Boxtrainer

Das Herz von Box-Legende Ulli Wegner schlägt für den Fußball

Ulli Wegner ist Deutschlands bekanntester Boxtrainer. Doch Fußball steht für ihn an erster Stelle. Der 72-Jährige hat alle drei WM-Siege der deutschen Elf miterlebt. Nun hofft er auf den vierten. Ein Besuch.

Foto: M. Lengemann / Martin Lengemann

Es war eng in der kleinen Küche bei Wegners, die Anspannung hing in der Luft. Die Jungs aus der Fußballmannschaft scharten sich um das Radiogerät und lauschten dem blechernen Kommentar aus dem Lautsprecher. Der Ulli war Fritz Walter, und sein Kumpel Roderich oder „Packi“, der war Ferenc Puskás. Die Rollen waren verteilt, jetzt mussten Tore her. Fußballweltmeisterschaft 1954 in der Schweiz. Es war der 4. Juli, Außenseiter Deutschland stand gegen Ungarn, den großen Favoriten, im Finale. „Wissen Sie, wie toll das war?“, sagt Ulli Wegner heute, 60 Jahre später, „wir hatten ein Radio und konnten das hören.“

Ulli Wegner, Deutschlands bekanntester Boxtrainer, sitzt in seinem Büro auf dem Gelände des Berliner Olympiastadions. Er trägt eine kurze Trainingshose, ein Shirt mit seinem Namen darauf, die Goldkette um den Hals. Eigentlich hat das Training bereits begonnen. Aber wenn es um Fußball geht, nimmt sich Ulli Wegner die Zeit. Der 72-Jährige hat Arthur Abraham und Sven Ottke zu Titelträgern eines Weltverbandes gemacht. Trotzdem sagt er, Fußball sei seine große Liebe. Schon immer gewesen. Das Boxen käme zwar knapp, aber doch dahinter.

In seiner Biografie „Mein Leben in 13 Runden“ steht der Satz: „Fragen Sie mich nie, ob ich meine ganzen Erfolge im Boxsport für ein Länderspiel im Fußball hergeben würde. Bitte fragen Sie mich nicht!“

Als Kind gab es für ihn nichts Schlimmeres als Fußballverbot, das ihm sein Vater erteilte. Wenn er mal wieder eine schlechte Note aus der Schule nach Hause gebracht hatte oder die Kuh, auf die er aufpassen sollte, ausgebüxt war und die Nachbargärten verwüstet hatte – weil er sie irgendwo festgebunden hatte, um mit den anderen Jungs kicken zu gehen.

Selbst in der DDR hielt er für Westdeutschland

Als Deutschland zum ersten Mal Weltmeister wurde, war Ulli Wegner zwölf Jahre alt. Die Familie lebte damals in Penkun, einer kleinen Stadt in Mecklenburg-Vorpommern. In der DDR. Normalerweise drückten sie dort damals den Ungarn die Daumen. „Aber ich habe immer für Westdeutschland gedrückt“, sagt Wegner, „obwohl wir auch hervorragende Spieler in der DDR hatten.“ Aber auf Mannschaftssport habe man bei ihnen keinen Wert gelegt, erzählt er. Was zählte, waren die Medaillen. Und wenn am Ende eine große Mannschaft einen Pokal nach Hause bringt – „das war nichts wert“. Sein bester Freund Roderich oder Packi musste damals für Ungarn sein – seine Mutter war die Direktorin der Schule. Außerdem waren die Erfolgschancen größer. „Die Ungarn waren in den 50er-Jahren die Topmannschaft“, sagt Ulli Wegner und zählt Namen einer längst vergangenen Zeit auf: Czibor, Kocsis, Grosics, natürlich Puskás. „Das waren Kanonen, die den besten Fußball auf dem Planeten gespielt haben.“ Die Aufstellung beider Mannschaften kann er bis heute mühelos herunterbeten. Ulli Wegner hat ein Lieblingsbuch: „Die ungarische Fußballschule“, sein Freund Packi hat es ihm vor Jahren geschenkt. Er sagt, er habe viele Tausend Mal darin geblättert.

Was die Jungen damals am Radio miterlebten, war das, was als Wunder von Bern in die Fußballgeschichte eingegangen ist. Bei dem Helmut Rahn wenige Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit Deutschland in Führung brachte: Mit drei zu zwei Toren wurde die Mannschaft der Bundesrepublik Weltmeister. „Die Deutschen lagen zwei Tore zurück und haben sich einfach nicht aus der Ruhe bringen lassen“, sagt Wegner. Es war eine Sensation.

