Besetzte Schule

Hans Panhoff – der Berliner Grüne, der die Polizei rief

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Joachim Fahrun

Foto: Reto Klar

Früher war Hans Panhoff mal Hausbesetzer. Nun muss er als Stadtrat, der die von Flüchtlingen besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule von der Polizei räumen lassen wollte, in der Realität regieren.

Seine grüne Vita ist ohne Makel. Hans Panhoff studierte Stadtplanung, besetzte ein Haus im Kreuzberger Kiez, sanierte es in Selbsthilfe, managte ein Offtheater, plante Ausstellungen zur Stadtentwicklung, half später im Quartiersmanagement den Menschen in Marzahn und Moabit.

Trotz dieses alternativen Stallgeruchs hat es der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg in den vergangenen Tagen zum meist gehassten Mann in der linken Szene gebracht. Er ist in ihren Augen der Grüne, der die Polizei rief, um die von Flüchtlingen besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule räumen zu lassen.

Grüne machen so was nicht, so die verbreitete Meinung im Bezirk und in der grünen Partei, auch wenn sie wie in Friedrichshain-Kreuzberg seit Jahren regieren und so die reine Lehre einigen Belastungen ausgesetzt ist. Viele Parteifreunde waren ernsthaft verärgert.

Das einst besetzte Haus, in dem der ledige Politiker immer noch wohnt, wurde mit Parolen besprüht. Und weil der Grüne kein eigenes Auto besitzt, das Radikale in einer unguten Kreuzberger Tradition anzünden können, musste ein Carsharing-Wagen dran glauben. Panhoff nutzt die Leihautos, wenn er nicht mit seinem Fahrrad durch den Bezirk fährt.

Besetzer hatten Benzin ausgegossen - Für Panhoff war es ein Nervenkrieg

Der Stadtrat hat gelitten in den vergangenen Tagen. Auch die Genugtuung kann das nicht überdecken, am Ende eine Räumung vermieden und zumindest zeitweise eine Lösung gefunden zu haben. Er persönlich war ins Risiko gegangen, zum Preis eines Rücktritts und ewiger Selbstvorwürfe, wenn jemand zu Schaden gekommen wäre in der Schule, in der Besetzer Benzin ausgegossen hatten, oder bei einer Straßenschlacht.

Der 56-Jährige traf allein die Entscheidung, mit Räumung zu drohen. Zuvor hatte ihn die Polizei unter Druck gesetzt. Sie hatte ihren Abzug angekündigt für den Fall, dass sich nichts tun sollte. Der „Mut der Verzweiflung“ habe ihn getrieben. „Ich habe fast körperlich empfunden, dass gehandelt werden muss“, beschreibt der gebürtige Karlsruher seine Stimmungslage in jenen dramatischen Stunden. Drinnen drohten Flüchtlinge, sich vom Dach zu stürzen. Draußen rangelten Unterstützer mit Polizisten. Und die Polizeiführung drohte, einfach wegzugehen, was im Verhältnis dieser Behörde zur Politik auch eine Neuheit darstellt.

Panhoff sah die Arbeit der vergangenen anderthalb Jahre in einer Horrorvision untergehen. Unterstützer, Flüchtlinge und Obdachlose, die gerade in ihrer Mehrheit aus dem Gebäude herausverhandelt wurden, würden unkontrolliert die Schule wieder besetzen. Dann hätte es gewaltsame Konflikte innerhalb der Schule geben können. Die Situation drohte noch chaotischer zu werden.

„Ich bin kein Abgeordneter, der mit politischen Forderungen in die Presse kommen muss“, ging er auf Distanz zu seinen eigenen Leuten, „sondern ein Politiker, der hier regieren muss.“ Seit anderthalb Jahren kümmert er sich um die Schule, er ist für die Immobilie zuständig. Als der Immobilienservice an einen Kollegen im Bezirksamt überging, behielt er nur dieses eine Objekt. Jeden Freitag und an vielen anderen Tagen redete er in der Schule mit den Bewohnern, persönlich, Mitarbeiter hat er dafür nicht. Der Ex-Hausbesetzer installierte ein Plenum der Bewohner. Ihm half, dass er gut Englisch und Französisch spricht. Er entwarf eine Hausordnung, dreisprachig, und hängte sie in der Aula auf.

Die Flüchtlinge wollten nicht so, wie Panhoff wollte und hoffte

Wie in seinen gewohnten alternativen Zusammenhängen hoffte der Stadtrat, dass sich ein Komitee bilden würde, dass die Flüchtlinge Strukturen einer Selbstverwaltung schaffen und verbindliche Absprachen akzeptieren würden. Die Erwartung wurde enttäuscht.

Am Ende wollten die verbliebenen Besetzer nicht mehr mit ihm sprechen. „Bring uns das Bleiberecht für alle, dann reden wir“, musste er sich anhören, als sie ihm den Zugang zu seiner Immobilie verwehrten. Da wusste der Pragmatiker, dass nur Druck helfen würde, und richtete ohne Rückendeckung des Bezirksamtes und der grünen Bürgermeisterin Monika Herrmann sein Räumungsersuchen an die Polizei. Sie sei nicht seine Chefin, sagte er. Immerhin habe Herrmann ihn auch nicht gehindert an seinem Vorgehen.

Der Bezirksbürgermeisterin verdankt der eher zurückhaltende Panhoff seinen Einstieg in die professionelle Politik. Als 2010 Jutta Kalepky nach diversen Problemen im Amt zurücktrat, machte sich Herrmann, damals noch Jugendstadträtin, für Panhoff stark, als Parteifreunde moserten, der sei doch nur Quartiersmanager. Panhoff bezog das Büro im alten Kreuzberger Rathaus hoch über der Yorckstraße – und machte einen unauffälligen Job. Das ist in der kreuzbergtypischen Debattenkultur vor allem um Stadtentwicklung kein schlechtes Zeugnis.

Jetzt bekommt der Grüne wieder Rückendeckung

Von Triumphgefühlen ist der Stadtrat weit entfernt. Er weiß, dass die Detailarbeit noch viele Tücken bereithalten kann. Auch er ist nicht glücklich mit dem Kompromiss, aber es gehe eben um Geben und Nehmen. Ob etwas Sinnvolles aus dem in der Schule geplanten „Internationalen Flüchtlingszentrum“ werden wird, ist auch noch offen. „Die Arbeit fängt jetzt erst an“, sagte Panhoff.

Der zunächst glückliche Ausgang hat ihm den Job gerettet und ihn auch wieder näher an die Seinen herangeführt. Sie werden den Abwahlantrag der Linken und Piraten ablehnen.

Antje Kapek, Fraktionschefin im Abgeordnetenhaus und mit den Kreuzberger Verhältnissen gut vertraut, zollt Panhoff Respekt: „Ich halte für richtig, was er getan hat“, sagte Kapek. Anders als viele andere habe er in dem Konflikt Verantwortung übernommen und das getan, was die Aufgabe ist von Politikern und was sie unterscheide von Bürgerinitiativen oder Aktivisten: „Er hat Interessen abgewogen und eine Entscheidung getroffen. Das erwarte ich von einem Stadtrat.“