Kinderfußball

In Berlin müssen Eltern runter vom Fußball-Rasen

Weil es beim Kinderfußball immer häufiger zu Streit am Spielfeldrand kam, gibt es nun eine Zuschauer-Fan-Zone. Kinder und Trainer begrüßen das – die Eltern müssen sich an die neue Rolle erst gewöhnen.

Foto: David Heerde

„Lauf doch, laaaauf!“ Der Vater rauft sich die Haare, eine Mutter neben ihm presst voller Anspannung die Lippen aufeinander. Dann der Schuss: Knapp vorbei. Ein Raunen – zwischen Enttäuschung und Entspannung – dringt aus der Elternschaft am Spielfeldrand. Es ist Sonnabend früh, die G-Jugend des Lichtenrader BC 25 ist zum sogenannten „Pflichtfreundschaftsspiel“ angetreten.

Bei den Fünf- und Sechsjährigen geht es vor allem um Spaß, ums Zusammenspiel und klar, auch mal darum, ein Tor zu schießen. Wie viele Tore es am Ende für welche Mannschaft eigentlich sind, ist ihnen oft gar nicht so wichtig. Jedenfalls nicht so wichtig wie manchen Eltern. Und das genau ist das Problem und der Grund, wieso Eltern jetzt nicht mehr direkt neben dem Spielfeld, sondern in einer sogenannten Fan-Zone mit einigen Metern Abstand zum Spielfeld stehen müssen.

Zu oft ist es in den vergangenen Jahren zu Ausschreitungen zwischen Eltern, zwischen Eltern und Schiedsrichtern, sogar zwischen Eltern und dem eigenen Trainer gekommen. Verbale Entgleisungen gehören da noch zu den harmloseren Erscheinungen, nicht selten münden die Angriffe in einer Prügelei. In Esslingen gingen im vergangenen Sommer 20 Zuschauer bei einem Spiel der F-Jugend derart aufeinander los, dass das Spiel abgebrochen werden musste und die Kinder vor ihren prügelnden Eltern vom Platz geflüchtet sind.

Fünf bis zehn Mal rückt Polizei an

Manche Eltern sollen sogar mit zerbrochenen Flaschen aufeinander losgegangen sein, die Polizei rückte mit mehreren Streifen an, ein Mann wurde später mit schweren Kopfverletzungen in eine Klinik eingeliefert. Auch in Berlin kommt es immer wieder zu Ausschreitungen beim Kinderfußball. „Fünf- bis zehnmal in der Saison muss sogar die Polizei anrücken, weil eine Auseinandersetzung eskaliert“, erklärt Andreas Kupper, Vorsitzender des Jugendausschusses beim Berliner Fußball-Verband. Dabei geht er von noch mehr Handgreiflichkeiten aus, doch die meisten dringen gar nicht bis zum Verband, weil die Polizei nicht gerufen und keine Anzeige erstattet wird.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, heißt die Devise des Berliner Fußball-Verbandes seit dieser Saison: Eltern runter vom Rasen. „Das kindgerechte Spiel soll wieder ermöglicht werden“, erklärt Kupper. Je nach Gegebenheiten des Platzes müssen die Eltern der G- bis D-Jugend, also der Fünf- bis Zwölfjährigen, nun mindestens drei Meter Abstand zum Spielfeld einhalten. Direkt am Spielfeld dürfen nur noch Trainer, Betreuer und Auswechselspieler stehen.

Außerdem spielen die G- und F-Jugend nun in vielen Vereinen ohne Schiedsrichter. So kommen die Kinder weniger aus dem Spielfluss, weil weniger abgepfiffen wird und sie lösen strittige Fragen selbst. Das klappe erstaunlich gut, betont Kupper. Während die Schiedsrichter-freie Zone allerdings erst im Probebetrieb läuft, ist die Fan-Zone verbindlich. Zunächst gibt es sie aber erst einmal nur im Fußball. In anderen Sportarten sei sie bislang nicht geplant, heißt es im Landessportbund.

Wechselwütig: Eltern haben weniger Vereinstreue als ihre Kinder

Berlin ist nicht das erste Bundesland, die eine Fan-Zone einführt. Bereits vor sieben Jahren wurde in Aachen eine „Fair-Play-Liga“ getestet. Zwei Jahre später wurden die neuen Regeln dann auch in anderen Kreisverbänden im Rheinland eingeführt. Dazu haben Wissenschaftler des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Landau die Situation im Kinderfußball untersucht. Die Eltern kommen dabei nicht gerade positiv weg. Fast zwei Drittel der befragten Kinder müssen sich demnach von ihren Eltern nach dem Spiel sagen lassen, was sie alles falsch gemacht haben. Die Kinder sagten außerdem, dass sie oft in einen Loyalitätskonflikt zwischen Eltern und Trainer geraten und dass sich die Väter meist schlimmer aufführen als die Mütter.