Mit dem Lederball das Finale nachgespielt

Trotzdem sagt er, die Ungarn hätten ihm leidgetan. Auch die laufende Weltmeisterschaft in Brasilien geht ihm immer wieder zu Herzen. Besonders, wenn ein Spiel mit einem Elfmeterschießen entschieden wird. Es sind dann Glücksspiele, bei denen Nuancen entscheiden, wie im dramatischen Achtelfinale von Gastgeber Brasilien gegen Chile. „Für manche Verlierer hätte ich heulen können“, sagt er, und man glaubt es aufs Wort. „Du weißt genau, wie die sich alle in dem Moment fühlen. Du bist so nah dran und dann knallst du den Ball an die Latte.“ Doch an jenem 4. Juli vor 60 Jahren hielt sich die Trauer in Grenzen. Die Jungs schnappten sich einen Fußball und spielten das Finale nach. „Denn ich war damals stolzer Besitzer eines Lederballs“, sagt Wegner. Es klingt, als sei er noch heute stolz darauf. Dann spielten sie ihr persönliches Wunder von Penkun. Der eine war Max Morlock, der andere Werner Liebrich. Und Ulli Wegner war wie immer Fritz Walter, sein großes Idol, der Star dieser Zeit. Sie fühlten sich wie Helden.

Und 20 Jahre später? Als Deutschland 1974 im eigenen Land Weltmeister wurde? Als Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Berti Vogts zwei zu eins gegen die Niederlande gewannen. Wegner lehnt sich zurück und überlegt. „War ich schon Boxtrainer? Wo habe ich mich denn da rumgetrieben?“ Er kramt seine Biografie hervor. „Lesen Sie es nach.“ Er war in Gera, und er war Boxtrainer. Vorher hat er eine Ausbildung zum Traktor- und Landmaschinenschlosser gemacht. Aber so richtig erinnern kann er sich nicht an das Finale. Aber an den Elfmeter bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien im Endspiel gegen Argentinien, den Andi Brehme schoss, weil Lothar Matthäus in der Halbzeit neue Schuhe bekommen hatte und sich in den Töppen unsicher fühlte, wie er damals erklärte. Wegner hat eine andere Meinung. „Da ist er feige geworden.“ Es war das erste Finale, das mit einem Elfmeter beendet wurde. „Das war natürlich eine harte Kiste“, sagt Wegner. Er hat damals mit seiner Frau auf dem Sofa gesessen und das Spiel geschaut, mitgefiebert, mitgejubelt.

Wegner findet den Zusammenhalt toll

Je älter Ulli Wegner wurde und je tiefer er selbst in den Spitzensport hineinwuchs, desto nüchterner wurde er, selbst, wenn es um seine große Liebe, den Fußball, geht. Es ist der Blick des Trainers. Wahrscheinlich eine Berufskrankheit. „Ich war früher viel verrückter, viel emotionaler“, sagt er und erzählt wieder von 1954. Und dass er mit dem Sport groß geworden ist und alle Spitzenzeiten von sämtlichen Sportarten auswendig wusste.

Doch trotz aller Abgeklärtheit ist Ulli Wegner vor großen Spielen immer ein bisschen nervös. Es ist das gleiche Bauchgefühl, das auch im Wettkampf kommt. „Ist ja klar. Ich lebe den Sport, deswegen arbeite ich mit 72 Jahren auch noch.“ Und er könnte zum vierten Mal dabei sein, wenn Deutschland Weltmeister wird. Von der Mannschaft ist er begeistert. „Es ist toll, welcher Zusammenhalt da herrscht“, sagt er. Lukas Podolski zum Beispiel. Der muss auf der Bank sitzen „und das ist schrecklich. Jeder Sportler kennt dieses Gefühl“. Aber trotzdem hält er seinen Jungs die Daumen und jubelt mit ihnen.

Wo er am heutigen Sonntag das Finale schaut, weiß er noch nicht. Er hat viele Einladungen bekommen. „Gegen die Niederlande hätte ich geguckt, dass ich meine Ruhe habe. Das wäre sehr schwer geworden, und da fiebere ich zu sehr mit.“ Doch nun trifft Deutschland im Finale auf Argentinien – den Titel hält Ulli Wegner für realistisch. „Dann bin ich richtig stolz“, sagt er und nickt. „Ja. Das ist was ganz Besonderes.“ Ulli Wegner sieht gerne glückliche Menschen. „Wir im Sport sind dafür da, Menschen glücklich zu machen.“

Foto: Foto-Kunz / pa/AUGENKLICK