Wirtschaft

Der neue Technologieradar zeigt die Innovationskraft Berlins

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Joachim Fahrun

Foto: Reto Klar

Der Technologieradar ist das Werk eines gerade gegründeten Big-Data-Spezialisten. Dafür hat die Firma mapegy die in den letzten 20 Jahren von Berlinern angemeldeten Patente aufgespürt und sortiert.

Peter Walde ist ein klassischer Berliner Hightechgründer. Nach Erfahrungen in der Zukunftsforschung bei Volkswagen in Wolfsburg machte sich der promovierte Ingenieur 2013 mit seinem eigenen Unternehmen selbstständig. Seine Expertise ist es, Wege durch die Datenflut zu schlagen und aus den zahlreichen Informationen diejenigen herauszufiltern und sichtbar zu machen, die ein Unternehmen oder eine Organisation weiterbringen kann. Als „Datenanalysten“ bezeichnet der Sorbe aus Bautzen mit internationalem Lebenslauf sein bisher Zehn-Personen-Untermehmen, bei dem sich mittlerweile Bewerber aus aller Herren Länder bewerben.

Bisher hat Waldes Firma mapegy, (das setzt sich zusammen aus dem Slogan mapping data for your strategy) vor allem für Unternehmen wie VW, Henkel oder Dürr internationale Trends verfolgt, potenzielle Übernahmekandidaten ermittelt und Spezialisten gesucht. Mit dem neuen Projekt hat das Jungunternehmen für ein eher schmales Budget eines mittleren vierstelligen Euro-Betrages ein neues Geschäftsfeld eröffnet. Für die Berliner Technologiestiftung hat mapegy die in den letzten 20 Jahren von Berlinern angemeldeten Patente in den Datenbanken der Patentämter aufgespürt und sortiert. Herausgekommen ist der Technologieradar Berlin, der für Politik, Wissenschaftsorganisationen und Wirtschaftsförderer Hinweise darauf gibt, wo welche Innovationen in den Labors entstehen.

Schering und Siemens als Knoten

Die Ergebnisse lassen sich in Grafiken, Tabellen und auf allerlei verschiedenen Karten sichtbar machen. „Es war nicht trivial, Berliner Erfinder zu identifizieren“, sagte Walde. Denn oft arbeiten Berliner für Konzerne, die ihren Sitz anderswo haben oder sind Teil von überörtlichen Arbeitsgruppen. Aber nach Adressen, Namen, Postleitzahlen und anderen Hinweisen haben die mapegy-Mitarbeiter schließlich für den Zeitraum 1993 bis 2013 35.000 Erfindungen mit Berliner Beteiligung in ihr Software-Programm eingespeist. Jetzt kann man sehen, wie sich der in Patenten abgebildete Berliner Erfindergeist um Knotenpunkte wie Bayer/Schering, Siemens herum gruppiert. Einzelne Forscher sind durch zahlreiche Linien mit anderen verbunden. Die sehr innovative Medizintechnik hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Haufen in der Ebene zusammengeballt.

Der Radar weist aber auch einzelne „Innovationsinseln“ aus, die kaum Kontakte zu den anderen Aktivitäten in der Stadt pflegen. Eine solche ist das Thema Hausgeräte, wo Bosch Siemens Hausgeräte (BSH) zahlreiche Neuerungen per Patent hat schützen lassen. Jetzt, wo das System einmal eingerichtet ist, sei es mit wenig Aufwand regelmäßig zu aktualisieren, so der Jungunternehmer.

Die Technologiestiftung, die vom früheren CDU-Fraktionschef Nicolas Zimmer geführt wird und gerade ihr eigentliches operatives Geschäft in einer Fusion mit den Wirtschaftsförderern von Berlin Partner verloren hat, kann mit dem Radar ihre neue Rolle deutlich machen. Sie sind nach den Vorstellungen Zimmers dafür da, Trends aufzuspüren und für Berlin relevante Technologien frühzeitig zu erkennen. Das ist mit dem Radar möglich, denn Patente sind oft ein erster Schritt für die Entwicklung neuer Produkte.

„Die aktivsten Erfinder, Institutionen und ihre Kooperationspartner können jetzt identifiziert werden“; sagte Wirtschaftsstaatssekretär Guido Beermann (CDU). Die Wirtschaftsverwaltung darf sich durch die Ergebnisse bestätigt fühlen. Mit den politisch zur Priorität erklärten Zukunftsclustern der Berliner Wirtschaft gibt die Analyse der Patente eine große Übereinstimmung. Im deutschen und internationalen Vergleich stark ist Berlin in der Elektrotechnik, in der Entwicklung von optischen und messtechnischen Instrumenten, aber auch in der Medizintechnik und in der Analyse biologischen Materials. Vergleichsweise schwach schneiden Berlins Erfinder im Maschinenbau ab.

Berlin ist Vorreiter im Chemiesektor

Auch in der Chemie, dabei besonders in der Pharmazie, sind Berliner Erfinder überdurchschnittlich gut unterwegs. Das Wachstum der Patentanmeldungen lag in diesem Sektor in Berlin deutlich über dem Trend in anderen Regionen. Aber der Radar kann auch Alarmmeldungen liefern. Denn kurzfristig, das heißt in den letzten drei Jahren, bleibt die Chemie und auch die Pharmazie bei den Patentanmeldungen gegenüber anderen zurück. TSB-Vorstand Zimmer vermutet, dass dies auf die Übernahme der Schering AG durch Bayer zurückzuführen sein könnte. Patente würden eventuell in Leverkusen und nicht mehr in Berlin angemeldet. Zumindest bietet der Radar einen Hinweis, genauer auf die Ursachen für diese Entwicklung zu gucken, sagte Zimmer. Man könne künftig auch nachvollziehen, welche Institute der angewandten Forschung besonders viele Patente angemeldet haben und welche eben nicht.

Wobei die Bedeutung von Patenten generell je nach Branche unterschiedlich ausfällt. In Biotechnologie und Pharmazie ist es für Unternehmen sehr wichtig, ihre Erfindungen so lange zu schützen, bis neue Produkte durch die vielen Tests gekommen und zugelassen sind. Für die Computer- und Softwarebranche hingegen ist Geschwindigkeit inzwischen vielfach wichtiger als Patentschutz.