Neue Studie

Berliner Schulanfänger zu jung für Mathematik und Lesen

Laut einer Studie haben Kinder, die bereits mit fünf Jahren eingeschult werden, einen schwierigen Start. Die Zahl der Rückstellungsanträge von Eltern steigt. Die CDU fordert eine Flexibilisierung.

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Immer mehr Eltern lassen ihr Kind noch ein Jahr länger die Kita besuchen. Waren es im Schuljahr 2013/14 etwa 13 Prozent der schulpflichtigen Mädchen und Jungen, die ein Jahr zurückgestellt wurden, werden es im Schuljahr 2014/15 voraussichtlich 15 Prozent sein. Genaue Zahlen lägen erst im September vor, heißt es aus der Senatsbildungsverwaltung. Über das Einschulungsalter ist eine Debatte entbrannt: Seit 2005 werden alle Kinder, die das sechste Lebensjahr bis zum 31. Dezember des Jahres beendet haben, eingeschult. Das heißt, dass auch Kinder mit 5,5 Jahren am ersten Schultag im Klassenzimmer sitzen. Weil die Zahl der Rückstellungsanträge zunimmt, hat sich die CDU-Fraktion für eine Flexibilisierung des Schulanfangsalters ausgesprochen.

Aufgrund dieser Debatte und auf Druck der Fraktionen von CDU und Grünen hat die Bildungsverwaltung dazu eine Studie beim Institut für Schulqualität der Freien Universität Berlin in Auftrag gegeben. Die Fragestellung war, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Einschulungsalter und dem Bildungsweg gibt.

„Ich möchte nicht aus einem Bauchgefühl heraus eine große Reform über den Haufen werfen“, begründete Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Montag die Notwendigkeit der Studie. Doch obwohl die Untersuchung belegt, dass jüngere Kinder öfter als ihre älteren Mitschüler noch ein drittes Jahr in der Schulanfangsphase anhängen müssen, heißt das Fazit der Senatorin nach der Präsentation der Studie: „Aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse besteht kein Grund zum Handeln.“ Es wäre falsch, hektisch zu agieren und die Reform infrage zu stellen.

Bildungschancen: Schwieriger Start für Grundschüler mit fünf Jahren

Tatsächlich haben Kinder, die mit 5,5 Jahre eingeschult wurden, einen schlechteren Start ins Schulleben als diejenigen, die bereits älter als sechs Jahre waren. Mit dem frühen Lernstart wurde ein flexible Anfangsphase an den Grundschulen eingeführt, in der das erste und das zweite Schuljahr als eine Einheit gesehen werden. Wer mehr Zeit zum Lernen benötigt, kann ein drittes Jahr in dieser Anfangsphase bleiben. Diese Möglichkeit haben mehr jüngere Kinder genutzt: 21,5 Prozent von ihnen hängten noch ein Jahr dran, von den älteren waren es nur 18,3 Prozent.

Vor allem in der Jahrgangsstufe zwei verzeichneten die Kleineren in Mathematik und Lesen einen Rückstand. Den konnten sie zwar im dritten Jahr aufholen, ihre älteren Mitschüler waren dann aber schon eine Klasse höher. Sandra Scheeres führt das „Verweilen“ der Jüngeren auf die unterschiedlichen Entwicklungsstände zurück. So gebe es Kinder, die eine Klasse überspringen könnten, andere benötigten mehr Zeit, sagte die Senatorin. Mit Sitzenbleiben oder gar schlechteren Leistungen habe das nichts zu tun.

Wer es aber von den Jüngeren geschafft hat, in der flexiblen Anfangsphase mit zwei Jahren auszukommen, der hat auch die gleichen Bildungschancen wie die älteren, wenn nicht sogar bessere. 52 Prozent der Frühstarter lernen in der achten Klasse am Gymnasium, von den später Eingeschulten waren es 48 Prozent. „Es gibt keine Benachteiligung der jüngeren Schüler hinsichtlich ihrer Bildungsbeteiligung am Gymnasium“, sagt Martin Brunner vom Institut für Schulqualität und verantwortlich für die Studie. Seine Interpretation der Ergebnisse: Bei einer frühen Einschulung gelinge es, Kinder in einem jungen Alter zu fördern, ohne Einbußen auf dem Bildungsweg.

Lockerung des Einschulungsverfahrens

Die hohe Zahl der Rückstellungsanträge führt Sandra Scheeres auf die Erleichterung des Verfahrens zurück. Durften in den ersten drei Jahren nach Inkrafttreten des neuen Einschulungsalters überhaupt keine Kinder zurückgestellt werden, wurde diese Regel nach und nach gelockert. Jetzt müssen Eltern auf dem Anmeldeformular nur noch ankreuzen, dass sie ihr Kind ein Jahr später einschulen wollen. „Eltern sind heute besser über die Möglichkeit der Rückstellung informiert“, sagte die Bildungssenatorin. Deshalb würden auch mehr davon Gebrauch machen. Auf der anderen Seite habe sie aber auch Anträge von Eltern, die ihre Kinder noch früher, als die jetzige Regel zulasse, einschulen wollten. Allein 300 Mädchen und Jungen sind davon derzeit betroffen.

Die Fraktionen von CDU und Grünen bleiben angesichts der Präsentation der Studie skeptisch. „Wenn die Kita als Bildungseinrichtung ernst genommen werden soll, dann gibt es keinen Grund, die Kinder so früh dort herauszureißen“, sagte Stefanie Remlinger, bildungspolitische Sprecherin der Grünen. Sie glaube nach wie vor, dass der Kitaplatzmangel zu der Reform geführt habe.

CDU-Fraktionschef Florian Graf bekräftigte die Bereitschaft, die Früheinschulung noch in dieser Wahlperiode zu Gunsten von mehr Flexibilität und zum Wohle der Kinder zu korrigieren. „Die Anzahl der Rückstellungen ist eklatant angestiegen. Im Ergebnis ist die Früheinschulung falsch“, so Graf. Die hohe Zahl an Rückstellungen einerseits, die Kritik der Experten andererseits, seien deutliche Signale des Handlungsbedarfes.