Die Eltern der Lichtenrader G-Jugend nehmen sich dagegen geradezu vorbildlich aus – zumindest an diesem Morgen. Die meisten kennen Kinderfußball allerdings auch gar nicht ohne Fan-Zone, weil ihre Kinder erst seit dieser Saison Fußball spielen. „Toooor!“ brüllt in diesem Moment ein Vater. Wer jetzt genau getroffen hat, lässt sich bei dem Gewusel gar nicht so genau ausmachen, aber immerhin: Sein Sohn war mit im Knäuel. Klar, im Eifer der Begeisterung rückt dann doch mal der eine oder andere ein paar Schritte vor auf den Rasen, aber meist merken sie das gleich und korrigieren ihre Position.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich so mitfiebere und mich so reinsteigern kann“, sagt Deborah Sprengler, deren Sohn Elias seit letztem Sommer hier spielt. Gerade deshalb findet sie es richtig, dass sie Abstand halten muss, das zügele die Emotionen. „Ich hätte das auch freiwillig gemacht“, betont die junge Mutter. Anfeuern und Jubeln nach einem Tor könne sie auch aus ein paar Metern Entfernung, aber „für Anweisungen ist doch der Trainer zuständig, nicht wir Eltern“. Allerdings sind nicht alle Eltern so einsichtig. „Man sieht hier ja viel weniger“, grummelt ein Vater.

Zum Ende der Saison steigt der Druck wieder

Um Eltern in die Fan-Zone zu bekommen, hat es schon einiges an Überzeugungsarbeit gebraucht. „Wir haben Flyer verteilt, auf Elternabenden informiert und auch mit den Eltern am Spielfeldrand gesprochen“, erzählt Kevin Schröder, der beim LBC 25 zweiter Jugendleiter ist und eine Mannschaft der E-Jugend trainiert.

Am Anfang stieß er nicht gerade auf Begeisterung, aber allmählich hätten sich die Eltern daran gewöhnt. Das sei gut, denn der 23-Jährige kennt die Probleme aus seiner eigener Erfahrung als Trainer: „Früher konnten wir manchmal gar nicht unseren Job machen, weil es immer wieder zu Auseinandersetzungen kam.“ Bei vielen Eltern beobachtet er einen wachsenden Ehrgeiz und zugleich weniger Verbundenheit zum Verein. Kevin Schröder spielt selbst fast 20 Jahre beim LBC 25, doch so viel Vereinstreue gebe es immer weniger. „Wenn den Eltern etwas nicht passt, sind sie schnell bereit zu wechseln.“ Selbst dann, wenn dies gar nicht dem Wunsch der Kinder entspricht.

Auch Andreas Kupper zieht eine positive Bilanz nach den ersten Monaten mit Fan-Zone: „In der Hinrunde ging es deutlich ruhiger zu als sonst“, sagt er, weiß allerdings auch, dass jetzt, zum Ende der Saison der Druck wieder steigt und damit auch das Aggressionspotenzial. Insbesondere in den höheren Mannschaften, wenn es um einen möglichen Auf- oder Abstieg geht. Je älter die Kinder werden, desto schwieriger ist es daher auch, die Eltern von der Notwendigkeit der Fan-Zone zu überzeugen. Das bestätigen auch die Eltern vom Nachbarplatz, wo gerade die Achtjährigen der F-Jugend spielen.

Unterstützung oder Belastung? Eltern am Spielfeldrand

Hier haben alle schon mal eine Schreierei am Spielfeldrand erlebt. „Da fallen dann schon mal Ausdrücke, die definitiv nichts für Kinderohren sind“, sagt Oliver Böstfleisch, der seinen Sohn Sebastian heute zum Spiel begleitet hat. „Für die Kinder ist die Fan-Zone auf jeden Fall besser“, glaubt daher auch Betreuer Frank Mrosik, „sie können sich jetzt mehr auf den Trainer konzentrieren und bekommen weniger Stress von außen“.

Auch die Kinder wissen das zu schätzen. „Das hat mich schon durcheinandergebracht, wenn die Eltern lauter unterschiedliche Sachen reingeschrien haben“, sagt Sebastian. Die Eltern würden jetzt zwar immer noch brüllen, ergänzt sein Mitspieler Poldi, „aber jetzt müssen sie lauter brüllen, bevor wir sie hören“. Hasan belehrt seine Mitspieler: „Wir sollen doch gar nicht auf die Eltern hören, sondern nur auf die Kommandos vom Trainer.“

Klingt alles danach, als wären die Eltern am Spielfeldrand eher eine Belastung. Aber so negativ will Kevin Schröder das nicht sehen. „Nein, wir wollen die Eltern nicht verschrecken, ihre Unterstützung ist für die Motivation der Kinder sehr wichtig“, betont er. Nur ein bisschen besser benehmen könnten sie sich schon.

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