klassenzimmern, in denen von Mitte August an wieder die 500 Schüler der Schulfarm Insel Scharfenberg Mathe, Chemie oder Spanisch lernen.

Seit 1921 ist Scharfenberg im Tegeler See eine Insel der Lernenden. Damals wurde die Untersekunda des nahegelegenen Humboldt-Gymnasiums einige Wochen lang auf Scharfenberg unterrichtet. Der Lehrer Wilhelm Blume, der den Sommer mit den Schülern auf der Insel verbracht hatte, war offenbar so begeistert, dass er das Experiment wiederholen wollte, die Schule aber war dagegen. Blume gründete einfach eine neue Schule, dazu kam 1923 die Schulfarm, in der die Kinder neben dem Unterricht in der Landwirtschaft arbeiteten. Schule und Schulfarm auf der Insel gibt es noch immer. Das Gymnasium, das neben Internats- auch Tagesschüler unterrichtet, steht bis heute in der Tradition des Reformpädagogen und Gründers Wilhelm Blume. Weil neben dem klassischen Schulstoff auch praktische Fähigkeiten vermittelt werden sollen, gehören etwa Gartenbau und Landwirtschaft zum Unterricht.

Die Sommerschüler dagegen haben mit Garten und Tieren nur dann etwas zu tun, wenn ihnen die Ziegen begegnen oder sie auf dem Weg zu den Internatshäusern an den Pferden vorbeikommen. Aber die praktischen Fähigkeiten sollen bei ihnen auch nicht verkümmern: Deshalb hat Lehrer Florian Wiedemann für sie solarbetriebene Modellfahrzeuge gekauft, die sie allein zusammenbauen sollten. Sie haben Löcher gebohrt und gelötet, „hat alles super geklappt“, lobt Florian Wiedmann und erzählt, dass einige sogar alles noch einmal auseinander genommen haben, um die Löcher für die Aufhängung der Reifen zu vergrößern, damit sich diese leichter drehen.

„Wie fahren wir morgen?“, heißt der Kurs, in dem Annalena und zehn weitere Schüler Alternativen zum benzinbetriebenen Verbrennungsmotor suchen. Sie haben zuvor schon Teichschlamm und Essensreste in eine Flasche gefüllt und einen Ballon darüber gestülpt. Das Biogas, das in der Flasche entsteht, hat begonnen, die Ballons aufzublasen – und könnte in größeren Mengen als Treibstoff dienen. Aus Büroklammern, Kupferdraht, einem Magneten und einer Batterie haben sie ein Modell gebaut, an dem sie erkennen können, wie ein Elektromotor funktioniert.

Hier gilt keiner als Streber

Wenn die beiden Kursleiter den Teilnehmern die Projekte und Aufgaben vorstellen, können sie viel Wissen voraussetzen. Chemie und Physik gehören zu den Lieblingsfächern der Schüler, außerdem begreifen sie ohnehin ein bisschen schneller als Gleichaltrige: Die 11- bis 14-Jährigen besuchen entweder eine Schnelllernerklasse an einem Gymnasium oder Begabtengruppen am Nachmittag, haben eine Empfehlung eines Hochbegabtenvereins, eines schulpsychologischen Beratungszentrums oder der Schule. Sonst hätten sie sich gar nicht bewerben können, erklärt Christopher Göbel, der gemeinsam mit Ulrike Krumrey die Junior-Akademie „Humboldt auf Scharfenberg“ leitet. Eine Hochbegabung sei Voraussetzung, um acht Tage lang mithalten zu können: „Die Ansprüche sind hoch.“ Die Schüler müssten „Denkbereitschaft“ mitbringen, sagt auch Ulrike Krumrey: „Die meisten sind wirklich sehr konzentriert, wie kleine Wissenschaftler. Und sie sind motiviert: Morgens um 9 Uhr geht es los – aber die ersten stehen schon um 8.30 Uhr vor der Tür und wollen rein.“

Für viele von ihnen ist das Camp die Gelegenheit, zehn Tage lang ihren Interessen nachgehen zu können, die in der Schule sonst zu kurz kommen. Unter Gleichaltrigen werde es häufig argwöhnisch betrachtet, wenn man sich für Physik interessiert, hat Christopher Göbel festgestellt. „Hier sind Menschen, die genau so ticken.“ Die Schüler finden Gleichgesinnte, die nicht gleich „Streber“ denken, wenn jemand am Computer lieber programmiert als mit Schwertkämpfern gegen Riesen anzutreten. Anton, 14, der in seiner Schullaufbahn schon zwei Klassen übersprungen hat und von seinen Lehrern immer noch mit Extra-Aufgaben versorgt werden muss, weil er den regulären Unterrichtsstoff längst verstanden hat, formuliert es so: „Hier kann man sich auf anderem Niveau unterhalten.“

Das verbindet. Vielleicht deshalb tragen sie fast alle das T-Shirt, das sie am ersten Tag bekommen haben: „Humboldt auf Scharfenberg 2014“ steht darauf. „Konkurrenzdenken, Ellbogen – das ist hier nicht so verbreitet“, hat Ulrike Krumrey festgestellt. Ganz im Gegenteil: Die Schüler würden die Zusammenarbeit mit den anderen Kursmitgliedern genießen, „weil dort wirklich alle etwas machen. In der Schule erleben sie es ja gerade bei der Gruppenarbeit oft, dass sie die ganze Arbeit machen und die anderen gar nichts tun“.

Humboldt im Fernsehen

Hier dagegen arbeiten alle mit, in den Kursen und auch bei den KüAs, den „kursübergreifenden Angeboten“, die die Zeit zwischen den Unterrichtseinheiten füllen. Clara, Daniel und Anton gehören zur Akademie-TV-Gruppe, die eigene Beiträge über die Insel dreht. „Wir bekommen hin und wieder Tipps, aber sonst machen wir alles selbst“, sagt Anton. In den KüAs sollen sich die Teilnehmer der verschiedenen Kurse kennenlernen. Denn bei „Humboldt auf Scharfenberg“ geht es nicht nur ums Lernen und Diskutieren, sondern „auch um das Soziale“, sagt Christopher Göbel. „Die Freundschaften nehmen sie in den Alltag mit, das ist mindestens ebenso wichtig wie das Fachliche.“

Morgens, mittags, abends dürfen die Teilnehmer schwimmen gehen, beim freiwilligen Sport um 7.30 Uhr läuft Ulrike Krumrey mit den Frühaufstehern um die Insel, und einmal werden für eine Fahrt rund um Scharfenberg abends die Paddelboote aus dem Schuppen geholt. Es sei ein bisschen wie eine Klassenfahrt, findet Melina, 14, die vor dem ersten Tag noch niemanden kannte und jetzt in Clara eine neue beste Freundin gefunden hat. „Stimmt“, sagt Clara, „nur mit mehr Unterricht.“ Und das klingt überhaupt nicht wie eine Beschwerde.