Fußball-WM

Wie Argentinier in Berlin dem WM-Finale entgegenfiebern

Ob sie die Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen, wissen die Argentinier Berlins nicht. Aber eines ist sicher: Sie werden laut, wenn sie ihre Mannschaft aus der Ferne anfeuern.

Foto: David Heerde

„Wenn die WM zu Ende ist, werde ich auch erleichtert sein. Mich macht die ein bisschen nervös.“ Mit diesem Satz erfasst Juandi Vega Casariego wohl das Grundgefühl der ganzen Stadt dieser Tage. Alles fiebert dem Sonntagabend entgegen, wenn Deutschland in Rio de Janeiro auf Argentinien trifft und sich entscheiden wird, wer 2014 Weltmeister wird.

Mit seiner Frau Laura, wegen der Juandi im April in ihre Heimat Berlin gezogen ist, wird er sich das Spiel nicht gemeinsam ansehen. „Aber wir können danach zusammen feiern, wenn Argentinien gewonnen hat“, sagt der 31-Jährige und lacht. Dass es so geschehen wird, darauf will er aber nicht wetten. „Jedes Spiel ist neu. Es ist schwer, in die Fußball-Zukunft zu schauen“, meint er.

Trikot am Treppengeländer

Sein Kumpel Mariano ist da weniger vorsichtig. „Argentinien gewinnt auf jeden Fall. Weil sie so gut sind. Und wenn’s nur ein 1:0 ist, mit dem Arsch geschossen.“ Entspannt sitzen die beiden auf einer Bank vor Marianos Atelier in Weißensee. Hier, auf einem alten Fabrikgelände, arbeitet der Maler seit vier Jahren, „Mariano Rinaldi“ steht an der alten Tür. Dahinter führt eine enge Treppe in den mit Bildern vollgestellten Raum.

Vom Treppengeländer aus begrüßt den Eintretenden ein Argentinien-Trikot. Juandi und Mariano proben hier auch mit zwei Peruanern, seit kurzem haben sie die Band „Banana Gratis“. Die Sonne scheint, ein paar Wölkchen zieren das Blau, und Mariano deutet nach oben. „Guck, man muss ja nur in den Himmel schauen und schon sieht man die argentinische Flagge.“

Finale zu zweit

1994 kam Mariano nach Berlin, betreibt mittlerweile eine Bar im Prenzlauer Berg, in der auch Juandi arbeitet. 42 Jahre ist er alt. „Ich fühl’ mich aber wie 15“, meint er. Zurück nach Buenos Aires will er nicht. „Ich liebe es, in Berlin zu leben. Aber die ‚Argentinität‘, die trage ich in mir“, sagt er und verleiht dem Satz mit seinen stechend blauen Augen auf weißem Grund Ausdruck. Bisher hat er sich immer gefreut, dass Deutschland weitergekommen ist. „Aber das ist jetzt vorbei!“

Bei den Deutschen sei das mit Argentinien ja genauso. Das Finale wollen sich Juandi und Mariano, wie alle Spiele bisher, nur zu zweit ansehen. „All unsere deutschen Freunde wollen nicht mit uns gucken, weil wir immer so schreien“, sagt Mariano und gibt laut herausprustend eine akustische Kostprobe.

Viele Gäste zum Endspiel

Dass es bei argentinischen Fußballspielen lauter zugeht als bei deutschen, kann Fabian Serreiro bestätigen. Der Argentinier betreibt mit seiner Frau Slavica Jug, mit der er vor fünf Jahren von Buenos Aires nach Berlin zog, die Malena Bar in Neukölln. Viele Argentinier sehen sich hier die Partien an, aber insgesamt sei das Publikum sehr gemischt. „Wenn was passiert im Spiel, dann schreien die Argentinier laut heraus“, sagt Fabian. „Die Deutschen applaudieren dann eher, die klatschen einfach.“

Er wird am Sonntag nicht unbedingt sein Heimatland anfeuern. „Ich will einfach ein gutes und interessantes Spiel. Ich bin für den, der besser ist.“ Ganz anders geht seine Frau Slavica heran, eine Deutsche, die lange in Argentinien gelebt hat. „Ich bin während des Spiels immer für die Schlechteren, weil die mir so leid tun“, sagt sie und lacht. „Aber eigentlich entscheide ich mich immer erst kurz vor Schluss.“ Am Sonntag erwarten die beiden wieder viele Gäste, und dann wird geschrien und geklatscht werden.

Hotspot im Görlitzer Park

Laut wird es wohl auch in der Gloria Bar am Görlitzer Park, für die Argentinier Berlins ein inoffizieller Hotspot. Jetzt, während der WM, hängen die blau-weißen Fähnchen aber gut sichtbar vor der Fassade. Wem hier am Sonntag die Daumen gedrückt werden, daran wird kein Zweifel gelassen. Andrea Knaak und ihr Mann Julio Sivautt sind Stammgäste, Julio veranstaltet hier häufig Poesieabende.

Vor sieben Jahren haben sich die beiden in Buenos Aires kennengelernt, als Andrea dort ein Austauschjahr machte. Geheiratet haben sie zwei Jahre später, nun leben sie in Treptow. „Wir versuchen am Sonntag einfach, nicht zu streiten“, meint Julio. „Vielleicht gibt es kleine Diskussionen. Auf jeden Fall wird es laut.“ Denn natürlich wird er die Blau-Weißen anfeuern, Andrea die Deutschen. Und leise sind beide nicht.

Wunschergebnis 4:3

„Es gibt auf jeder Seite viel Geschrei“, berichtet Andrea, die schon seit klein auf in ihrer Münchner Heimat gern Fußball geschaut hat, von vergangenen Spielen. „Komischerweise bin ich lauter, wenn Argentinien spielt. Bei Deutschland-Spielen bin ich irgendwie zurückhaltender. Die hat sich schon so auf mich übertragen, diese Mentalität.“

Sie rechnet mit einem 3:0 für Deutschland, ihr Wunschergebnis liegt allerdings bei 4:3. „Ich fänd’s einfach schön, wenn Argentinien auch näher an den Sieg kommt. Dann sind alle glücklich am Ende.“ Julio sei schon froh, dass sein Land überhaupt so weit gekommen ist, da wäre auch ein zweiter Platz ok. „Es wär wirklich traurig, wenn Argentinien verliert“, meint dieser. „Aber ich wäre nicht sauer oder so.“

Bei der WM vor vier Jahren, da war er erst ein paar Monate in Deutschland, und so ganz begeistern konnte er sich da für die hiesige Mannschaft noch nicht. „Aber jetzt lebe ich hier schon einige Jahre, da würde ich mich auch für Deutschland freuen.“ Vielleicht sehen sich die beiden das Spiel wieder in der Gloria Bar an. „Aber eventuell grillen wir auch mit argentinischen und deutschen Freunden“, überlegt Andrea. „So ganz traditionell.“