Bildung

Eltern wehren sich gegen Früh-Einschulung ihrer Kinder

Einschulung im Alter von fünfeinhalb Jahren: Das ist vielen Berliner Eltern zu früh. Nun häufen sich in allen Bezirken die Rückstellungsanträge. Ein Gutachten bringt neue Bewegung in die Debatte.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Kurz vor den Berliner Sommerferien kommt noch einmal Bewegung in die Früheinschulungsdebatte. Am 7. Juli wird die Bildungsverwaltung der Koalition die Ergebnisse einer Evaluation zur Einschulung mit fünfeinhalb Jahren vorstellen, die von Martin Brunner erstellt worden ist. Brunner ist Professor an der Freien Universität Berlin und im Arbeitsbereich Evaluation und Qualitätssicherung im Bildungswesen tätig.

Wie berichtet, hat sich die CDU bereits vor Monaten für eine Flexibilisierung des Schuleintrittsalters ausgesprochen. Der Fraktionsvorsitzende Florian Graf schlug vor, dass bei Kindern, die nach dem 30. Juni ihren sechsten Geburtstag haben, die Eltern selbst entscheiden können sollen, ob sie ihr Kind einschulen lassen oder ein Jahr warten wollen. Für Kinder, die vorher Geburtstag haben, solle zudem der Antrag auf Rückstellung formlos erfolgen können, so Graf.

Rückstellung bedeutet: Das Kind kommt ein Jahr später in die Schule. Insbesondere die für eine Rückstellung bislang notwendige Pflichtuntersuchung durch den Schularzt sowie ein Gutachten müssten durch eine freiwillige Beratung ersetzt werden, hießt es weiter.

Viele Eltern sehen frühe Einschulung skeptisch

Die steigende Zahl von Rückstellungsanträgen scheint der CDU Recht zu geben. Viele Eltern sind offenbar skeptisch, was die Einschulung ihrer Kinder ab einem Alter von fünfeinhalb Jahren angeht. Nach Informationen des „Tagesspiegel“ liegen in Berlin bisher insgesamt rund 4800 Rückstellungsanträge für das kommende Schuljahr vor, 1000 mehr als im Vorjahr. Über das Alter der betreffenden Kinder liegen bisher allerdings keine Erkenntnisse vor.

Im Schulamt Tempelhof-Schöneberg sind bisher 450 Rückstellungsanträge angekommen. Katharina Chmielecki vom Schulamt des Bezirks bestätigt, dass die Zahl dieser Anträge von Jahr zu Jahr steigt. Auch in Steglitz-Zehlendorf ist die Rate im Vergleich zum vergangenen Schuljahr gestiegen. 361 Erstklässler sollen hier erst ein Jahr später in die Schule starten, wenn es nach ihren Eltern geht. 2013 waren es noch 260 Kinder, die zurückgestellt worden sind.

In Reinickendorf sind bisher 330 Rückstellungsanträge gestellt worden, betroffen sind 14,4 Prozent der künftigen Erstklässler. Bildungsstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) dazu: „Im vergangenen Jahr waren es nur 11,5 Prozent.“

In Neukölln sind 438 Rückstellungsanträge eingegangen. Im Vorjahr gab es laut Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) insgesamt 359 Anträge. Auch Giffey ist gegen die Früheinschulung. Von den in Neukölln eingeschulten Kindern hätten 40 Prozent Sprachdefizite, 60 Prozent seien in ihrer körperlich-motorischen Entwicklung verzögert.

Ein Viertel der Neuköllner Kinder muss zweite Klasse wiederholen

Die Folge: Ein Viertel der Neuköllner Kinder müsse die zweite Klasse wiederholen. Lars Oberg, Bildungsexperte der SPD, warnt vor schnellen Urteilen. „Noch wissen wir nicht, wie alt die Kinder sind, die zurückgestellt werden sollen.“ Das Gutachten werde zeigen, ob es sich überwiegend um fünfeinhalbjährige Kinder handelt. „Wenn dem so sein sollte, dann diskutieren wir das Thema neu.“

Seit 2005 gilt, dass alle Kinder zum Schuljahresbeginn am 1. August schulpflichtig werden, die im Laufe des Jahres bis spätestens am folgenden 31. Dezember sechs Jahre alt sind. Der damalige Bildungssenator Klaus Böger (SPD) hatte diese Regelung durchgesetzt. Rückstellungen waren nicht möglich. Erst Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) führte diese Möglichkeit zum Schuljahr 2010/11 wieder ein. In diesem Jahr ist es den Eltern sogar noch leichter gemacht worden, einen Rückstellungsantrag zu stellen. Sie konnten im Schulanmeldebogen ein entsprechendes Kreuz setzen.