Sanierungen

Wie aus der alten Stadtbahn eine neue Stadtbahn wird

Meter um Meter schreiten die Arbeiten auf der wichtigsten Trasse der Stadt voran. Bis auf eine „Überraschung“ verläuft alles nach Plan. Doch wenn Hertha spielt, wird es eng.

Es ist ein Schienenladezug, ein langes, knatterndes Ungetüm in Gelb, das die Schienen der Stadtbahn nach 20 Jahren Dienstzeit in den vorläufigen Ruhestand schickt. In Schrittgeschwindigkeit rollt das Gefährt vorwärts, hebt die ausgedienten Gleise an und verfrachtet sie auf seiner Ladefläche. 120 Meter am Stück. Greifarme schieben die Gleise in die richtige Position, das Ganze dauert nur ein paar Minuten.

Altes geht, Neues kommt – so funktioniert das zurzeit bei der Sanierung der Stadtbahn. Und laut den Verantwortlichen funktioniert es ganz gut. Am S-Bahnhof Tiergarten steht Christian Schimmel von der Bahnbau Gruppe der Deutschen Bahn. „Es spricht nichts gegen eine Einhaltung des Zeitplans“, sagt er.

Seit knapp zwei Wochen ist der Abschnitt von Zoologischer Garten bis Friedrichstraße gesperrt. Zwischen Friedrichstraße und Hauptbahnhof wurden die Schienen bereits in beiden Gleisbetten komplett erneuert. Auf der restlichen Strecke fehlen noch etwa drei Kilometer in einer Richtung.

Es sei eine recht anspruchsvolle Baumaßnahme, sagt Schimmel über das 17-Millionen-Euro-Projekt, das die wichtigste Trasse der Stadt für insgesamt sechs Wochen außer Gefecht setzt. Und es begann mit einer „kleinen Überraschung“. Ursprünglich sollten die Arbeiten rund zwei Stunden nach Abpfiff des WM-Finales losgehen. Wegen der – zugegeben erwartbar – großen Masse an Fans, die in dieser Nacht auf die Stadtbahn angewiesen waren, musste der Start um ein paar Stunden verschoben werden.

Gleise dürfen nicht zu warm sein

Dazu kommt der logistische Aufwand: Der gesamte Transport des Baumaterials erfolgt auf dem Schienenweg. „Bei diesem Umfang des Schienenaustauschs eine große Herausforderung“, sagt Schimmel und meint 26,5 Kilometer Gleis. Und dann die Hitze. Die Schweißarbeiten an den Schienen mussten abends beginnen, der Stahl darf nicht wärmer als 26 Grad Celsius sein.

„Auch für die Arbeiter war es sehr anstrengend“, sagt Schimmel. Zwischen 70 und 80 von ihnen sind rund um die Uhr im Einsatz. Sie nutzen die derzeitige Sperrung, um weitere kleine Arbeiten auszuführen, für die sonst eine eigene Sperrung nötig wäre.

Bis zum Wochenende sollen die restlichen Gleise verlegt und sämtliche alten entfernt sein. Die neuen wurden aus dem polnischen Kattowitz angeliefert. Sie sollen laut Bahn mindestens für die nächsten 15 Jahre halten. An den Stellen, wo die Stadtbahnbögen besonders eng gebaut sind, sind sie verstärkt. Ihre Vorgänger starten derweil eine zweite Karriere. Sie kommen nach Sachsen-Anhalt, ins Aufbereitungswerk Königsborn. Dort werden sie fit gemacht für einen Einsatz auf weniger befahrenen Strecken. Auf der Stadtbahn sind täglich bis zu 600 Züge unterwegs.

Diese intensive Nutzung hat auch für einen starken Verschleiß der Dübel, mit denen die Schienen auf der Fahrbahn befestigt sind, gesorgt. Rund 35.000 müssen ausgetauscht werden, das ist knapp die Hälfte. Die Stadtbahn wurde Mitte der 90er-Jahre zu einer „festen Fahrbahn“ umgebaut, die Schienen liegen auf einer Betonplatte. Unter anderem wegen des angeblich geringeren Wartungsaufwand wurde diese Variante dem klassischen Schotterbett vorgezogen.

„Überdimensionalen Kekse aus Beton“

Der hohe Dübelverschleiß spricht allerdings dagegen. Bis heute streiten Experten darüber, ob die „feste Fahrbahn“ die richtige Wahl war. Denn sie benötigt auch 2500 Tonnen neue Schallabsorber, die den Lärm verringern. Die „überdimensionalen Kekse aus Beton“, wie die Arbeiter dazu sagen, sind besonders im Bereich um den Bahnhof Bellevue und im Hansaviertel unerlässlich. Dort rattern die Züge besonders dicht an Wohnhäusern vorbei.

In neun Tagen ist der erste Abschnitt wieder frei, dann folgt die Sanierung der Strecke Friedrichstraße–Ostbahnhof. Rund 160.000 Fahrgäste nutzen die Stadtbahn jeden Tag, „das Ersatzkonzept hat sich bewährt“, sagt Detlef Speier vom Fahrgastmarketing. Die S-Bahn setzt Busse und zusätzliche Regionalzüge ein. Besonders die Züge werden intensiv genutzt, allerdings muss die S-Bahn eingestehen, dass sie kein ausreichender Ersatz sind. Denn sie haben zu wenige Türen, im Eingangsbereich stapeln sich die Fahrgäste, statt den Platz im Oberdeck zu nutzen.

Am letzten Wochenende der Sperrung könnte es noch mal eng werden. Dann startet Hertha BSC mit einem Heimspiel in die neue Saison. Nicht nur der östliche Abschnitt der Stadtbahn, auch die U-Bahnlinie 2 ist in just diesem Zeitraum zwischen Wittenbergplatz und Bismarckstraße komplett unterbrochen. Die S-Bahn setzt ab Friedrichstraße drei zusätzliche Züge ein, mit Stopps am Zoo, in Charlottenburg und am Olympiastadion.