Hauptstadtpolizei

Wie ein Berliner Polizist gegen die Gewalt am Alex kämpft

Udo Kroll macht Nachtschicht am Berliner Alexanderplatz. Aus gutem Grund: 580 Strafanzeigen zählt die Polizei hier im vergangenen Jahr. Kroll will vermitteln in diesem Schmelztiegel der Gesellschaften.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die Meldungen ähneln sich. Seit Wochen, Monaten. Jahren. Immer wieder Gewalt am Alexanderplatz. Trotz Polizeiaufgebot. Die Menschen legen immer noch Blumen an den Ort, an dem der damals 20 Jahre alte Jonny K. Ende 2012 zu Tode geprügelt wurde, aber der tragische Fall hat nicht dazu beigetragen, dass sich viel ändert.

Am Sonntag veröffentlichte die Polizei die jüngste Attacke. Wieder waren es junge Männer. Wieder betrunken. Junggesellenabschied. Ein Streit wegen nichts. Ein 26-Jähriger ging zu Boden, niedergeschlagen von zwei Kontrahenten.

Wieder gab es Tritte gegen den Kopf, als das Opfer am Boden lag. Geschehen um 23.30 Uhr. Der Mann überlebte. Schwer verletzt. Die 32 und 36 Jahre alten Täter wurden festgenommen. Gegen sie wird ermittelt, aber sie sind nach der „erkennungsdienstlichen Behandlung“ wieder unterwegs.

Udo Kroll im Kampf gegen die Gewaltspirale am Alexanderplatz

Udo Kroll kennt solche Fälle. Im Detail. Aus nächster Nähe. Kroll ist alleine unterwegs, meistens zumindest. Keine Kollegen einer Hundertschaft, keine Körperschutzausrüstung, kein Helm. Ohne martialisch-behördliches Auftreten, das am Alexanderplatz in den letzten Jahren leider immer notwendiger geworden ist.

Udo Kroll ist eines der anderen „Einsatzmittel“ der Hauptstadtpolizei, um der immer mehr um sich greifenden Gewaltspirale an diesem kriminalitätsbelasteten Ort entgegenzutreten. Der 46-Jährige ist Kontaktbereichsbeamter.

Da stellte man sich früher dickliche Beamte vor, die kurz vor der Pensionierung auf die Straße geschickt werden, um alten Damen über die Fahrbahn zu helfen. Das macht der zweifache Familienvater auch.

Und es ist auch nicht so, dass der Hüne nicht entschlossen eine Festnahme durchziehen könnte, wenn es darauf ankommt. Der Beamte versteht sich dennoch mehr als Vermittler in diesem Schmelztiegel der Gesellschaften am Alexanderplatz. Als Ansprechpartner. Für die alte Dame.

Aber auch für die Opfer von Schlägern und für genervte Anwohner. Für verzweifelte Drogensüchtige und syrische Kriegsopfer, die dort nachts am Springbrunnen Fußball spielen.

Ohne Schutzweste - aber mit Pistole, Schlagstock und Pfefferspray

Keibelstraße, Dienstgebäude. Es ist 21 Uhr an einem Freitag. Eher eine unübliche Zeit für Udo Kroll, der zumeist am Tage auf dem Alexanderplatz unterwegs ist. Aber in den heißen Sommermonaten, an denen die Menschen lange im Freien feiern, Alkohol trinken und in unterschiedlichsten Situationen aufeinander treffen, sind auch die Kontaktbereichsbeamten, kurz Kob, eingeteilt.

Der 46-Jährige hat die übliche Ausrüstung am Gürtel – Pistole, Schlagstock, Pfefferspray. Eine Schutzweste trägt er nicht. „Das sieht eben zu martialisch aus. Ich setze auf Kommunikation.“ Die Szene kennt ihn am Alex. Oder besser, die Szenen. Denn es gibt mehrere.

„Wir haben hier junge Menschen, die am Abend in die Clubs gehen. Es gibt die Trinker und die emotionalen Punker, die Drogen nehmen.“ Wenig später kommt ein Punker-Pärchen am Neptunbrunnen auf den Beamten zu. „Na Leute, alles klar? Wie geht’s Euch?“

Der Mann ist bedröhnt, schaut den Ordnungshüter aber freundlich an. „Alles klar Mann. Wir freuen uns. Kalle ist aus dem Knast raus. Seit heute.“ Udo Kroll grinst: „Dann sorgt Ihr als Freunde mal schön dafür, dass er nicht wieder rein muss.“ Die Punker versprechen es. „Die wissen, dass ich ihnen schon oft geholfen habe. Sie vertrauen mir. Und ich erfahre immer, was auf dem Platz los ist.“

580 Strafanzeigen in einem Jahr

Der Platz, wie Udo Kroll das nennt, hat seinen guten Ruf verloren. Spätestens seit dem tödlichen Gewaltausbruch gegen Jonny K. Die Sicherheitsbehörden haben ihr Engagement am Alexanderplatz. Mit Bereitschaftsbeamten der Länder- und Bundespolizei. Mobilen Wachen.

580 Strafanzeigen wurden im Jahr 2013 gestellt. 336 wegen „einfacher“ Körperverletzung, 123 Tatverdächtige in diesem Zusammenhang standen unter Alkoholeinfluss. Hinzu kommen 62 Fälle von gefährlicher Körperverletzung im Bereich Alexanderplatz, von denen 18 Schläger betrunken waren. Es gab 30 Raubtaten, 22 Bedrohungen. 19 Mal leisteten Verdächtige Widerstand gegen Polizeibeamte. 18 Polizisten wurden 2013 bei Einsätzen auf dem Alexanderplatz verletzt.

Bis Ende Mai dieses Jahres gingen bereits 215 Strafanzeigen mit entsprechenden Ermittlungsverfahren in die Akten ein. 124 „einfache“ Körperverletzungen, 20 „gefährliche“. Zwölf Opfer zeigten Bedrohungen an, 17 Mal Widerstand gegen Vollzugsbeamte in den Einsatzberichten. Bis zum 31. Mai mussten sieben Polizisten wegen Verletzungen im Dienst behandelt werden.

Eine Gang auf der Suche nach einem Opfer

Udo Kroll hat Glück gehabt, ihm ist noch nichts passiert. Wahrscheinlich liegt es an seiner Aufmerksamkeit für Stimmungen. Es ist 23 Uhr, als ein junger Mann mit kurzen Haaren und einem Rucksack von einer Bank fällt. Der Mann ist betrunken, sehr sogar. Aber nicht aggressiv.

Vielmehr Sorgen machen Kroll die vier Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die den Betrunkenen im Visier haben. „Es sieht so aus, als sei die Gang auf der Suche nach einem Opfer. Leider denken manche Leute, dass sie hier ihren Frust an anderen auslassen können.“

Der 46-Jährige geht zu dem jungen Mann auf der Bank. „Guten Abend. Na, wie viel hatteste?“ Drei Bier will er getrunken haben. „Is klar“, lächelt Kroll. „Ich würde sagen, Du nimmst jetzt mal die Bahn und fährst nach Hause.“ Der Betrunkene nickt, lallt ein „Gute Idee“. Die vier Jugendlichen erheben sich, aber Kroll stellt sich demonstrativ vor die Rolltreppe zum Bahnsteig. Die Gang verschwindet.

Der Alexanderplatz, doch ein Ort der Harmonie? „Nein“, sagt Kroll jetzt ernst. „Wir können hier mit unserem Vorgehen viel erreichen. Aber es ist und bleibt ein kriminalitätsbelasteter Ort. Sonst wären wir ja nicht hier.“